Prekäre Sicherheitslage

Afghanistan: Taliban nehmen zweitgrößte Stadt ein – USA und Deutschland reagieren

Nach Abzug der Truppen verschlechtert sich die Lage in Afghanistan binnen kürzester Zeit dramatisch. Die Taliban kontrollieren mittlerweile mehr als zwei Drittel des Landes.

  • Nach Abzug der Truppen aus Afghanistan haben die Taliban mittlerweile die 15. Provinzstadt im Land eingenommen.
  • Die Miliz kontrolliert – nach Einnahme der zweitgrößten Stadt Kandahar – unterdessen zwei Drittel des Landes.
  • Aufgrund der eskalierenden Situation im Krisengebiet entsenden die USA und Großbritannien erneut Soldaten zur Unterstützung vor Ort.

Update vom 13. August, 13:28 Uhr: Mit Berufung auf die Eskalation im Krisengebiet Afghanistan* (siehe Erstmeldung), tagt der Krisenstab des Auswärtiges Amts zur aktuellen Stunde mit Vertretern aller beteiligten Bundesministerien bezüglich der weiteren Vorgehensweise, wie ein Sprecher des Außenministeriums in Berlin mitteilte. Dabei ginge es unter anderem darum „unsere Handlungsmöglichkeiten vor Ort zu erhöhen“. Die Bundesregierung will über die nächsten Schritte, insbesondere auch die Ausreise von deutschen Staatsbürgern und ehemaligen afghanischen Ortskräften, entscheiden. Konkrete Fragen wollte der Sprecher mit Verweis auf die laufenden Besprechungen nicht beantworten.

Die Zahl der aktuell in Afghanistan befindlichen Deutschen schätzt das Auswärtige Amt nach seinen Angaben auf eine hohe zweistellige Zahl, dabei würden Angehörige der Bundeswehr* und anderes „entsandtes Personal“, etwa in der Botschaft, nicht mitgerechnet. Man beobachte die Lage vor Ort „sehr genau“, bestätigte der Sprecher. Die schnelle Verschlechterung der Sicherheitslage sei „sehr besorgniserregend“. Die Bundesregierung stehe „im intensiven Kontakt mit unseren internationalen Partnern“ und koordiniere sich mit diesen sehr eng – auch in Bezug auf Maßnahmen anderer Staaten.

Afghanistan: Taliban nehmen zweitgrößte Stadt ein – USA und Deutschland reagieren

Mit Blick auf ehemalige afghanische Ortskräfte, die Racheakte der schnell vorrückenden radikalislamischen Taliban fürchten, verwies der Außenamtssprecher auf Äußerungen von Außenminister Heiko Maas (SPD) vom Donnerstag. Man wolle vor Ende des Monats ein oder zwei Charterflüge organisieren, um Betroffene und deren Familien nach Deutschland zu bringen.

Wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums betonte, scheitere die Ausreise nicht an der Kostenfrage: Die Ausreise der Ortskräfte werde – etwa durch die Übernahme von Ticketkosten – bereits finanziell unterstützt. Man kämpfe aktuell eher mit dem Problem, dass die afghanische Seite für die Ausreise aus dem Land ein „Reisepasserfordernis“ sehe, wenngleich die Einreise nach Deutschland auch ohne Pass erlaubt sei.

Update vom 13. August, 12:33 Uhr:

Kabul – Die Vereinigten Staaten ziehen seit mehreren Wochen ihre Truppen aus Afghanistan* ab. Doch kaum hatte der Abzug begonnen, spitzte sich die Lage im Krisengebiet immer schärfer zu. In der Nacht zum Freitag ist die zweitgrößte Stadt Afghanistans, Kandahar, in die Hände der militant-islamistischen Taliban gefallen, wie Vertreter der Regierung am Freitag bestätigten.

Kandahar gilt als Geburtsort der Taliban* und wirtschaftliches Zentrum des Südens. Nach Angaben der Regierungssprecher seien in der zweitgrößten Stadt alle Regierungseinrichtungen unter der Kontrolle der Aufständischen. Außerdem hat die Miliz weitere Städte in den Provinzen Herat, Gasni, Helmard und Ghor erobert – zuletzt stürmten sie nach Angaben der afghanischen Streitkräfte die lang umkämpfte Provinzstadt Laschkar Gah. Damit kontrollieren die Aufständischen nur wenige Wochen nach Beginn des Abzugs die 15. Provinzstadt und mehr als zwei Drittel des Landes.

Weitere Gebietsgewinne der Taliban: USA und Großbritannien reagieren mit Truppen

Aufgrund des schnellen Vormarsches sind die Taliban mittlerweile nur noch 150 Kilometer von Afghanistans Hauptstadt Kabul entfernt. Kabul ist eine der wenigen großen Städte neben Dschalalabad im Osten und Masar-i-Scharif im Norden des Landes, die noch von der afghanischen Regierung kontrolliert wird.

Anhänger der militant-islamistischen Taliban patrouillieren in der Stadt Gasni im Osten Afghanistans.

Angesichts der prekären Sicherheitslage im Land, hat das US-Verteidigungsministerium angekündigt, 3000 Soldaten nach Afghanistan entsenden* zu wollen. Diese sollen vor Ort den Flughafen in Kabul schützen sowie den gesicherten Abzug der US-Soldaten und die geordnete Reduzierung der US-Botschaft garantieren, erklärte der Pentagon-Sprecher John Kirby am Donnerstag in Washington. Zudem stehen in Kuwait und in Katar Soldaten zur Verstärkung bereit.

In Reaktion auf die aktuelle Situation hatte sich die Türkei bereiterklärt, den internationalen Flughafen nach dem Truppenabzug zu sichern. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gab an, sich hierzu in einem Gespräch mit den Taliban beraten zu wollen. Auch Großbritannien kündigte die Entsendung von Truppen nach Kabul an. Die rund 600 Soldaten sollten „die diplomatische Präsenz in Kabul unterstützen, britischen Staatsbürgern beim Verlassen des Landes helfen, und die Ausreise von früheren afghanischen Ortskräften unterstützen, die ihr Leben beim Einsatz an unserer Seite riskiert haben“, erklärte am Donnerstagabend Verteidigungsminister Ben Wallace.

Besorgnis um Eroberungen der Taliban – Miliz kontrolliert Großteil der Gebiete Afghanistans

Andere Regierungen reagierten ebenfalls auf die Zuspitzung der Krise: Die Taliban sollten die grundlegenden Diskussionen mit der afghanischen Regierung über die Zukunft des Landes wieder aufnehmen und sofort mit ihren Angriffen aufhören, forderte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Andernfalls drohte die EU für den Fall einer gewaltsamen Machtergreifung mit einer internationalen „Isolation“. Auch Deutschland werde die jährlichen Hilfszahlungen von 430 Millionen Euro auf Eis legen, „wenn die Taliban komplett übernommen haben, die Scharia einführen und dieses Land ein Kalifat wird“, wie Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD)* im ZDF ankündigte. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zeigte sich besorgt anlässlich der neusten Entwicklungen: Die Gebietsgewinne der Taliban seien „sehr, sehr bitter“ – „gerade auch mit Blick auf unseren Einsatz in den vergangenen 20 Jahren“, sagte sie im Deutschlandfunk. Einen erneuten internationalen Einsatz schloss sie aus.

Von 1996 bis 2001 hatten die Taliban weite Teile Afghanistans unter Kontrolle. Dann begann die von den USA geführte Intervention unter dem Namen „Operation Enduring Freedom“ mit dem Ziel, die Terrorgruppe Al-Kaida zurückzuschlagen*. Bis Ende August sollen nun alle restlichen Truppen aus Afghanistan abgezogen werden. In einem Statement am Dienstag (Ortszeit) im Weißen Haus, sah Präsident Joe Biden* die afghanischen Streitkräfte in der Verantwortung, selbst „um ihren Staat zu kämpfen“, sie seien den Taliban auch in Bezug auf die Truppenstärke überlegen. Tatsächlich haben die Taliban jedoch seit Beginn des Abzugs in einer rasanten Geschwindigkeit den Großteil des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. (afp/klb)

Rubriklistenbild: © Gulabuddin Amiri/AP/dpa

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