Fremdwörter verboten

Kampf dem Polit-Chinesisch – OB-Kandidaten sollen Klartext reden

Verständlich sprechen – das fordern Sieglinde Schiedek (l.) und Hannah Suttner. 
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Verständlich sprechen – das fordern Sieglinde Schiedek (l.) und Hannah Suttner. 

Politiker schmeißen oft mit unbekannten Fachbegriffen und Abkürzungen um sich. Bei einer Podiumsdiskussion sollen die OB-Kandidaten jetzt in einfacher Sprachen diskutieren. 

München – Aufmerksam liest Sieglinde Schiedek die Werbung der Parteien. „Wer soll das denn verstehen? Hier steht: Sie wollen eine Erhöhung der Betreuungsschlüssel. Wer soll denn überhaupt betreut werden? Kinder? Kranke, Erwachsene?“, fragt sie und schüttelt den Kopf. Das ist bei weitem nicht der einzige Satz, der ihr Schwierigkeiten bereitet. „Was heißt ÖPNV?“, fragt sie und schimpft: „Das liest sich wie ein Behördenantrag, den niemand versteht.“ 

Ein Problem, mit dem die 59-Jährige nicht allein ist

Immer mehr Menschen fühlen sich von den Informationen überfordert – zu lange Sätze, zu viele Fremdwörter, zu komplizierte Ausdrucksweise. Das hat zumindest Hannah Suttner, die den Nachbarschaftstreff Ramersdorf-Süd sowie das münchenweite Demokratie-Projekt von „QuarterM“ leitet, festgestellt. Ihre Kollegen aus den insgesamt 43 Nachbarschaftstreffs in München haben eine ganz ähnlich Erfahrung gemacht. „Viele Menschen verstehen die Programme der Parteien nicht oder wissen nicht, wie die Wahl funktioniert“, erzählt Suttner. Das will sie nun ändern. Und zwar vor der Kommunalwahl am 15. März. 

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Die 31-Jährige organisiert eine Podiumsdiskussion in einfacher Sprache

Mehrere Stadträte sowie die OB-Kandidaten Katrin Habenschaden (Grüne) und Hans-Peter Mehling (FW) werden dort über Themen diskutieren, die für die Nachbarschafts­treffs relevant sind. Etwa sozialer Zusammenhalt, Vielfalt, Inklusion, Ehrenamt, Bürgerbeteiligung und Wohnen. Das Besondere an der Podiumsdiskussion: „Die Redner werden angehalten, in einfacher Sprache zu sprechen.“ Sollte immer noch etwas unverständlich bleiben, kann jeder eine Karte hochhalten, auf der geschrieben steht: „Einfache Sprache, bitte!“ 

Eigens engagierte Dolmetscher sollen die Sätze dann in einfachen Worten wiedergeben. Wer denkt, das Angebot richte sich vor allem an Menschen mit einer Einschränkung oder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch, der irrt. „Es soll ganz normalen Münchnern helfen. Vieles ist in einem solchen Behördendeutsch verfasst, dass auch ich als Akademikerin aussteige – sei es, weil ich es nicht verstehe, oder es so kompliziert ist, dass ich keine Lust habe, weiterzulesen“, sagt Suttner. 

Das Traurige daran: „Wenn ich mehr solche Meldungen lese, dann habe ich das Gefühl: Das ist für andere geschrieben, aber nicht für mich“, erzählt Sieglinde Schiedek. Sie hat sich fest vorgenommen, die Diskussion zu besuchen. Für Hannah Suttner ist die Situation ein Unding: „Es ist immerhin ein Grundrecht, wählen zu können.“ Solange nicht alle verstünden, worum es geht, blieben manche Bevölkerungsgruppen von den Wahlen indirekt ausgeschlossen. „Dieses Potenzial der Nichtwähler nutzen dann zum Beispiel Populisten.“ 

Die Diskussion in einfacher Sprache

Spezielle „Dolmetscher“ sind vor Ort, um komplizierte Sachverhalte bei Bedarf in einfacher Sprache zu klären. Auch Gebärdendolmetscher übersetzen die Diskussion. Diese findet am Mittwoch, 29. Januar, ab 18 Uhr im Nachbarschaftstreff Giesing am Neuschwansteinplatz 12 statt. Mehr Infos unter www.einfache-wahl.de.

Hanni Kinadeter

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