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Behörden in China machen „Südwind“ aus Nordkorea für Corona-Fälle verantwortlich

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Von: Sven Hauberg

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Die Freundschaftsbrücke (links) verbindet China mit Nordkorea. Rechts daneben befindet sich eine weitere Brücke, die im Koreakrieg teilweise zerstört wurde.
Die „Freundschaftsbrücke“ (links) verbindet China mit Nordkorea. Rechts daneben befindet sich eine weitere Brücke, die im Koreakrieg teilweise zerstört wurde. © Imaginechina-Tuchong/Imago

In Dandong an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze gibt trotz wochenlangen Lockdowns immer noch Corona-Neuinfektionen. Nun haben die Behörden den Schuldigen identifiziert: Wind aus Nordkorea.

München/Dandong – Seit den 1940er-Jahren verbindet die „Freundschaftsbrücke“ das chinesische Dandong mit der südlich davon gelegenen Stadt Sinuiju in Nordkorea. Was derzeit aber von dort über den Yalu-Fluss nach China herüberweht, ist alles andere als freundschaftlich: Die Behörden von Dandong glauben, dass das Coronavirus mit dem Wind aus Nordkorea in ihre Stadt getragen wird. „Bei Südwind“, so heißt in einer Mitteilung des örtlichen Gesundheitskomitees, sollten „Bewohner entlang des Flusses“ ihre Fenster nicht öffnen, um sich vor dem Virus zu schützen.

Dandong hat etwa 2,2 Millionen Einwohner und liegt rund 160 Kilometer nördlich von Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang in der chinesischen Provinz Liaoning. Während in den meisten Teilen Chinas die Zahl der Corona-Neuinfektionen sinkt, ist sie in Liaoning in der vergangenen Woche angestiegen – wenn auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. So wurden am 8. Juni zwölf neue Fälle gemeldet, wie aus Daten der Nationalen Gesundheitskommission hervorgeht. China verfolgt eine Null-Covid-Strategie und geht bereits gegen wenige Neuinfektionen mit Massentests und Lockdowns vor. Auch Dandong ist seit Ende April abgeriegelt.

Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Behörden aus Dandong berichtet, haben die meisten Infizierten in der Stadt ihre Wohnanlagen in den Tagen vor ihrer Infektion nicht verlassen. Der staatlichen Global Times sagte vor wenigen Tagen Wang Zijiang, Experte am Liaoning Center for Disease Control and Prevention, die infizierten Personen würden in mehr als 40 verschiedenen Wohnanlagen leben. Außerdem sei keine spezifische epidemiologische Verbindung zwischen diesen Orten gefunden worden.

China: Grenze zu Nordkorea seit Monaten dicht

Nordkorea hatte rund zwei Jahre lang keinen einzigen Corona-Fall gemeldet, leidet derzeit aber unter einer massiven Welle an Neuinfektionen. Wie die staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Mittwoch (8. Juni) mitteilte, wurden innerhalb von 24 Stunden mehr als 54.000 neue Fälle gemeldet. Seit Ende April stieg die Zahl der Infizierten auf mehr als 4,2 Millionen. Nordkorea hat etwa 25 Millionen Einwohner. Mehr als 100.000 Menschen befänden sich in medizinischer Behandlung, so die Behörden des bettelarmen Landes.

In den offiziellen Mitteilungen der Regierung ist meist nur von „Fieber“ die Rede, nicht von Corona-Infektionen. Nordkorea hatte sich zu Beginn der Pandemie weitgehend abgeschottet und auch die rund 1300 Kilometer lange Grenze zu China geschlossen. Impfstofflieferungen aus dem Ausland lehnt das Regime von Diktator Kim Jong-un bislang ab.

China: Kommt das Virus wirklich über die Luft? Experten skeptisch

Dass sich das Coronavirus von Nordkorea tatsächlich über die Grenze bis nach China verbreitet und dort für Ansteckungen sorgt, ist allerdings extrem unwahrscheinlich. Schon bei nur 1,5 Metern Abstand ist nach Ansicht von Experten eine Ansteckung an der frischen Luft beinahe ausgeschlossen. „Im Freien finden so gut wie keine Infektionen durch Aerosolparti­kel statt“, heißt es etwa in einem Positionspapier der Gesellschaft für Aerosolforschung.

Wahrscheinlicher sei, so Peter Collignon, Professor für Infektionskrankheiten an der Australian National University, dass Grenzgänger das Virus übertragen hätten – oder dass es doch innerhalb von Dandong weitergegeben worden sei. Nur weil Dandong seit mehr als einem Monat abgeriegelt sei, bedeute das nicht, dass es keinerlei menschlichen Kontakt gibt, so Collignon zu Bloomberg. (sh)

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