Neurologe: Timoschenko nicht verhandlungsfähig

+
Die inhaftierte ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko

Kiew - Unmittelbar vor Beginn eines neuen Prozesses hat die inhaftierte ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko ihre Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen verweigert.

Auch nach Einschätzung des Neurologen der Berliner Charité, Lutz Harms, ist die ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko nicht verhandlungsfähig. Ihre Schmerzen aufgrund des Bandscheibenvorfalls müssten mit Medikamenten betäubt werden, sagte Harms am Montag “Morgenpost online“. Harms war bereits zweimal in dem ukrainischen Krankenhaus Charkow, um Timoschenko zu behandeln. Der Neurologe bekräftigte die Diagnose des Charité-Chefs Karl Max Einhäupl, der Timoschenko am Sonntag erneut in der Ukraine untersucht und für verhandlungsunfähig erklärt hat.

Unter Berufung auf dieses Gutachten weigerte sich Timoschenko, am Montag an der Eröffnung eines zweiten Prozesses gegen sie teilzunehmen. Der Staatsanwalt forderte daraufhin, die Angeklagte müsse sich von einem Amtsarzt untersuchen lassen.

Harms sagte zu Timoschenkos Gesundheitszustand: “Sie war nicht fähig, längere Zeit auf einem Stuhl zu sitzen. Auch der sitzende Transport in den Gerichtssaal wäre ein Problem“, sagte der Arzt. “Dazu kommt der Stress, den das Ganze auslöst. Belastungen wie diese sind bei einem chronischen Schmerzsyndrom kontraproduktiv.“ Der Neurologe empfahl, die Oppositionsführerin nach Kiew zu überweisen. “Noch besser wäre es, sie unter Hausarrest zu stellen.“

Lange Haftstrafe: Julia Timoschenko im Porträt

Die Vollblutpolitikerin Julia Timoschenko zählt als Oppositionsführerin und Ex-Regierungschefin zu den auffälligsten Akteuren der Ukraine. 2010 verpasste sie knapp den Sprung ins Präsidentenamt. © dpa
Der Erzrivale Viktor Janukowitsch siegte. Ihre Verurteilung wegen Amtsmissbrauchs sieht die 50-Jährige als Beweis dafür, dass der Staatschef sie politisch “kaltstellen“ wolle. © dpa
Allerdings gibt sich die Frau mit dem geflochtenen Zopf als Markenzeichen weiter kämpferisch. Sie lasse sich auch hinter Gittern nicht unterkriegen, sagte Timoschenko im Gerichtssaal. © dpa
Während der prowestlichen Orangenen Revolution von 2004 gingen die Bilder von Timoschenkos Auftritten vor Zehntausenden Demonstranten in Kiew um die Welt. © dpa
Die zierliche Frau, die als knallharte Machtpolitikerin gilt, wurde zum Symbol für eine national selbstbewusste Ukraine mit Kurs nach Westen. © dpa
Politische Gegner werfen ihr vor, keine saubere Weste zu haben. Die Frau mit einem Ingenieursdiplom war durch die Privatisierungswelle nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zur reichen “Gasprinzessin“ aufgestiegen. © dpa
Bereits 2001 war sie wegen Schmuggels und Urkundenfälschung angeklagt worden. Sie konnte aber damals das Untersuchungsgefängnis nach 42 Tagen ohne Schuldspruch verlassen. © dpa
Als Ziel ihrer Politik hatte die am 27. November 1960 in Dnjepropetrowsk geborene Timoschenko stets einen schnellen Beitritt der früheren Sowjetrepublik zur Europäischen Union angegeben. Ihre Kontrahenten warfen ihr aber vor, das zweitgrößte Flächenland Europas mit einer sprunghaften populistischen Politik in den Ruin zu treiben. © dpa

Der Prozess wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung sollte um 9 Uhr MESZ beginnen. Einhäupl hatte die 51-Jährige am Vortag in einer Klinik in der Stadt Charkow untersucht und von einem Transport abgeraten.Wegen der Vorwürfe aus ihrer Zeit als Chefin eines Energiekonzerns in den 1990er Jahren drohen Timoschenko zwölf weitere Jahre Haft.

Anklage fordert Amtsarzt-Untersuchung

Die Anklage forderte die Untersuchung durch einen Amtsarzt. Damit solle geklärt werden, an welcher Krankheit die Oppositionsführerin leidet und ob sie an dem umstrittenen Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung teilnehmen könne. Das sagte Staatsanwalt Viktor Lobatsch am Montag Medien zufolge im Gerichtssaal in der Stadt Charkow.

Der Anführerin der prowestlichen Orangenen Revolution von 2004 drohen zwölf weitere Jahre Haft, weil sie in ihrer Zeit als Chefin eines Energiekonzerns in den 1990er Jahren 681 000 Griwna Steuern (heute rund 68.000 Euro) nicht gezahlt haben soll. Zudem habe sie dem Staat einen Schaden von 30 Millionen Griwna zugefügt.

Timoschenko war im Oktober 2011 in einem international kritisierten Verfahren wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Straflager verurteilt worden. Der Fall überschattet auch die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine. Als Vertreter des EU-Parlaments beobachteten der polnische Ex-Staatschef Aleksander Kwasniewski und der irische frühere EU-Parlamentspräsident Pat Cox den Prozess.

dpa

Auch interessant:

Meistgelesen

Coronavirus-Krise: Debatte um Maskenpflicht
Coronavirus-Krise: Debatte um Maskenpflicht
UN-Chef Guterres: Größte Herausforderung seit Weltkrieg
UN-Chef Guterres: Größte Herausforderung seit Weltkrieg
Wirren der Stichwahl in Bayern: Spaenle feiert wohl doch noch Comeback - Gemeinde übersieht 340 Wahlbriefe
Wirren der Stichwahl in Bayern: Spaenle feiert wohl doch noch Comeback - Gemeinde übersieht 340 Wahlbriefe
Städte- und Gemeindebund gegen Maskenpflicht
Städte- und Gemeindebund gegen Maskenpflicht

Kommentare