Klimakiller Massentierhaltung

"Politik mit Gefühl und Verstand" – OB-Kandidatin Wittmann für die Tierschutzpartei

Die Bezirksrätin Susanne Wittmann geht für die Tierschutzpartei als OB-Kandidatin ins Rennen.
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Die Bezirksrätin Susanne Wittmann geht für die Tierschutzpartei als OB-Kandidatin ins Rennen.

Kleinkunst und bezahlbaren Wohnraum fördern, Frauen besser schützen und natürlich der Tierschutz – Das sind Themen, die Susanne Wittmann als Oberbürgermeisterin angehen will.

München – Die Gerichtspsychiaterin und amtierende Bezirksrätin Susanne Wittmann (54) steht bei der Tierschutzpartei auf Listenplatz Nummer 37. Dennoch will die Mutter einer 22-jährigen Tochter Oberbürgermeisterin werden.

Frau Wittmann, Sie möchten Oberbürgermeisterin werden. Auf der Liste belegen Sie allerdings nur Platz 37. Warum?
Ich war zuerst für einen Platz weit vorne auf der Liste vorgeschlagen. Aber ich bin bereits für die Tierschutzpartei im Bezirkstag Oberbayern und habe deshalb gesagt, dass ich den anderen den Vortritt überlasse. Es wäre schön, wenn wir in mehreren Parlamenten vertreten wären.

Hier gehts zur großen Hallo München Wahlumfrage.

Für eine Zulassung zur Wahl benötigen Sie bis zum 3. Februar 1000 Unterschriften. Wie ist der Stand der Dinge?
Ich finde es ungerecht, dass wir die Leute dazu ins Rathaus oder KVR schicken müssen. Der Einbau einer solch künstlichen Schwelle ist meiner Ansicht nach nicht demokratisch. Viele, mit denen wir in der Innenstadt ins Gespräch kommen, würden gerne unterschreiben. Wenn wir dann aber erklären, dass sie reingehen und in den vierten Stock müssen, winken sie ab und gehen. Das Problem, Unterschriften zu finden, spiegelt nicht die Realität. Wir sind in anderen Bundesländern bereits in Parlamenten vertreten und wenn es nur ein Sitz ist. Aber wenn dann Anträge gestellt werden und diese auch durchgehen, sieht man, dass es doch der Wille der Bevölkerung ist, wenn im Parlament Unterstützung gefunden wird. Es ist schwer einzuschätzen, ob wir die 1000 schaffen, womöglich kommt der große Schub noch am Ende.

Was ist Ihr Ziel für den Stadtrat?
 Zwei Sitze wären super. Aber wir wären auch über einen glücklich. Denn wenn ein Mensch tolle Anträge stellt, dann ist es völlig egal, wie stark die Fraktion ist.

Und welche Themen möchten Sie angehen?
Wir wollen die Kleinkunst fördern. Berlin ist nicht deshalb so aufregend, weil die Leute besser sind, sondern weil sie mehr Möglichkeiten haben. Bei uns gibt es immer nur Zwischennutzungen und dann kommt doch wieder ein Büro hin. Oder es ist so traurig zu sehen, wenn die Menschen begeistert einem Straßenmusiker lauschen und dann vom Ordnungsamt vertrieben werden. Was nicht so bekannt ist, ist, dass es auch bei uns viele Streunerkatzen gibt. Daher fordern wir eine Katzenschutzverordnung mit Kastration.

Umstritten ist, wie man mit den Stadttauben umgehen soll...
Es gibt die Taubenliebhaber und dann gibt es Menschen, die hassen Tauben. Beide Seiten haben gemein, dass sie finden, dass es nicht noch mehr Tauben geben sollte. Dabei gibt es bereits eine effektive Methode um die Bestände zu kontrollieren – nämlich das Augsburger Modell. Das sind betreute Taubenschläge, in denen die Eier der Tauben ausgetauscht werden. Und dann sind da noch die Wildtiere. Wir sagen, dass man Mitgefühl haben muss und nicht einfach ein Tier abknallt, nur weil es gerade nicht hierher gehört. Stattdessen sollten sie lieber eingefangen werden und dann schaut man, wie man sie wieder auswildern kann.

Haben diese Themen für Sie Priorität gegenüber bezahlbarem Wohnraum und Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs?
Nein, aber das sind die Themen der Tierschutzpartei. Bezahlbaren Wohnraum bewirbt ja inzwischen schon die CSU. Ich möchte, dass München eine Stadt ist, in der sich Menschen wohlfühlen, in der es weniger Armut gibt, wo es weniger Enge und Aggression gibt. Wenn ich in der Früh in die Arbeit fahre, komm ich manchmal gar nicht in die U-Bahn, so voll ist sie. Und es geht ruppig zu. Ich meine nicht, dass früher alles besser war – aber es war schon mal entspannter. Das hat mit der Knappheit an Raum zu tun. Je enger es ist, desto mehr steigt der Druck. Mittlerweile sagen alle Parteien "ja" zu Wohnungen, doch es scheint mir nicht glaubhaft. Man muss konkret schauen, beispielsweise hinsichtlich Studentenwohnheimen, Personalwohnungen. Man sollte die unterstützen, die sowieso schon etwas tolles machen, wie Genossenschaften. Auf der anderen Seite können wir nicht alles zubauen, es braucht auch Orte der Begegnung.

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In Bezug auf die Wildtiere sagten Sie, dass man Mitgefühl haben muss. Laut Ihrem Wahlprogramm wollen Sie "Politik mit Gefühl und Verstand" betreiben. Wie darf man das verstehen?
Mitgefühl ist ein ganz zentrales Empfinden des Menschen, damit kommen fast alle auf die Welt. Schon Kleinkinder reagieren irritiert, wenn ein anderer Mensch weint. Aber teilweise wird dieses Mitgefühl den Menschen aberzogen. Dann heißt es, man muss sich durchsetzen, mit Ellenbogen und allem was nötig ist. Und dieses Problem führt im Grunde auch zur heutigen Umweltzerstörung.

OB-Kandidatin Susanne Wittmann (Tierschutzpartei): " Ich bin Psychiaterin und kann daher sagen: Wer Tiere quälen kann, der ist auch zu Menschen nicht nett."

Die Tierschutzpartei ist ein Freund der vegetarischen/veganen Lebensweise. Ist das die Zukunft?
Ich denke, dass es bald Kunstfleisch geben wird. Noch gibt es genügend Leute, die an unserem Stand vorbeilaufen, lachend in einen Hamburger beißen und sich dabei klasse finden. Aber irgendwann werden die Menschen nicht mehr verdrängen, was alles durch die Massentierhaltung kaputtgeht. Da können wir Elektro-Autos bauen soviel wir wollen, die Massentierhaltung ist der Klimakiller Nummer eins. Irgendwann wird es außenpolitisch nicht mehr durchsetzbar sein, dass in anderen Ländern Futtermittel für unsere Tiere angebaut wird und die Leute dort verhungern. Es kann doch nicht sein, dass andere Leute leiden müssen, nur damit jemand bei uns sein Schnitzel hat.

Was wäre ein guter Ansatz?
Wenn wir auf kommunaler Ebene bewirken könnten, dass es in jeder städtischen Kantine, jedem Krankenhaus, eine vegane Auswahloption gibt, würde das schon was ausmachen. Und es ist ja nicht so, dass man jemandem etwas aufzwingt. Bis vor zwei Jahren galten Leute wie ich als Spinner. Wenn ich gesagt habe, dass ich kein Fleisch esse, haben die Leute mich ausgelacht. Langsam merkt man einen Paradigmenwechsel. Mir persönlich hat Greta Thunberg gutgetan. Trotzdem finde ich es traurig, dass Menschen plötzlich Dinge spannend finden, die Forscher seit Jahrzehnten sagen. Da merkt man, wie populistisch die Politik manchmal läuft.

Wie ernähren Sie sich denn?
Ich lege mich da nicht auf einen Begriff fest. Ich sage immer, dass ich kein Fleisch esse und so lebe, wie ich es für mich vertreten kann.

Sie haben das Gefühl, dass es im immer enger werdenden München auch immer ruppiger zugeht. Empfinden Sie unsere Stadt denn als sicher?
Um ehrlich zu sein, habe ich mich früher sicherer gefühlt. Ich bin in den letzten Jahren öfter mal in eine unangenehme Situation gekommen. Wenn ich im Bus von fremden Männern auf Sex angesprochen werde, was völlig absurd ist, dann bekomme ich als Frau doch Angst. Es heißt immer, München ist immer sicherer. Ich arbeite beim Gericht. Die Tendenz ist eine andere, als sie kommuniziert wird. Ich hab vor zwölf Jahren beim Gericht angefangen, da hatten wir vor allem Ladendiebstähle und Drogen und weniger Gewalt und Sexualdelikte.

Und wie könnte man die Situation verbessern?
Die übliche Phrase lautet Polizei aufstocken. Aber das ist wie wenn man sagt wir brauchen mehr Erzieherinnen oder Pflegepersonal. Das ist populistisch. Da muss man auch wieder bei Wohnraum ansetzen. Das Thema Sicherheit ist nicht so einfach zu lösen. Da würde ich mir auch gar nicht anmaßen, dass ich das kann, sondern Sicherheitsexperten zurate ziehen. Man darf als Oberbürgermeisterin niemals beratungsresistent sein.

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Bekommen Sie durch Ihren Beruf noch weitere Dinge mit, die in der Öffentlichkeit so nicht wahrgenommen werden?
Der Umgang mit Opfern von Vergewaltigungen. Die Täter, die man überhaupt zur Anzeige bringen kann, sind meistens die, die man kennt. Wenn es zu einer Verhandlung kommt, ist diese sehr zermürbend für die Opfer. In Deutschland ist es nur eine Vergewaltigung, wenn man beweisen kann, dass der Mann wusste, dass die Frau das nicht will. Im Zweifel heißt es für den Angeklagten. Es kommt ganz, ganz oft zum Freispruch obwohl alle im Gerichtssaal wissen, dass es passiert ist. Für die Opfer ist das ganz schlimm, weil sie dann auch noch als Lügnerinnen dastehen. Viele Frauen sagen, dass der Prozess schlimmer war, als die Tat selber.

Also braucht es nach Ihrer Meinung eine Gesetzesänderung?
Unbedingt, zum Schutz der Frauen. Als Psychiaterin untersuche ich nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Zwischendrin habe ich mich auch mal ins Ministerium für Gesundheit abordnen lassen, weil ich unter meiner Arbeit gelitten und Abstand gebraucht habe. Das Gesetz werde ich auch als Oberbürgermeisterin nicht ändern können, aber es ist wichtig, das bekannter zu machen.

Interview: Daniela Borsutzky

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