Bundestagswahl 2017

Wahlkampfcheck: So beurteilen Experten die Wahlplakate

München "Wahlplakate überzeugen keine Unentschlossenen", sagt Kommunikationswissenschaftlerin Romy Fröhlich. Trotzdem versinkt München bald wieder im Plakatewald. Hier beurteilen Experten die Plakate.

Wie sieht ein Wahlplakat aus, das die Wähler überzeugt? Über diese Frage zerbrechen sich Marketing-Experten aller Parteien die Köpfe. Die Ergebnisse werden bald wieder überall in München an den Straßenrändern, auf Litfaßsäulen und großen Plakatwänden zu sehen sein. Hier beurteilen Fachleute, wie gut die Gestaltung der Poster gelungen ist.

Nils-Peter Hey ist Inhaber der Unternehmensberatung „Fischfell“ und einer der wenigen öffentlich bestellten und vereidigten Marketing-Sachverständigen in Deutschland. Damit gehört er zu den profiliertesten Marketing-Experten im deutschsprachigen Raum. Als Strategie-Entwickler begleitet Nils-Peter Hey Unternehmer und ihre Marken auf dem Weg zu besseren Marketing-Entscheidungen.

Romy Fröhlich ist Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ein Schwerpunkt ihrer Forschung liegt im Bereich Public Relations/Organisationskommunikation.

CSU

Nils-Peter Hey: "Typische CSU-Schablone: Weiß-blau wie die Bayernpartei, aber immerhin mit dem höheren gestalterischen Anspruch. Klare Linie ohne Schnörkel und die üblichen Verdächtigen im Passbildstil zusammenmontiert. Es dominiert viel Textinformation, wenn auch ein Stück weniger als bei den Grünen. Die Headlinewahl ist mit „Sicherheit.“ an Einfallslosigkeit kaum zu unterbieten. Bei „Bayern zuerst.“ muss man wahrscheinlich völlig verstört überlegen, ob das jetzt eine Persiflage auf Herrn Trump ist oder ob das Volks-Duo Gauweiler/Pilsinger vielleicht Herrn zu Guttenberg um eine „Idee“ gebeten hat. Fazit: Zum Einschlafen langweilig."

Romy Fröhlich: "Mit "Blau Weiß" hat die CSU auch farblich ihr "Alleinstellungsmerkmal". Da kommt man erst gar nicht auf die Idee, beim schnellen Hinschauen etwas anderes als CSU zu vermuten. Auch geschickt: Bundespolitiker werden großformatig mit lokalen Kandidaten zusammengespannt. So macht man das."

SPD

Nils-Peter Hey: "Das knallige Rot steht klar für die Sozialdemokraten. Ansonsten lässt das Plakat den Betrachter ratlos zurück: Warum SPD wählen? Wegen der Gerechtigkeit? Wen soll ich wählen? Auf welche Website soll ich gehen? Insgesamt darf man fragen: Ist das Plakat schon fertig oder soll es knallhart und monothematisch auf die Gerechtigkeit setzen? Aber selbst dann wäre das Plakat rein werbefachlich eine Nullnummer. Es fehlt eine Handlungsaufforderung. Fazit: Weitgehender Totalausfall."

Romy Fröhlich: "Die SPD plakatiert nur ihren Slogan. Schade! Den kennen nun ja schon alle. "Butter bei der Fische" ist also immer noch nicht. Und auch keine Personalisierung. Ich bezweifle, dass das aufgeht. Bei den linken Parteien ist die Farbe rot natürlich nicht trennscharf genug."

Bündnis 90/Die Grüne

Nils-Peter Hey: "Die Grünen erkennt man natürlich sofort: Die grasigen Farbflächen sind anerkannte Botschaftsträger für die Partei. Eine Diffusität zeigt sich in der Plakatgestaltung: Illustration, Foto, Riesenheadline, Unterüberschrift, mehr Bilder, noch mehr Zahlen, Daten, Fakten. Man meint es wäre ein Wettbewerb „Wie bekomme ich möglichst viel Text auf ein Plakat“ am Laufen. Da geht die Plakataussage komplett unter, alles wirkt unentschlossen und überfrachtet. Im Vorbeifahren kann man die Informationsmenge jedenfalls kaum noch aufnehmen. Fazit: Überambitioniert."

Romy Fröhlich: "Wie bei der CSU ist es bei den Grünen farblich ziemlich klar. Die lokalen Politiker dürften aber untergehen bei Kleinplakaten. Ich nehme  an, dass die lokalen Kandidaten auch noch großformatig plakatiert werden. Die Grünen setzen also in dieser Phase eher auf sogenannte Testimonials als Experten zu ausgewählten Umweltthemen. Damit fahren die Grünen in dieser Phase prioritär eine Agendasetting-Stratergie (Themensetzung) über Experten, die nicht notwendigerweise Grüne sind/sein müssen."

Freie Wähler

Nils-Peter Hey: "Die Freien Wähler machen sich auch in der Wahlwerbung frei: Frei von unnötigem Text- und Gestaltungsballast. Gut gewählt ist die Headline. Sie regt zum Nachdenken zum an. Welche Änderungen an den Hartz-Gesetzen streben wohl die Freien Wähler an? Die Lösung findet sich sicher auf der gut lesbar platzierten Website. Insgesamt: Harmonisch gestaltet, angenehm-verständliche Wortwahl. Der soziale Anspruch wird im kontextuellen Verständnis deutlich. Gute Arbeit auf allen Ebenen, zurückhaltend, sehr passend zur sonstigen Wahrnehmung der FW. Fazit: Handwerklich gut gemacht."

ÖDP

Nils-Peter Hey: Die ÖDP macht keine Experimente: In der gesamten Plakatstrecke setzen die erklärten Naturfreunde voll auf ihr Paradethema. Das passt gut ins Partei-Bild und ist 100% glaubwürdig. Die Motivwahl ergänzt sich hervorragend mit den Headlines. Die Gegenüberstellung von „gestern“ und „heute“ zeigt: Da waren Kreativprofis am Werk. Auch die Gestaltung besticht durch eine klare Linie, eine gut abgestimmte Farbwahl und ausgewogene Bild-Text-Aufteilung. Fazit: Qualitativ die besten Plakate im Vergleich."

Bayernpartei

Nils-Peter Hey: "Die Bayernpartei bleibt sich selbst treu: Blau-weiß eben und völlig botschaftsfrei. Welche Partei will das nicht: „Gemeinsam Zukunft gestalten“. Immerhin: Man ahnt schon von Weitem, welche Partei da nun wieder aus der kommunikativen Versenkung auftaucht, auch wenn die Gestaltung insgesamt die Verbesserungsfähigste im Vergleich ist. Warum Herr Seidl es für erwähnenswert hält, dass er „bürgernah & ehrlich“ ist erschließt sich nicht. Wirkt damit eher gewollt und anbiedernd. Einen echten Grund für ein Kreuz auf dem Stimmzettel gibt’s jedenfalls nicht. Fazit: Gähn!"

AfD

Nils-Peter Hey: "Die „Danke Merkel“-Protestpartei bleibt auch in der Plakatgestaltung doppelerzkonservativ. Drei nichtssagende, allgemeine Versprechungen („Deutschland bewahren“) im langsam abgelebten Weltuntergangsstil schmiegen sich an eine stilisierte Münchenkulisse. Insgesamt: Wenig einfallsreich und anti-emotional. Aber klar in der mittlerweile gut bekannten AFDLinie. Was man dem Otto-Normal-Wähler mit dem betonten „Hol’ Dir Dein Land zurück“ sagen will verstehen allerdings nur Verschwörungstheoretiker. Fazit: Fad und einfallslos."

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