Zählt nur Profit?

"Markt"-Check enthüllt: Apotheken schwatzen Gesunden Arzneien auf

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Neun von zehn Apotheken sind im NDR-"Markt"-Check durchgefallen.

Jetzt bricht die kalte Jahreszeit - und damit rollt auch wieder die Erkältungswelle an. Viele wollen sich schützen – und kaufen in Apotheken entsprechende Immunpräparate. Aber helfen die?

Starke Immunabwehr, Schutz gegen die Erkältungszeit, Hilfe bei Schnupfen & Co.: Wer momentan in die Schaufenster diverser Apotheken blickt, dem prangen zahlreiche Werbeaktionen für Immunpräparate entgegen.

"Markt"-Check auf NDR: Neun von zehn Apotheken fallen durch

Egal, ob pflanzlich oder gegen mehrere Beschwerden gleichzeitig – viele der angepriesenen Arzneimittel sollen allerdings vollkommen überflüssig sein, hat nun eine Untersuchung des Wirtschafts- und Verbrauchermagazins "Markt"  im NDR vergangenen Montagabend (27. November) ergeben. Dabei kam heraus: Fast alle der zehn getesteten Apotheken fielen in der Stichprobe durch – weil die Mitarbeiter nicht nur die Patienten schlecht berieten, sondern nur daran interessiert waren, ihre Medikamente zu verkaufen.

Dabei gingen die Tester von "Markt" jeweils mit derselben Anforderung zur Apotheke: Sie alle waren gesund und wollten sich sowie ihr vierjähriges Kind präventiv vor einer Erkältung schützen und das Immunsystem stärken. Doch der Allgemeinmediziner Dr. Martin Scherer von der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf zeigt sich skeptisch, er hält nichts von Medikamenten zur Vorsorge: "Bei einer Erkältung habe ich es mit einer Vielzahl von potenziellen Viren zu tun. Hier das Immunsystem unspezifisch stimulieren zu wollen, ist nicht sinnvoll."

Horrende Summen für Immunpräparate - Mediziner sind entsetzt

Zudem gaben die Tester jeweils zwischen 6,75 und stolzen 49,95 Euro für die Immunpräparate aus. Auf Anfrage bei den Arzneiherstellern weicht man dort eher aus und erklärt gegenüber dem TV-Magazin, dass Mittelchen wie "algovir" gegen Erkältung wirken KÖNNEN. Herausgeschmissenes Geld, wie auch Pharmakologe Gerd Glaeske scharf kritisiert. "Dabei handelt es sich um Mittel, wenn die Erkältung schon da ist. Auch in Studien wurden sie an Probanden getestet, die bereits Schnupfen hatten. Daher ist es fraglich, ob diese immunstimulierenden Medikamente wirklich Sinn machen. Es ist ein Verkaufen von Produkten, die mit dem Immunsystem wenig zu tun haben und insofern ist es in den meisten Fällen viel Geld für wenig Wirkung."

Nur Geschäftemacherei? Auch dieser TV-Arzt geht mit seinen Kollegen hart ins Gericht.

Was zudem auffiel: In sieben der zehn Apotheken wurden auch Nahrungsergänzungsmittel für Kinder wie Zink verkauft. Doch eine tatsächliche Wirkung von Zink, Vitamin C & Co. gilt bis heute als umstritten, meint Pharmakologe Glaeske. Zudem warnt Dr. Martin Scherer vor Risiken: "Gerade in der Wachstumsphase ist von einer unspezifischen Stimulierung des Immunsystems abzuraten, gerade auch deshalb, weil Überreaktionen induziert werden können und deshalb würde ich dazu raten, generell damit vorsichtig zu sein."

Herbstzeit ist Erkältungszeit: Was wirklich hilft, um sich davor zu schützen

Nur eine Apotheke hat den "Markt"-Test bestanden. Sie hat Tipps gegeben, wie man sich gesund durch den Winter bringt, anstatt prophylaktisch Präparate zu verkaufen. Das heißt konkret: eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, nicht zu viel Stress, Spazierengehen an der frischen Luft, häufiges Hände waschen und den Kontakt zu Erkrankten meiden. Und das ist auch gut so – schließlich sind Apotheken gesetzlich dazu verpflichtet, Kunden ausführlich zu beraten.

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So reagiert der Apothekerverband auf die Vorwürfe:

Auf Anfrage des TV-Magazins kommentiert die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA) den Reinfall am Ende schließlich so: "Bei rund 20.000 Apotheken mit 150.000 Mitarbeitern und etwa 3,6 Millionen Patientenkontakten täglich können wir natürlich nicht garantieren, dass jeder einzelne Beratungsfall zur vollsten Zufriedenheit verläuft."

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jp

Globuli: Was hinter homöopathischen Arzneien steckt

In den meisten homöopathischen Globuli ist kein Wirkstoff mehr nachweisbar. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn
In den meisten homöopathischen Globuli ist kein Wirkstoff mehr nachweisbar. © Franziska Gabbert
Für den Hausgebrauch kann man verschiedene Globuli in fertigen Sets kaufen. Die Apotheken verkaufen jährlich homöopathische Mittel im Wert von mehr als 500 Millionen Euro. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn
Für den Hausgebrauch kann man verschiedene Globuli in fertigen Sets kaufen. Die Apotheken verkaufen jährlich homöopathische Mittel im Wert von mehr als 500 Millionen Euro.  © Franziska Gabbert
Mehr als jeder zweite Deutsche hat schon mal homöopathische Arzneien wie diese Kügelchen genommen. Viele berichten, dass sie ihnen zumindest manchmal helfen. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn
Mehr als jeder zweite Deutsche hat schon mal homöopathische Arzneien wie diese Kügelchen genommen. Viele berichten, dass sie ihnen zumindest manchmal helfen.  © Franziska Gabbert
Sich selbst bei leichten Beschwerden mit Globuli wie diesen zu behandeln, halten Experten in Deutschland für unbedenklich. Die Arzneien werden strengen Kontrollen unterzogen. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn
Sich selbst bei leichten Beschwerden mit Globuli wie diesen zu behandeln, halten Experten in Deutschland für unbedenklich. Die Arzneien werden strengen Kontrollen unterzogen © Franziska Gabbert
Natalie Grams hat selbst jahrelang Menschen homöopathisch behandelt. Heute kritisiert sie ihre ehemaligen Kollegen. Etwas Gutes hat die Homöopathie für sie aber nach wie vor. Foto: Gudrun-Holde Ortner/dpa-tmn
Natalie Grams hat selbst jahrelang Menschen homöopathisch behandelt. Heute kritisiert sie ihre ehemaligen Kollegen. Etwas Gutes hat die Homöopathie für sie aber nach wie vor.  © Gudrun-Holde Ortner
Manfred Schedlowski ist Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Placeboeffekt. Foto: Manfred Schedlowski/dpa-tmn
Manfred Schedlowski ist Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Placeboeffekt. © Manfred Schedlowski

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