Mit zuversichtlichen Aussichten für München

Mit Digitalisierung in die Zukunft – Jörg Hoffmann will für die FDP Oberbürgermeister werden

Jörg Hoffmann setzte sich parteiintern mit 59 Prozent gegen Fritz Roth als OB-Kandidat durch.
+
Jörg Hoffmann setzte sich parteiintern mit 59 Prozent gegen Fritz Roth als OB-Kandidat durch.

"Wir kandidieren ja nicht zum Spaß." - Der OB-Kandidat der FDP Jörg Hoffmann meint es ernst und hat sich Ziele gesteckt. Sein Leitspruch lautet "Zukunft für München".

München – Bei der letzten Kommunalwahl hat es für die FDP nur für drei Stadtratssitze gereicht. Jetzt wollen sie diese mindestens verdoppeln und mit Jörg Hoffmann (48) den OB stellen. Der Hochschulprofessor und Steuerberater ist siegessicher und verweist auf die niederbayerische Hauptstadt Landshut: „Die haben 44 Stadträte. Davon einen FDP-Stadtrat und einen FDP-Oberbürgermeister.“ Im Interview verrät Hoffmann, wie er das ebenfalls schaffen will.

Herr Hoffmann, werden Sie Oberbürgermeister?
Selbstverständlich. Wir kandidieren ja nicht zum Spaß. Wir werden alles geben, um die Stichwahl zu erreichen. Leider gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung nur drei Kandidaten. Wir versuchen, dem entgegenzutreten, indem wir einen guten Wahlkampf machen.

Haben Sie also das Gefühl, dass Sie medial nicht gewertschätzt werden?
Es ist schon so, dass die großen Zeitungen auch Slots für die aus ihrer Sicht kleineren Parteien haben. Aber große Podiumsdiskussionen, Redaktionsbesuche, Fragen zu bestimmten aktuellen Themen – da lassen sich schon Muster erkennen, dass nur die großen Drei auftauchen.

Sie haben sich mit knappen 59 Prozent gegen den Stadtvorsitzenden Fritz Roth als OB-Kandidat durchgesetzt. Haben Sie die volle Unterstützung der FDP?
Ja, und vor allem die von Fritz Roth. Wenn man keinen Gegenkandidaten hat, wenn die Partei vorher schon alles abgekartet hat – wie das bei den andern Großen so üblich ist – dann wären 59 Prozent in der Tat ein sehr schwaches Ergebnis. Aber unser System ist völlig öffen. Bis zum Tag der Aufstellungsversammlung kann man sagen, dass man kandidieren will.

Hier gehts zur großen Hallo München Wahlumfrage.

Bei der letzten Kommunalwahl hat's für nur drei Stadtratssitze gereicht. Jetzt wollen Sie mindestens verdoppeln. Wie realistisch ist das? Und wie wird man damit Oberbürgermeister?
Zur Zeit der letzten Kommunalwahl war die FDP völlig am Boden. Doch selbst in diesem "Tränental" hatten wir drei Sitze, davor waren es fünf. Jetzt sind wir wieder in einer Zeit, das sieht man am Bundestrend, dass es stabil besser wird. Sechs Sitze sind also durchaus realistisch. Dieter Reiter, der sich ja große Chancen ausrechnet OB zu bleiben, wird sicherlich mit einer ganz schwachen Fraktion aus der Wahl rausgehen. Das schließt sich also nicht aus. Landshut beispielsweise als niederbayerische Hauptstadt hat einen FDP-Mann als OB. Die haben 44 Stadträte – davon ist einer FDP-Stadtrat und einer Oberbürgermeister. Die OB-Wahl ist eine Persönlichkeitswahl. Das nimmt der Herr Reiter für sich in Anspruch, der Herr Alexander Putz in Landshut und ich auch.

Ihr Leitspruch lautet "Zukunft für München". Soll das ein Gegenmodell zu "Wieder München werden" der CSU sein?
Nicht nur zur CSU, auch zu den Grünen und zur SPD. Unsere gesellschaftliche Stimmung ist mir im Moment zu negativ. Wir haben Angst vor dem Klimawandel, vor sozialem Abstieg, vor Arbeitslosigkeit obwohl Vollbeschäftigung herrscht, vor Wohnungsnot. Dabei gibt es doch Lösungen. Die Menschen entwickeln sich fort, alles wird effizienter.

OB-Kandidat Jörg Hoffmann (FDP): "Ich sehe die FDP als einzige Partei, die mit Zuversicht in die Zukunft schaut."

Und wie sehen Ihre zentralen Themen aus?
Das Wachstum und dessen Steuerung. Dass beispielsweise die neue "München Liste" oder auch Teile der CSU keine neuen Arbeitsplätze ausweisen wollen, verkennt meines Erachtens völlig die wirtschaftlichen Zusammenhänge. München ist eine prosperierende Stadt und den Menschen geht es im Großen und Ganzen gut. Die Menschen streben in die Städte und wir müssen schauen, dass wir eine attraktive Stadt bleiben: durch Wohnungsbau, Gewerbegebiete, eine Stadtumlandplanung, einen guten Nahverkehr.

Bleiben wir beim Wohnungsbau. Was muss anders laufen?
Wir sind dafür, dass neu gebaut wird, auch von der Stadt. Im Moment haben wir das Problem, dass die Stadt im Jahr 300 Millionen Euro für das Vorkaufsrecht ausgibt – also für bereits bestehende Wohnungen. Auch wenn ein "böser Investor" Wohnungen kauft – der wird die nicht abbauen und in Moskau oder China wieder aufbauen. Sondern der möchte sie hier auch gut vermieten. Deswegen würde ich die 300 Millionen Euro lieber für eigenen Neubau der Stadt ausgeben. Bei den sogenannten "Miethaien" sollte man einmal in sich gehen: Jeder, der ein bisschen private Altersvorsorge macht, über eine Lebensversicherung oder Betriebszusagen - der hat auch Wohnungen in München. Denn die Investoren sind ganz oft Lebensversicherungen, Banken, große Industrieunternehmen. Natürlich gibt es überall auch schwarze Schafe, denen man das Handwerk legen muss. Aber es ist nicht so, dass der ganze Münchner Mietmarkt von "Miethaien" beherrscht wird.

Wie müssen Ihrer Ansicht nach Wohnungen gebaut werden?
In Feldmoching gibt es Flächen. Allerdings bin ich nicht dafür, dass im Rahmen der SEM zu machen, sondern man sollte mit den Eigentümern reden. Und ich bin ein Fan von Hochhäusern. Vorausgesetzt, sie sind gut gemacht und passen an den Ort. Die alte Paketposthalle halte ich für einen absolut geeigneten Standort.

Hier gehts zur großen Hallo München Wahlumfrage.

Was muss beim Verkehr getan werden?
Es braucht einen Verkehrsmix. Es hat keinen Sinn, einzelne Verkehrsteilnehmer zu verteufeln oder besonders zu beglücken. Ich bin selbst begeisterter Radler. Wir haben vom Gesamtverkehrsnetz 18 Prozent Radwege in München. Gemessen an den gesamten in der Stadt zurückgelegten Kilometern liegt der Radanteil aber nur bei fünf Prozent. Jetzt kann ich das Rad fördern und wenn ich ganz, ganz gut bin in den nächsten sechs Jahren verdreifachen. Dann wären es 15 Prozent. Und dann erklären Sie mir, wie das funktionieren soll, wenn wir für 15 Prozent Anteil den sonstigen Verkehr dicht machen. Die Ludwigsbrücke ist für mich ein wahnsinnig abschreckendes Beispiel. Oder am Friedensengel soll eine Busspur hinkommen – für einen Bus, der sechs Mal die Stunde fährt. Damit werden zwei der Hauptbrücken über die Isar dicht gemacht. Beim ÖPNV haben wir auch ein eklatantes Versagen von Rot-Grün. Das Geld vor allem in die Radwege zu stecken und nicht in den Nahverkehr halte ich für falsch.

Eine U-Bahn zu bauen dauert ganz schön lange...
Wenn die in der 90er-Jahren nicht aufgehört hätten, hätten wir jetzt wahrscheinlich schon diese berühmte U9. Aber jetzt müssen wir alles neu anfangen und auch die Strukturen neu schaffen. Das dauert Jahrzehnte. Aber wir brauchen Entlastung. Und das lässt sich nicht nur mit Expressbussen und Trambahnen lösen. Wir brauchen den Mix.

Brauchen wir auch die Autos?
Radverkehr fördern ist gut, wird's aber nicht reißen. Beim ÖPNV haben wir lange geschlafen, da müssen wir jetzt das Ruder rumreißen. Man muss den Einpendlern Angebote machen, die S-Bahn-Takte verdichten und sie zuverlässiger machen. Wenn sie preisgünstiger wäre, würde man da sicher auch viele bewegen können. Aber es gibt so viele Flecken im Münchner Oberland, wo es keine Chance gibt, öffentlich in die Stadt zu kommen, außer man lässt sich drei Stunden Zeit. Natürlich fahren die Leute mit dem Auto, solange das so schlecht ausgebaut ist.

Wie könnte man solche Prozesse beschleunigen?
Bei uns sind die Planungsphasen länger als die eigentlichen Bauphasen. Sieht man ja an der Zweiten Stammstrecke. Allerdings ist das keine kommunale Kompetenz, sondern da ist der Bund gefragt, solche großen Infrastrukturmaßnahmen zu erleichtern. Trambahnen können wir in eigener Hoheit bauen, daher fordern wir, dass diese schnell angegangen werden.

Jetzt hatte ich eigentlich vermutet, dass Sie sagen, mit Digitalisierung würde alles schneller gehen...
Damit können wir nicht schneller bauen. Aber durch Digitalisierung lässt sich der Verkehr verbessern. Die Stadt verfügt über so viele Daten, sei es aus Parkhäusern oder Verkehrszählungen. Man könnte eigentlich heute schon sagen, wann ein Parkhaus wie ausgelastet ist. Über die Möglichkeiten der Digitalisierung könnte der Einzelne sagen, dass er heute nicht in die Stadt fährt, weil er keinen Parkplatz bekommt. Oder er bucht vorab einen Parkplatz und fährt dann entsprechend in die Stadt. Oder man sieht in Echtzeit, wo die Züge waren, wo es Probleme gibt. Mit einer vernetzten Mobilitäts-App. Weltweit arbeiten Leute daran, den Verkehr durch Digitalisierung flüssiger zu gestalten. Das Problem ist, dass die Stadt sehr ängstlich ist, weil eben Daten genutzt werden. Dabei sind es Daten einer anonymen Masse, die nur zeigen, wann sich wo Autos bewegen.

Hier gehts zur großen Hallo München Wahlumfrage.

Wie sieht der Verkehr der Zukunft aus?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in zehn bis 15 Jahren echtes autonomes Fahren haben. Mit echt meine ich, ohne Lenkrad und Bremsen. Und dann bekommt natürlich Car-Sharing eine ganz andere Dimension. Heute müssen Car-Sharing-Autos auf der Straße geparkt werden und warten, bis der nächste kommt. Wenn autonomes Fahren funktioniert, dann werden die Autos den ganzen Tag fahren. Wenn ich mir per App ein Auto bestelle, das mich abholt, kann der Algorithmus schon weiterplanen. Aber das dauert natürlich noch ein paar Jahre und wird sicherlich den ÖPNV nicht überflüssig machen.

Wie sicher fühlen Sie sich in München?
Wenn wir uns ansehen, wie die objektiven Daten sind, also wie viele Morde oder Raubüberfälle es gibt – dann ist München eine der sichersten Großstädte auf der ganzen Welt. Allerdings kann man schon feststellen, dass das subjektive Sicherheitsempfinden manchmal anders ist. Woran das liegt, kann ich mir nicht so ganz erklären. Ich persönlich fühle mich sehr wohl. Anderes Thema ist die Sicherheit der Kinder. Man kann zunehmend beobachten, dass die Eltern der Kinder Angst um sie haben. Unser zehnjähriger Sohn muss beispielsweise zwei Mal die Woche nachmittags mit der U-Bahn fahren wenn er zum Chor geht. Das macht er seit zwei Jahren so. Und wenn man das erzählt, gibt es schon Eltern, die uns mit großen Augen anschauen und sagen, dass sie es ihrem Kind nie erlauben würden und es viel zu gefährlich sei.

Stichwort Kinder. Wie familienfreundlich ist München?
Da gibt es sicher noch Nachholbedarf. Nach wie vor gibt es ein Problem mit der Kinderbetreuung, da braucht es einen weiteren Ausbau. Für Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, gibt es beispielsweise noch gar kein Angebot in Form einer Betreuung. Oder was die Spielplätze angeht: Die sind in Städten wie Wien einfach viel besser gemacht. In München sehen alle Spielplätze gleich aus, viele sind schon alt und zerbröselt und es gibt nicht so richtige Knaller, bis auf ein paar Ausnahmen.

Wenn Sie Oberbürgermeister werden würden – was wäre Ihre erste Amtshandlung?
Ich würde die beschlossenen Rückbauten der Fahrstreifen auf Eis legen und einen Runden Tisch einberufen, um ein Gesamtverkehrskonzept zu erarbeiten. Im Sinne von "Teilt euch die Straße".

Interview: Daniela Borsutzky

Weitere aktuelle Nachrichten aus den Stadtteilen:

Ihr Viertel ist nicht dabei? Eine große Auswahl weiterer Lokalthemen finden Sie in unserer Übersicht.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare