Was macht die Kanzlerin?

Merkel zwischen EM und Menschenrechten

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Bundeskanzlerin Angela Merkel: Würde sie zum EM-Finale fahren?

Berlin - Ein EM-Finale in Kiew ließe sich Angela Merkel nicht entgehen. Sportlich nachvollziehbar, politisch fraglich.

Deutschland im Finale der Fußball- Europameisterschaft ohne Kanzlerin auf der Tribüne? Undenkbar. Angela Merkel auf der Tribüne in Kiew gemeinsam mit dem umstrittenen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch? Auch kaum vorstellbar.

Doch Merkel wird nach dpa-Informationen eben das tun, was sie bereits nach dem gewonnenen Viertelfinale gegen Griechenland in der Mannschaftskabine versprochen, öffentlich aber nicht bestätigt hat: Sie will zum EM-Endspiel fliegen, wenn die Löw-Elf am Donnerstag Italien im Halbfinale besiegt. Sportlich logisch, politisch heikel.

Denn die Reise wäre belastet von massiver internationaler Klage über die Menschenrechtslage in der Ukraine, insbesondere über den Umgang mit der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. Am Dienstag stand die Berufungsverhandlung gegen ihre Verurteilung wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Straflager an. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes nimmt sie an dem Prozess nicht teil.

Lange Haftstrafe: Julia Timoschenko im Porträt

Die Vollblutpolitikerin Julia Timoschenko zählt als Oppositionsführerin und Ex-Regierungschefin zu den auffälligsten Akteuren der Ukraine. 2010 verpasste sie knapp den Sprung ins Präsidentenamt. © dpa
Der Erzrivale Viktor Janukowitsch siegte. Ihre Verurteilung wegen Amtsmissbrauchs sieht die 50-Jährige als Beweis dafür, dass der Staatschef sie politisch “kaltstellen“ wolle. © dpa
Allerdings gibt sich die Frau mit dem geflochtenen Zopf als Markenzeichen weiter kämpferisch. Sie lasse sich auch hinter Gittern nicht unterkriegen, sagte Timoschenko im Gerichtssaal. © dpa
Während der prowestlichen Orangenen Revolution von 2004 gingen die Bilder von Timoschenkos Auftritten vor Zehntausenden Demonstranten in Kiew um die Welt. © dpa
Die zierliche Frau, die als knallharte Machtpolitikerin gilt, wurde zum Symbol für eine national selbstbewusste Ukraine mit Kurs nach Westen. © dpa
Politische Gegner werfen ihr vor, keine saubere Weste zu haben. Die Frau mit einem Ingenieursdiplom war durch die Privatisierungswelle nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zur reichen “Gasprinzessin“ aufgestiegen. © dpa
Bereits 2001 war sie wegen Schmuggels und Urkundenfälschung angeklagt worden. Sie konnte aber damals das Untersuchungsgefängnis nach 42 Tagen ohne Schuldspruch verlassen. © dpa
Als Ziel ihrer Politik hatte die am 27. November 1960 in Dnjepropetrowsk geborene Timoschenko stets einen schnellen Beitritt der früheren Sowjetrepublik zur Europäischen Union angegeben. Ihre Kontrahenten warfen ihr aber vor, das zweitgrößte Flächenland Europas mit einer sprunghaften populistischen Politik in den Ruin zu treiben. © dpa

Vor Beginn der EM hatte es im Kanzleramt geheißen, sollte sich die Lage für Timoschenko nicht verbessern, wolle Merkel nicht bei einem Spiel neben Janukowitsch sitzen. Nun wird gerätselt, unter welcher Voraussetzung sie sich nach Kiew aufmachen würde. Denn die Lage für Timoschenko hat sich nicht verbessert. Daran ändert auch die inzwischen mögliche Betreuung von deutschen Ärzten nichts.

Variante eins: Der zur Neutralität verpflichtete UEFA-Chef Michel Platini wird zwischen Merkel und Janukowitsch platziert. Die Kameras würden trotzdem beide Politiker einfangen. Gewonnen wäre nichts. Variante zwei: Merkel besucht in Kiew Unterstützer Timoschenkos, die ihre Basis direkt an der Fanzone aufgeschlagen haben, die zum Ärger von Janukowitsch zum Besuchermagnet geworden ist. Kritiker würden das belächeln. Sie fordern mehr. Viel mehr. Eine dritte Variante.

So sagt der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Tom Koenigs (Grüne), der dpa: “Wenn natürlich es Frau Merkel gelänge, Frau Timoschenko mitzubringen, dann soll sie auch aufs Spiel gehen, dann gewinnen wir auch die Europameisterschaft.“ Ganz so siegesgewiss ist man sich im politischen Berlin aber noch nicht. Denn diesen Preis dürfte Janukowitsch, Erzfeind Timoschenkos, für ein Foto mit der Kanzlerin kaum zahlen. Falls doch, wäre Merkel allerdings die Meisterin.

Die EU-Kommission boykottiert die Spiele in der Ukraine ganz offiziell. Mitglieder der Bundesregierung blieben den drei deutschen Gruppenspielen in der Ex-Sowjetrepublik ebenfalls fern. Misslich für Merkel, dass das Halbfinale und nicht das Finale beim Co-EM-Gastgeber Polen ausgetragen wird. Polens liberal-konservativer Regierungschef Donald Tusk zählt zu ihren ersten Ansprechpartnern in der EU. Ein gemeinsamer Fußballabend mit ihm - wie schon in Danzig beim Viertelfinale - wäre ein politisch angenehmer Nebeneffekt des großen Sports. Doch zum Halbfinale nach Warschau kann sie sowieso nicht fahren, weil zeitgleich EU-Gipfel in Brüssel ist.

Vielleicht sieht manch Staatschef im Gegensatz zu einigen Spielern in ihr keine Glücksbringerin. Doch trotz aller Kritik etwa aus den USA oder Frankreich wird die Verfechterin einer harten Schuldenbremse bei dem Treffen der 27 Staats- und Regierungschefs dringender als Akteurin gebraucht denn als Zuschauerin in einem fernen Stadion. Europa schaut bei der Bewältigung der Finanzkrise auf Deutschland und Merkel, heißt es immer wieder in Politik und Wirtschaft.

Aber auch der Sport schaut auf Merkel - zumindest die italienische Sportpresse nach dem Sieg ihrer Squadra Azzura über England am Sonntag in einer Mischung aus Fußball und Finanzen. Schlagzeilen wie “Jetzt kommt Deutschland!“ und “Jetzt ist Merkel an der Reihe, Italien ist in der Schlacht um Europa bestens aufgestellt“ waren da zu lesen.

Merkels Frisur im Wandel der Zeit

Da schmunzelt die Kanzlerin: Angela Merkel schaut 2006 in Dresden auf dem CDU-Bundesparteitag auf ein Foto von ihr aus dem Jahr 1990. Merkels Frisur hat sich im Laufe der Jahre gewandelt: Von Prinz Eisenherz zur modischen "Mutti" der  CDU.  © dpa
1998 als Umweltministerin im Bundestag: Damals noch mit einem altbackenen Topfschnitt. © dpa
1999: Merkel denkt gar nicht daran, sich modischen Trends zu beugen. Mit einem unvorteilhaften Foto der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel sucht die Partei zwei Jahre später per Anzeige (Foto) Werbefachleute für den Bundestagswahlkampf 2002. © dpa
2000: Die frischgewählte CDU-Vorsitzende ist zumindest in einer Hinsicht konservativ: Nämlich was ihre Frisur angeht. © dpa
2001: Der Autovermieter Sixt wirbt mit Merkel: Links wird sie bei normalem Haarschopf gefragt, ob sie Lust auf eine neue Frisur habe. Rechts stehen ihr die Haare zu Berge. "Mieten Sie sich ein Cabrio", rät Sixt. Die CDU-Chefin nimmt die Werbung gelassen. "Das ist ein interessanter Vorschlag für Haar-Styling", kommentiert Merkel. © dpa
2002: Wie lautete die CDU-Annonce noch mal? "Machen Sie mehr aus Ihrem Typ!" Zumindest nicht zur Bundestagswahl 2002. © dpa
2003: Es verbietet sich, der CDU-Vorsitzenden einfach einen Satz in den Mund zu legen. Trotzdem sieht Merkel aus, als ob sie sich gerade fragt: "Soll ich mir nicht mal eine andere Frisur zulegen?" © dpa
2004: Merkel mit etwas mehr Make-up. Aber sie bleibt ihrem Prinz-Eisenherz-Look treu. © dpa
2005 markiert gleich zwei historische Zäsuren: Frau Merkel ist jetzt auch Frau Kanzlerin und nimmt zudem Abschied von der Topffrisur. © dpa
2006: Merkel tritt nun mit einem Bobschnitt auf. Der wird fortan immer dynamischer. © dpa
2007: Wir wissen auch, wer hinter Merkels neuem Look steckt. Nämlich der Berliner Straf-Friseur Udo Walz. © dpa
2008: Fällt Ihnen was auf? Auch Merkels Kostüme werden im Laufe der Jahre bunter, feiner und edler. © dpa
2009: Die Kanzlerin läuft beim Klimagipfel in Kopenhagen auf. Mittlerweile ist durchgesickert: Ihre Blazer schneidet ihr eine Hamburger Modedesignerin. Für das Make-up sorgt eine Visagistin. In Sachen Frisur setzt die Kanzlerin weiter auf Udo Walz . © dpa
2010: Im Laufe von zehn Jahren ist Merkel zumindest optisch eine ganz andere Erscheinung geworden. © dpa

Finanziell stimmt das schon mal nicht. Und fußballerisch hatte auch das dramatisch verschuldete Griechenland Deutschland den Kampf angesagt - und verloren. Um den Krisenbogen zu Ende zu spannen: Sollte Deutschland ins Finale kommen, wäre Spanien oder Portugal der Gegner - beides finanziell schwächelnde Euro-Staaten. Eine Rechnung offen hat aber noch die deutsche Fußballnationalmannschaft: mit Italien und Spanien.

Unvergessen das Halbfinale bei der Weltmeisterschaft 2006, als Italien Deutschland im eigenen Land mit zwei Toren in den letzten beiden Minuten der Verlängerung ins Aus schoss. Und dann das Endspiel bei der EM 2008 gegen Spanien, das Deutschland 0:1 verlor. Die Hoffnung des Löw-Teams: Geschichte wiederholt sich nicht.

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