Medienecho aus Deutschland und Europa

„Unhaltbare Zustände in Union wurden unerträglich“: Stimmen zu Merkel-Beben

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Merkels Ankündigung zu ihrem Rücktritt vom Parteivorsitz sorgte für ein großes Medienecho.

Angela Merkel hat ihren Rücktritt vom Parteivorsitz angekündigt. So kommentiert die Presse ihre Entscheidung. 

Berlin - Nach den schlechten Wahlergebnissen für die CDU in Hessen und die CSU in Bayern gab Angela Merkel am 29. Oktober bekannt, dass sie nicht noch einmal als CDU-Vorsitzende kandidieren wird und nach dem Ende der Legislaturperiode im Jahr 2021 auch das Amt als Bundeskanzlerin zurückgeben wird. Die möglichen Nachfolger bringen sich bereits in Stellung. Wie die Presse Merkels Entscheidung kommentierte, haben wir für Sie zusammengefasst.

Süddeutsche Zeitung: „Lust- und Kraftlosigkeit“

"Das Bittere war und ist, dass man seit ihrer Wiederwahl die Lust- und Kraftlosigkeit der Kanzlerin spürt. Regierungserfahrung, Seriosität und Solidität sind ein schöner Dreiklang, aber keine Garantie auf Erfolg. Merkels Erfolgsrezept war der Erfolg - solange sie ihn hatte; seitdem er bröckelte und schließlich ausblieb, wuchsen die Zweifel an ihrer Führungsstärke. In der gerade noch rechtzeitigen Abgabe der Parteiführung hat sie die Kraft noch einmal aktiviert. Mit dem Parteivorsitz schwindet die Macht zu regieren. (...) Wahrscheinlicher ist, dass sich die Dinge Schritt für Schritt auf eine neue Koalition zu bewegen: Auf eine Jamaika-Koalition (...), die vor einem Jahr an der Lindner-FDP gescheitert ist. Damals war das Haupthindernis, so hat es Christian Lindner stets erklärt, Angela Merkel. Dieses Hindernis gibt es jetzt nicht mehr zwingend."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Merkel zieht die Konsequenz aus dem Debakel bei der Landtagswahl in Hessen“

„Angela Merkel hat offenkundig verstanden: Beim CDU-Parteitag Anfang Dezember in Hamburg will sie nicht mehr als Parteivorsitzende antreten. Damit zieht Merkel die Konsequenz aus dem Debakel bei der Landtagswahl in Hessen – und erkennt eine Tatsache an, die bei anderen erst noch langsam durchsickert: Dass eine „Rückkehr zur Sachpolitik“ allein das verloren gegangene Vertrauen der Wähler nicht zurückgewinnen kann, auch wenn das am Sonntagabend viele noch mantraartig wiederholten. Sondern dass es auch um die politischen Köpfe geht. (...) Ihr Schritt, den Parteivorsitz abzugeben, ist damit zugleich ein erstes Zugeständnis an die Tatsache, dass es in der Politik eben nicht allein um die Sacharbeit geht, sondern auch um die Kraft der Symbolik.“

Merkels Karriere in Bildern: Von der Physikerin zur mächtigsten Frau der Welt

Merkel - Prag 
Merkel steht 1982 vor dem Veitsdom in Prag mit mehreren Professoren-Kollegen. Damals arbeitete sie noch für das Zentralinstitut für physikalische Chemie in Ost-Berlin. © dpa / Zdenek Havlas
Merkel - Bundesministerin für Frauen und Jugend
Nach ihrer Zeit bei dem Demokratischen Aufbruch, wechselte Angela Merkel zur CDU. 1991 wurde sie zur Bundesministerin für Frauen und Jugend vereidigt. Das Amt hatte sie von 1991-1994 inne. © dpa/Martin Gerten
Merkel - Kohl
In dem neuen Kabinett unter dem Bundeskanzler Helmut Kohl wurde Angela Merkel 1994 überraschend Bundesumweltministerin. Bis zum Ende der Legislaturperiode 1998 behielt sie ihren Posten. © dpa / Tim Brakemeier
Merkel - Stoiber
1998 verlor die Union bei der Bundestagswahl deutlich an Stimmen und musste in die Opposition gehen. Nach der Wahl wurde Angela Merkel CDU-Generalsekretärin, zwei Jahre später CDU-Vorsitzende. Bei der Bundestagswahl 2002 verzichtete sie zugunsten des CSU-Vorsitzenden und Unions-Kollegen Edmund Stoiber auf eine Kandidatur als Bundeskanzlerin.  © dpa/ Michael Jung
Merkel - Seehofer
Die Wahl 2002 konnte wieder die Rot-Grüne Regierung gewinnen. Schon damals arbeitete die CDU-Chefin mit dem damaligen stellvertretenden CSU-Parteivorsitzenden Horst Seehofer in der Opposition zusammen. In ihrer langjährigen zusammenarbeit gab es häufig Konflikte. © dpa/dpaweb / Peter Kneffel
Merkel - Schröder
2005 trat Merkel dann endlich als Kanzlerkandidatin der CDU/CSU an. Im TV-Duell traf sie auf den amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder.  © dpa / Wolfgang Kumm
Merkel - Schröder
Bei der Bundestagswahl ging die Union als Sieger hervor und stellte mit der SPD eine Große Koaliton. Bundeskanzler Gerhard Schröder übergab das Amt an die neue Kanzlerin Angela Merkel. © dpa / Peer Grimm
Merkel - Müntefering
Damit startete die lange Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zusammen mit ihrem Vize-Kanzler Franz Müntefering (SPD) regierte sie das Land. 2008 führte sie die Bundesrepublik durch die Finanzkrise.  © dpa/dpaweb / Z1015 Bernd Settnik
Merkel - Rösler - Westerwelle
2009 wurden Merkel und die CDU/CSU wieder gewählt. Dieses Mal bildete sie eine Koalition mit der FDP. Diese Legislaturperiode war durch viele Schwierigkeiten, wie die Euro-Krise oder den Atomausstieg, gekennzeichnet. © dpa / Kay Nietfeld
Merkel - Bundestag
Während die Union bei der Wahl 2013 das beste Zweitstimmen-Ergebnis seit 1990 holte, flog die FDP aus dem Bundestag. Merkel ging in ihre dritte Amtszeit als Bundeskanzlerin. Dieses Mal koalierten CDU/CSU wieder mit der der SPD. © dpa / Michael Kappeler
Merkel - Obama
Im Ausland wurde Merkel stets geschätzt. Das Forbes Magazin kürte sie seit 2006 elf Mal zur mächtigsten Frau der Welt. Nur 2010 landete sie auf dem 4. Platz. Mit vielen ausländischen Regierungsvertretern, wie dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama, hegte sie ein gutes Verhältnis.  © dpa / Michael Kappeler
Merkel - Seehofer
Das Jahr 2015 war wohl entscheiden für den weiteren Verlauf von Merkels politischem Wirken. Die Flüchtlingskrise erreichte Europa. Die Kanzlerin entschied, dass in Budapest festsitzende Flüchtlinge nach Deutschland einreisen durften. Diese Entscheidung und ihr berühmter Satz: „Wir schaffen dass,“ brachten ihr viel Kritik ein. Besonders mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer hatte sie beim Thema Asyl große Meinungsunterschiede.  © dpa / Ralf Hirschberger
Merkel
Bei der Bundestagswahl 2017 wurde Merkel zwar wiedergewählt, ihr ansehen ist in den letzten Jahren bei vielen Bürgern gesunken. Nach den gescheiterten Jamaika-Koalitionsverhandlungen ging die Union erneut eine Koalition mit der SPD ein. Die Arbeit der GroKo kam bei einem Großteil der Wählern nicht gut an. Bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen verloren die Regierungsparteien deutlich an Stimmen. Am 28. Oktober gab Angela Merkel, als Reaktion darauf bekannt, dass sie ihren Partei-Vorsitz abgeben wird und nach der Legislaturperiode im Jahr 2021 nicht mehr als Kanzlerin kandidieren wird. © dpa / Bernd von Jutrczenka

Die Welt zu Merkel: „Unhaltbare Zustände in der Union“

„Am Ende ging es schneller als gedacht. Die unhaltbaren Zustände in der Union wurden nach dem erneuten Wahldebakel in Hessen unerträglich. Jetzt steht eine Richtungswahl an für eine Partei, die in den vergangenen Jahren konsequent vergessen hat, was sie will. Angela Merkel hat die CDU in einen Pragmatismus manövriert, der die Partei von ihrem Erbe und ihrer Tradition isolierte. Mögen die Mitglieder dies noch aus Parteisoldatentum oder Opportunismus mitgetragen haben, so waren die Wähler damit emotional und intellektuell unterfordert. Sie erkannten ihre Partei kaum wieder. Sie wollten Orientierung, und das gerade in Zeiten auch systemischer Unruhen und Brüche. Dazu gibt es jetzt wieder eine Chance.“

Spiegel Online zu Merkel: „Die Große Koalition ist das Schwarze Loch der Politik“

„Endlich hat sie es verstanden. Es geht nicht mehr. Zehn Prozent in Bayern, elf in Hessen, solche Verluste zertrümmern auch das Selbstbewusstsein der Union. Nun erfahren die Konservativen, wie vor ihnen die SPD, zu welchem Mahlstrom der Vernichtung eine Große Koalition sich entfaltet. Die Große Koalition ist das Schwarze Loch der Politik. Alles wird zerrieben, übrig bleibt Nichts. Man kann nur beten, dass die in Berlin sich das merken werden.“

Berliner Zeitung zu Merkel: „Ein Demokratieschock für die CDU“

„Nach Lage der Dinge wird aber schon die Entscheidung über ihre Nachfolge im Parteivorsitz eine ganz neue Dynamik in die CDU bringen. Sollten auf dem Parteitag im Dezember tatsächlich drei ernstzunehmende Kandidaten antreten, wäre das geradezu ein Demokratieschock für die CDU, in der solche Fragen seit Jahrzehnten vorab in den Hinterzimmern geklärt wurden. Es mag sein, dass Angela Merkel, die Entscheidungen gern bis zur letzten Minute hinauszögert, gerade noch rechtzeitig den Weg zur Erneuerung ihrer Partei geöffnet hat. Das wäre dann nach 18 Jahren ein letztes, aber überhaupt nicht zu überschätzendes Verdienst.“

Passauer Neue Presse zu Merkel: „Palastrevolution perfekt“

„Dass Merkel jetzt die Reißleine gezogen hat, ist ihr hoch anzurechnen. Sie befreit ihre Partei damit aus einer nur noch verkrampft wirkenden Nibelungentreue, die zudem mehr als löchrig geworden war. Die Perspektive des Neuanfangs zuerst in der CDU und dann vielleicht auch an der Spitze der Bundesregierung kann der Union insgesamt Flügel verleihen. Das ist angesichts der Erosion der großen Volksparteien bitter nötig. Merkels Aufgabe wird es nun sein, den Übergang zu managen. Dabei bekommt sie es mit einer pikanten Personalie zu tun. Sollte ihr Intimfeind Friedrich Merz statt ihrer Vertrauten Annegret Kramp-Karrenbauer Parteichef werden, wäre die Palastrevolution perfekt. Für einen glaubwürdigen Neustart der CDU müsste das kein Schaden sein.“

Internationale Pressestimmen: „Wir werden Angela Merkel nachtrauern“

Auch international war Merkels Rücktrittsankündigung ein großes Thema. Im Ausland wird Merkels schrittweiser Rücktritt aus der Politik größtenteils bedauert. 

Corriere della Sera (Italien): „Wir werden Angela Merkel nachtrauern. Die Deutschen, die sie seit 2005 als Kanzlerin hatten, haben die schlimmste Wirtschaftskrise eines Jahrhunderts unbeschadet überstanden. Und wir Europäer, die ihr Zögern erlebt haben, aber auch ihre Fähigkeit, immer das Richtige zu machen, wenn es angebracht war und es keine Alternative gab: Sei es die Griechenlandkrise oder die Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Jetzt, wo ihre Dämmerung begonnen hat, zeichnet sich Merkel als historischer Gigant in diesem Stückchen des Jahrtausends ab.“

Lidove noviny (Tschechien): „Vielleicht kommt eine Zeit, in der wir auf Angela Merkel nostalgisch zurückschauen werden wie heute auf Kaiser Franz Joseph - als Verkörperung der Stabilität in einem Sturm der Unruhe. Eine solche Vorhersage mag auf den ersten Blick utopisch erscheinen, denn viele Menschen werfen Merkel heute Destabilisierung vor, indem sie die Türen für die Migrationskatastrophe geöffnet hat. Doch man kann nicht darüber hinwegsehen, dass die westliche Welt von Instabilität in einer weiter gefassten Sichtweise erschüttert wird. Betroffen sind auch Länder, die von der Migrationswelle 2015 verschont geblieben sind. (...) Eines Tages werden wir uns vielleicht an Angela Merkel als Verkörperung der Sicherheit in alten Zeiten erinnern.“

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El Mundo (Spanien): „Der Rückzug von Angela Merkel wird nicht nur die deutsche Politik in Mitleidenschaft ziehen, die vom Bedeutungsverlust der Traditionsparteien CDU und SPD und vom alarmierenden Aufstieg der extremen Rechten bedroht wird (...) Merkel ist nicht nur Deutschland. Zusammen mit Frankreich verteidigt sie schon seit vielen Jahren standhaft jene Werte, die Europa zu einem der Räume der demokratischen Welt mit dem größten Wohlstand und Fortschritt gemacht haben. Und das, ohne auf die Gründungsprinzipien der EU wie den Schutz der Menschenrechte, die Bürgergleichheit und den freien Markt zu verzichten. Ihr Rückzug ist deshalb auch eine schlechte Nachricht für die Europäische Union, die in den nächsten Jahren vor den schwierigen Herausforderungen der Konsolidierung der Banken- und Fiskalunion, des erfolgreichen Abschlusses der Brexitgespräche sowie der Dynamisierung der Gemeinschaftsinstitutionen steht.“

„Merz? Knaller!“: Möglicher Merkel-Nachfolger löst Euphorie aus - doch einem könnte das Ganze schaden

md

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