Verratene Käufer

So verlässlich sind Bewertungen im Netz

Bewertungen im Netz
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Sterntaler: Doch leider ist im Internet - ganz wie im Märchen - längst nicht alles wahr. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa-tmn

Bewertungen im Internet werden immer wichtiger und beeinflussen zahllose Kaufentscheidungen. Aber wie zuverlässig sind die Rezensionen tatsächlich? Und wie erkennt man falsche Bewertungen?

Düsseldorf (dpa/tmn) - Wer tut es nicht? Vor größeren Anschaffungen oder ihrer Urlaubsbuchung stellen viele Menschen erstmal Vergleiche an, lesen Bewertungen, prüfen Sterne - und das alles online.

«Der Einfluss von Rezensionen auf die Kaufentscheidung ist so gewichtig, dass viele ihr Verhalten danach ausrichten», sagt Georg Tryba von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Gleichzeitig werde das Bewerten vom Handel initiiert und sogar forciert.

Sandra Schwarz von der Stiftung Warentest fasst es so zusammen: «Das ist schon eine Art Sterne-Industrie, die da boomt.» Aber der Bedarf an Orientierung nehme auch einfach zu, weil die Vielfalt im Netz so groß ist. Das Ende vom Lied: Unter echte Kundenmeinungen mischen sich Fake-Bewertungen. Wer kann da noch durchblicken und unterscheiden?

Gekaufte Sterne

Im Zuge einer Recherche haben Mitarbeiter der Stiftung Warentestinkognito für Agenturen gearbeitet, die Internet-Händlern Bewertungen zum Kauf anbieten - zum Beispiel zehn Stück für 100 Euro. Als «Rezensentin» oder «Rezensent» erhält man dafür entweder ein wenig Geld, kann die Ware behalten oder günstiger kaufen.

Ein Ergebnis: Bei bewusst kritisch geschriebenen Bewertungen mischten sich die Agenturen gleich ein. Zwei Drittel der Rezensionen wurden laut Stiftung Warentest so beeinflusst - und zwar zum Positiven für die Händler. Dabei durften manche Produkte nur anhand eines Fotos «beurteilt» werden. Wurde Ware tatsächlich gekauft, um sie als einen «verifizierten Kauf» zu qualifizieren, seien die Ausgaben von der Agentur erst erstattet worden, nachdem die Bewertung freigegeben war.

Außerdem seien die Tester zum Teil von der Agentur angewiesen worden, gute Bewertungen anderer Rezensenten als «nützlich» zu markieren.

Besser auf unabhängige Tests verlassen

Rezensionen sollten bei einer Kaufentscheidung komplett außen vor bleiben, findet Tryba - oder zumindest an letzter Stelle stehen. Denn selbst echte Rezensionen gäben nur ein Gefühl wieder. «Welches Wissen dahintersteckt, lässt sich nicht nachvollziehen.» Vorrangig sollten sich Käuferinnen und Käufer daher an unabhängigen Tests orientieren, etwa an denen der Stiftung Warentest, rät der Verbraucherschützer.

Man könne Bewertungen ruhig nutzen, um sich zu orientieren, urteilt Warentesterin Schwarz, sollte sich aber von positiven Rezensionen nicht beeindrucken lassen. Schwarz rät insbesondere dazu, sich die Negativkommentare anzuschauen und nach Übereinstimmungen zu suchen.

«Man sollte es nicht komplett verteufeln», meint Christian Wölbert vom Computermagazin «c't». So könnten Bewertungen durchaus auf Punkte hinweisen, die nicht funktionierten oder die ein Produkt aus einer anderen Perspektive beschreiben. «Man sollte sie nur nicht als unabhängiges Testergebnis ansehen.»

Die Strategie, nur nach negativen Bewertungen zu suchen, sieht Wölbert kritisch: Denn es sei durchaus möglich, dass auch diese gefälscht seien, beispielsweise um Konkurrenten zu schaden.

Rezensenten prüfen

Georg Tryba hält es grundsätzlich nicht für möglich, Fake-Rezensionen zu erkennen: «Diejenigen, die ein solches Geschäft betreiben, wissen um die Tricks und bauen zum Beispiel bewusst Fehler in den Text ein.»

Es gebe tatsächlich keine Methode, mit der man mit Sicherheit falsche von authentischen Rezensionen unterscheiden kann, sagt auch Christian Wölbert. Aber man könne Hinweise finden, etwa indem man andere Bewertungen des Rezensenten oder der Rezensentin liest: «Wenn das Profil nur Fünf-Sterne-Bewertungen hat, sollte man skeptisch werden.»

Schlagwörter suchen

Gleiches gilt, wenn in schneller Folge viele positive Bewertungen abgegeben wurden oder auf eine schlechte mehrere richtig gute folgen, sagt Warentesterin Schwarz. «Das spricht dafür, dass es gesteuert ist, wobei nicht unbedingt eine Agentur dahinterstecken muss, auch die Händler selbst werden aktiv.»

Darüber hinaus könnten Nutzer nach Schlagwörtern suchen, die ihnen wichtig sind. Ein Tipp der Stiftung Warentest: Ungewöhnliche Formulierungen aus einer Bewertung in eine Suchmaschine eingeben. Tauchen die ebenso bei anderen Produkten auf, ist das verdächtig.

Info-Kasten: Verdächtiges melden

Kommt einem eine Online-Rezension verdächtig vor, kann man diese melden. Um Fälschungen wirklich effektiv zu bekämpfen, sei das jedoch nicht ausreichend, meinen Experten. Das Bundeskartellamt kommt nach einer Sektoruntersuchung zu dem Schluss, dass «viele Portale deutlich mehr gegen die Veröffentlichung gefälschter Bewertungen tun könnten.» Die meisten verwendeten bislang lediglich Wortfilter oder verließen sich auf nachträgliche Meldungen auffälliger Bewertungen.

© dpa-infocom, dpa:210118-99-72779/2

Pressemitteilung Bundeskartellamt zu Sektoruntersuchung

Video Bundeskartellamt mit Tipps

Inkognito-Recherche der Stiftung Warentest (Ausgabe 7/20)

"c't"-Bericht zum Thema

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