Bei ihm hat es Klick gemacht

Innovationen der Medizintechnik (5): Im Haunerschen Kinderspital helfen kleine Magneten bei der OP

Professor Oliver Muensterer hat eine OP-Technik entwickelt, bei der kleine Magnete in den Körper eingebracht werden, um die Teile einer unterbrochenen Speiseröhre zusammenzuklicken. Das Gewebe wächst dann dort von selbst richtig zusammen.
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Professor Oliver Muensterer hat eine OP-Technik entwickelt, bei der kleine Magnete in den Körper eingebracht werden, um die Teile einer unterbrochenen Speiseröhre zusammenzuklicken. Das Gewebe wächst dann dort von selbst richtig zusammen.
  • Romy Ebert-Adeikis
    VonRomy Ebert-Adeikis
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Die neuen Superhelden der Medizin sind Magnete. Richtig eingesetzt können sie seltene Krankheiten bei Kindern behandeln. Wie das funktioniert erklärt der Entdecker der Methode hier:

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer aktuellen Serie blicken wir auf innovative Medizintechnik aus München.

Professor Dr. Oliver Muensterer vom Haunerschen Kinderspital hat eine neue Operationstechnik mit speziellen Magneten entwickelt, um Neugeborenen mit Speiseröhrendefekt besser zu helfen. Wie diese den Eingriff erleichtern und wo man sie in Zukunft noch anwenden könnte, erklärt der Experte hier.

Innovation im Haunerschen Kinderspital: Magneten als OP-Helfer bei Speiseröhrendefekt

Die sogenannte Ösophagusatresie ist ein seltener angeborener Defekt: Nur etwa 200 Kinder pro Jahr kommen in Deutschland mit einer unterbrochenen Speiseröhre zur Welt. Die Auswirkungen sind hingegen drastisch. Da weder Nahrung noch Speichel in den Magen gelangen können, müssen die Neugeborenen künstlich ernährt werden – und so schnell wie möglich operiert.

„Bislang hat man die beiden Enden der Speiseröhre zusammengenäht. Entweder durch einen großen Schnitt an der Brust oder minimalinvasiv“, sagt Prof. Dr. Oliver Muensterer, Direktor der Kinderchirurgie am Haunerschen Kinderspital. „Das ist aber technisch extrem anspruchsvoll.“

Internationales Forschungsprojekt bereits mit Preisen ausgezeichnet

Zusammen mit Forschern der University of California San Francisco hat Muensterer eine neue Methode entwickelt, welche die Operationen schonender und präziser machen soll – und dafür jüngst den Innovationspreis der Amerikanischen Gesellschaft für Kinderchirurgie gewonnen. Der Trick: speziell gekrümmte Magneten.

„Verschlucken Kinder zwei Magneten kann es passieren, dass dadurch eine neue Verbindung etwa zwischen Magen und Darm gebildet wird“, erklärt Muensterer den Ausgangsgedanken. Richtig eingesetzt könnten diese also auch einen gewünschten Hohlraum entstehen lassen – wie den fehlenden Teil einer Speiseröhre.

Magneten ersetzen Teil der Speisröhre durch Aufeinandertreffen

Dabei werden im OP zunächst die beiden Endstücke zueinandergeführt und lose mit einer Naht verbunden. Nach ein bis zwei Wochen werden von Mund und Magen aus per Endoskop die Magneten getrennt eingeführt. Durch die Anziehung klicken die jeweiligen Enden der Röhre zusammen.

Der Moment kurz bevor die Magneten aufeinandertreffen.

Dann ist die Physik am Werk. „Durch die spezielle Krümmung entsteht in der Mitte ein besonders starker Druck, sodass dort ein Durchbruch entsteht.“ Am Rand wächst das Gewebe hingegen zusammen, bis die vergoldeten Magneten durch die geschaffene Röhre fallen und schließlich ausgeschieden werden.

Die Magneten haben geklickt und die Enden der Speiseröhre wieder verbunden.

Neue Behandlungsmethode bei vier Kindern in Deutschland erfolgreich durchgeführt

Vier kleine Patienten – drei in Mainz und ein Kind in München – hat Muensterer mit der revolutionären Technik bereits operiert. „Bei allen ein Supererfolg“, schwärmt der Arzt. Zuvor hat sein Team die Methode zwei Jahre lang an Ferkeln ausgetestet.

„Das Tolle ist, dass die Ergebnisse reproduzierbar sind. Alle Magneten sehen gleich aus, also herrscht auch immer der gleiche Druck auf das Gewebe“, sagt der Kinderchirurgie-Experte. Zwei weitere Kinder wurden damit in den USA behandelt.

Das Problem: „Auf dem Markt erhältlich sind die Magneten noch nicht“, sagt Muensterer. Dafür braucht es eine Zulassung durch die Europäische oder US-Arzneimittelbehörde, weitere Studien – und ein Unternehmen, das die Magneten herstellt. Gerade letzteres zu finden, ist nicht leicht.

Für die Behandlung braucht es spezielle Magneten, die nicht einfach zu bekommen sind.

„Weil es so wenige Betroffene gibt, ist die Produktion für viele Firmen wirtschaftlich nicht interessant“, so der Experte. Es gäbe aber erste Interessenten.

Weitere Versuche mit Magneten bereits in Planung

Gleichzeitig denkt Muensterer schon weiter: „Eigentlich ist die Methode bei allen Hohlräumen im Körper anwendbar, auch bei Erwachsenen.“ Bekommen die Magneten noch kleine Löcher könnte man diese – aufgehangen an einen Draht – auch zum Weiten zu enger Speiseröhren nutzen. „Dafür planen wir gerade neue Tierversuche in Großhadern.“

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