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WM-Boykott? „Kein Spieler wollte Katar - die Fifa kann nicht machen, was sie will“

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Von: Andreas Schmid

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Kann man von Fußballern verlangen, dass sie die Katar-WM boykottieren? Wird es Spieler geben, die das Wüstenturnier ablehnen? Fragen an Fußballprofi Ruben Jenssen.

Tromsö - Rund 350 Kilometer Luftlinie vom nördlichen Polarkreis entfernt liegt die norwegische Stadt Tromsö, die Heimat des nördlichsten Profifußballklubs der Welt – Tromsö IL. Kapitän des Erstligisten ist Ruben Jenssen: 33 Jahre alt, 39 Länderspiele für Norwegen, 89 Einsätze für den 1. FC Kaiserslautern – und einer der größten Kritiker der anstehenden Fußball-WM in Katar.

Katar-WM: Die größte Kritik kommt aus Nordnorwegen

Macht sich stark für einen Boykott der Katar-WM: Ruben Jenssen, früherer Zweitligaprofi und Nationalspieler Norwegens.
Macht sich stark für einen Boykott der Katar-WM: Ruben Jenssen, früherer Zweitligaprofi und Nationalspieler Norwegens. © Bildbyran/Imago (Montage)

Weltweit gibt es wohl kaum einen Klub, der die umstrittene Wüsten-WM so stark kritisiert wie Tromsö. Der Verein startete eine Initiative, die zum Boykott des Turniers aufrief. Mehrere Erstligisten schlossen sich an und machten Druck auf den norwegischen Fußballverband, der einen Boykott im Sommer letztlich ablehnte.

Der Klub sorgt regelmäßig mit katarkritischen Aktionen für Aufmerksamkeit, etwa durch Infoveranstaltungen über die Menschenrechtslage im Emirat oder ein Sondertrikot inklusive QR-Code. Scannt man das Jersey, landet man auf einer Informationsseite über Katar. Im Stadion hängt ein Banner mit der Aufschrift „Boycott Qatar“. Im Interview mit Ippen.Media spricht sich auch Jenssen für einen Boykott aus. Der frühere Nationalspieler weiß aber auch um die Probleme solcher Forderungen.

Jenssen: „Bei einem Boykott hätten vielleicht andere Länder mitgezogen“

Herr Jensen, Katar liegt mehr als 5000 Kilometer Luftlinie von Tromsö entfernt. Die Kritik an der WM scheint aber nirgendwo näher als in Tromsö. Warum?

Wir sind nur ein kleiner Teil der Fußballwelt. Aber wir können nicht wegsehen, wenn eine WM gegen alle Werte des Sports ausgetragen wird, wenn Menschen in Stadien sterben müssen. Für uns ist es vielleicht leichter, das zu kritisieren, weil wir so weit weg davon sind, aber am Ende sagen wir auch nur das Offensichtliche. In Katar läuft so vieles falsch.

Deshalb forderten Sie einen Boykott der WM?

Ja, wir haben es probiert. Aber wir sind so klein und können alleine nichts erreichen. Wir hatten zwar die Fans und andere Erstligisten hinter uns, aber am Ende hat sich der Verband gegen einen Boykott entschieden.

Der frühere norwegische Verbandschef Terje Svendsen sagte, ein Boykott sei kein geeignetes Mittel, um Veränderungen in Katar herbeizuführen. Stimmen Sie ihm zu?

Nein, meiner Meinung nach war das nicht richtig. Wenn wir einen Boykott gemacht hätten, hätten vielleicht andere Länder mitgezogen. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass Norwegen in diesem Bereich wenig bewegen kann. Das muss von den großen Nationen wie Deutschland, Frankreich oder England kommen.

Auch darum geht es bei der Fußball-WM- in Katar. Foto: dpa
Beim WM-Quali-Spiel gegen Island prangte „Human Rights“ auf den T-Shirts der DFB-Spieler. Eine klare Botschaft an Katar oder nur eine leere PR-Aktion? Die WM wird das DFB-Team nicht boykottieren. © Tobias Schwarz/dpa

WM-Boykott? „Ich hoffe, dass die Spieler gegen diese Meisterschaft protestieren“

Kann man von Nationalspielern überhaupt erwarten, dass sie die WM boykottieren?

Ob wir das erwarten können, weiß ich nicht. Aber für mich hat diese WM einfach überhaupt nichts mit einer normalen WM zu tun. Ich hoffe daher, dass sich die Spieler zuvor Gedanken machen über die toten Gastarbeiter und alles Schlechte in Katar. Ich hoffe, dass sie mit dem Bewusstsein nach Katar reisen werden, dort gegen diese Meisterschaft zu protestieren.

Sie haben 39 Länderspiele gemacht. Angenommen Norwegen hätte sich für die WM qualifiziert und Sie wären noch Nationalspieler: Würden Sie die WM boykottieren?

Jetzt ist es für mich einfach „Ja“ zu sagen. Ich bin kein Nationalspieler mehr. Aber für viele andere Spieler ist es nicht einfach. Norwegen hat sich seit 1998 nicht für eine WM qualifiziert, das Turnier 2022 wäre also etwas Besonderes gewesen. Ich verstehe, wenn vor allem junge Spieler zur WM fahren würden. Wir können das nicht von jedem erwarten.

Ruben Jenssen bei einem WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland im Duell mit Benedikt Höwedes.
39-facher Nationalspieler: Ruben Jenssen bei einem WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland im Duell mit Benedikt Höwedes. © Schüler/Imago

WM-Boykott? „Es gibt keinen Spieler, der Katar wollte“

Denken Sie, dass es Spieler geben wird, die die WM boykottieren?

Ich hoffe es, glaube es aber nicht.

Vielleicht ältere, routiniertere Spieler?

Ja, oder Idealisten, die nicht in einem von toten Menschen erbauten Stadion spielen wollen.

Ihr letztes Länderspiel war 2016 gegen Deutschland. WM-Qualifikation für die WM in Russland. Auch in Russland gibt es Menschenrechtsverletzungen. Wo war da die norwegische Kritik?

Ich kann nur für mich sprechen. Der Punkt ist, in den letzten Jahren habe ich viel über Katar gelesen. Ich bekomme Informationen von der Menschenrechtsorganisation Amnesty und beschäftige mich viel mit dem Thema. Bei Russland war das anders, ich hatte diese Informationen nicht, war mir nicht bewusst über die Lage vor Ort. Auch deshalb wollen wir jetzt die Aufmerksamkeit auf Katar lenken - und auf die Fifa.

Auch auf die Fifa?

Es waren nicht die Spieler, die sich für Katar entschieden haben. Ich glaube, dass es keinen Spieler gibt, der die WM in Katar wollte. Für uns ist es deshalb wichtig, dass die Fifa und ihre Verbände verstehen, dass sie nicht machen können, was sie wollen. Der Fußball gehört zu den Spielern und den Fans. Nicht zum Geld.

Interview: Andreas Schmid

Inside Katar

Dieser Text ist Teil der Reihe „Inside Katar“. Bis zur Fußball-WM im Winter wollen wir Ihnen regelmäßig Hintergrundberichte über die (sport)politische Lage in Katar geben - und dabei unterschiedliche Themenfelder betrachten. Falls Sie Anregungen, Themenvorschläge oder Kritik haben, melden Sie sich gerne unter andreas.schmid@redaktion.ippen.media.

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