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Experte Neumann zu Putins Krieg in der Ukraine: „Terror ist Teil des russischen Repertoires“

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Von: Marcus Mäckler

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Die Gräueltaten russischer Soldaten in Butscha haben das Land erschüttert. Eine trauernde Frau hält das Foto ihres getöteten Ehemannes in den Händen.
Die Gräueltaten russischer Soldaten in Butscha haben das Land erschüttert. Eine trauernde Frau hält das Foto ihres getöteten Ehemannes in den Händen. © Ken Cedeno/imago

Im Ukraine-Krieg verschieben sich die Frontlinien derzeit kaum. Terror-Experte Neumann erwartet kein schnelles Ende, wie er im Merkur-Interview erklärt.

München – Gibt es ihn, den fairen, regelbasierten Krieg? So viel ist klar: Nicht in der Ukraine. Spätestens das Massaker von Butscha hat gezeigt, dass russische Truppen Terror gegen die Zivilbevölkerung bewusst einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Im Merkur-Interview erklärt der Terror-Experte Peter Neumann, wie Russland das Kriegsrecht seit Beginn des Ukraine-Kriegs systematisch bricht – und warum.

Herr Neumann, der heutige Tag ist doppelt symbolisch: Vor sechs Monaten begann der Krieg – zugleich feiert die Ukraine ihre Unabhängigkeit von den Sowjets. Glauben Sie, die Russen nutzen das Datum für eine Machtdemonstration?

Es würde jedenfalls in ihr Narrativ passen, das ja heißt: Die Ukraine ist kein legitimer Staat. Aber ob wirklich etwas passieren wird, lässt sich nur schwer vorhersagen

Spätestens seit dem Massaker von Butscha mit hunderten toten Zivilisten wissen wir, wie grausam russische Truppen vorgehen. Ist Terror das richtige Wort?

Terror kann man verschieden definieren. Im Krieg ist er die Art von Aktion, die eine einschüchternde Botschaft senden soll, damit der Angegriffene dem Aggressor keinen Widerstand mehr leistet. Butscha war lehrbuchmäßig. Es gab dort großen Widerstand gegen die Russen. Was taten die also? Sie brachten Zivilisten um, platzierten sie so auf den Straßen, dass alle sie sehen konnten, und erwiesen ihnen nicht mal ein Minimum an Respekt. Russische Truppen haben das in der Vergangenheit vielerorts so praktiziert, in Tschetschenien oder Syrien. Terror ist Teil ihres Kriegs-Repertoires.

Der Terror-Experte Peter Neumann im Interview.
Der Terror-Experte Peter Neumann im Interview. © Sachelle Babbar/imago

Ukraine-Krieg: Terror soll einschüchternde Botschaften senden

Putin hat eine Einheit, die für das Massaker mit verantwortlich sein soll, für ihre Tapferkeit geehrt. Was sagt das über die Gesellschaft in Russland?

Viele Menschen nehmen diese Art der Kriegsführung als normal wahr im Kampf gegen die, die sie für Nazis und Terroristen halten. Im russischen Fernsehen sieht man täglich Ukrainer, die angeblich Russen töten. Daraus leiten die Leute ab: Wir können nur siegen, wenn wir genauso aggressiv sind wie der Feind.

Es gibt Berichte über Kastrierung und Enthauptung von Soldaten. In einem Lager wurden 50 ukrainische Kriegsgefangene getötet. Ist diese Art von Grausamkeit wirklich gewollt?

Natürlich muss man jeden Einzelfall prüfen und schauen, was dran ist. Aber ja, Ziel dieses Terrors ist Demoralisierung durch maximalen Schrecken. Allerdings ist nicht alles so klar, wie es scheint. Die Ausrüstung der Russen scheint teils so veraltet, dass sie Raketen und Mörser kaum zielgenau abschießen können. Manche Vorfälle könnten Irrtümer sein. Aber in Summe zeigt sich: Kriegsverbrechen gehören zum Modus Operandi der Russen.

Ist die Vorstellung eines regelbasierten fairen Krieges nicht ohnehin naiv?

Es ist wichtig, dass es Normen gibt, denen sich Kriegsparteien beugen. Speziell die Russen waren es ja, die immer auf die Amerikaner zeigten und sagten: Anders als die halten wir uns an das Völkerrecht. Auch diejenigen, die Russland international unterstützen, müssen verstehen, dass hier eine Seite das Kriegsrecht systematisch bricht.

Offenbar erreicht Putin sein Ziel der Demoralisierung nicht...

Da muss man unterscheiden: Den Russen geht es einerseits um das Erobern von Gebieten – und da kommen sie langsamer voran als erwartet. Zweitens wollen sie eroberte Gebiete halten. Terror kommt meist zum Einsatz, um dieses zweite Ziel zu erreichen. Im Donbass ist das erfolgreich. Der Widerstand ist jedenfalls bisher noch kein riesiges Problem für die Russen.

Experte warnt vor Relativierung von Gräueltaten im Ukraine-Krieg

Würden Sie Ukraines Präsident Selenskyj zustimmen, der Russland als Terrorstaat bezeichnet?

Ich rate zur Vorsicht. In diesem Krieg versucht jede Seite, der anderen Kampfbegriffe anzuhängen: Terrorist. Genozid. Nazi. So etwas trägt zur Relativierung von Gräueltaten bei, wenn es nicht zutrifft. Russland ist ein Land, das staatlichen Terrorismus einsetzt. Aber ein Terrorstaat? Das würde heißen, der ganze Staat halte sich nur durch Terror an der Macht. Dabei gibt es in der Bevölkerung leider viel Zustimmung zum Krieg.

Sehen Sie, dass die Ukrainer auch auf Terrormittel zurückgreifen?

Natürlich mag es auch auf ukrainischer Seite Kriegsverbrechen geben. Aber hat das System? Das sehe ich nicht. Wolodymyr Selenskyj weiß sehr genau, dass das moralische Kapital der Ukraine darin besteht, das Opfer zu sein. Nur deswegen bekommen sie westliche Unterstützung.

Moskau beschuldigt Kiew, hinter dem Attentat auf die Tochter des Kreml-Ideologen Dugin zu stecken...

Ich halte das aus zwei Gründen für unplausibel: Erstens haben die Ukrainer derzeit Wichtigeres zu tun. Zweitens sind Dugin und seine Tochter aus ukrainischer Sicht keine wichtigen Ziele. Jetzt gibt es eine Ideologin weniger. Das bewirkt auf dem Schlachtfeld kaum etwas. Und auch politisch macht es kaum einen Unterschied.

Terror-Experte: „Die Frontlinien werden sich verfestigen“ im Russland-Ukraine-Krieg

Die Frontlinie verschiebt sich derzeit kaum. Könnte es sein, dass sich beide Seiten in den kommenden Wochen darauf verlegen, die jeweils andere mit Terror zu überziehen?

Das wird ein viel längerer Konflikt, als viele glauben. Die Frontlinien werden sich verfestigen. Das ukrainische Militär ist mit westlicher Hilfe immer besser geworden, für die Russen wird es dagegen schwieriger, mit einer Materialschlacht Gebietsgewinne zu machen. Sie haben zwar einen Riesenvorrat an Munition, aber jeder Quadratkilometer ist teuer erkauft. Ich denke, der Krieg wird in eine neue Phase gehen, in der es hinter den Frontlinien zum Partisanenkrieg kommt.

Mit Aktionen auf russischem Boden?

Möglicherweise. Bisher hat das der Westen verhindert. Die Ansage an Kiew war: Wir unterstützen Euch unter der Bedingung, dass Ihr nichts in Russland macht – aus Sorge vor einer Eskalation. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Commitment schwächer wird. Auf der anderen Seite könnten die Russen mit ihrem Netzwerk in der Ukraine unkonventionelle Aktionen starten.

Sie haben ein Buch geschrieben, das im September erscheint. Welche Rolle spielt der russische Angriff in der titelgebenden „neuen Weltunordnung“?

Im Buch beschreibe ich, wie der Westen den Vorteil verspielt hat, den er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte. Dazu gehört, dass wir uns zu lange eingeredet haben, wir könnten die Russen in den Westen einbinden. Stattdessen sind wir von Moskau abhängig geworden. Ich meine, wenn Historiker in 200 Jahren auf heute zurückblicken, werden sie Russland als Ärgernis beschreiben, der Systemkonkurrent aber wird China sein. Der jetzige Krieg, in dem außerhalb des Westens kaum jemand die Ukraine unterstützt, könnte so eine Art Wendepunkt sein. Europa und die USA haben Einfluss verloren. Das ist vielleicht der letzte Moment, in dem wir das Ruder rumreißen können.

Das Interview führte Marcus Mäckler.

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