Auch Weggehen ist mutig

Ein Zivilcourage-Kurs bereitet Fahrgäste auf den Ernstfall vor – Hallo hat das Training absolviert

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Alexander Fuchs von der Polizei zeigt den Redakteuren Sabina Kläsener und Sebastian Obermeir, wie man Angreifer auf Abstand hält.

München – Wie reagiert man in unangenehmen Situationen in den öffentlichen Verkehrsmitteln? Der Kurs "Mit Herz und Verstand handeln" gibt Tipps

Es ist mucksmäuschenstill in der S-Bahn. Bis zwei pöbelnde Männer auftauchen und sich lautstark über ihren Tag auslassen. Meiner Kollegin Sabina reicht’s irgendwann: „Können Sie sich bitte leiser unterhalten?“ Und zack – sie ist im Visier der beiden, wird angegriffen und ich fühle mich richtig hilflos.

Gottseidank ist die Situation nur Teil einer Übung im Rahmen des Zivilcourage-Trainings „Mit Herz und Verstand handeln“ im Verkehrszentrum des Deutschen Museums. Hauptkommissar Alexander Fuchs erklärt uns, wie wir besser reagiert hätten (siehe unten).

Redakteur Sebastian Obermeir lässt sich von Alexander Fuchs zeigen, wie wichtig eine eindeutige Körpersprache ist.

Ausgerichtet wird das Verhaltenstraining von der Aktion Münchner Fahrgäste, dem Polizeipräsidium München und der Bundespolizei. „Der Kurs kann keine allgemeingültige Regel geben, mit der alles gut wird“, räumt Martin Marino von der Aktion Münchner Fahrgäste ein. „Ziel ist es, dass Sie sich selbst und anderen helfen können, ohne sich in Gefahr zu bringen.“ Konkret: Warum sollte ich in brenzligen Situationen auf meine Körpersprache achten, wann ist der richtige Zeitpunkt, um wegzugehen, wie reagiere ich, wenn jemand in eine Schlägerei verwickelt ist?

Als mich der Seminarleiter – mit Warnung – schubst, um mir und den anderen zu zeigen, wie man trotzdem einen sicheren Stand behält, versuche ich, mir das Gefühl für den Ernstfall einzuprägen.

In den neun Jahren, die es die Kurse gibt, wurden über 3000 Fahrgäste jeden Alters geschult. Vielleicht auch deshalb zeigt ein Blick in den aktuellen Polizeibericht, dass Straftaten in den Öffentlichen Verkehrsmitteln sinken. 12 778 Fälle gab es 2017 – ein Minus von 4,9 Prozent. Rohheitsdelikte wie Raub oder Körperverletzungen gab es 789. Dennoch: „Es wird viel zu oft weggeschaut“, sagt Marino. Dennoch stellt er den Münchnern ein positives Zeugnis aus. „München ist gesegnet in Sachen Zivilcourage. Die Stadt ist ein Vorreiter. Die Leute wollen helfen.“

Initiiert wurde das Verhaltenstraining von seinem mittlerweile verstorbenen Kollegen Andreas Nagel, als der Fall von Dominik Brunner publik wurde. Brunner starb, nachdem er bei einer Auseinandersetzung von Jugendlichen einschritt. Eine Situation, in die man als Pendler täglich kommen kann. Doch mit dem frisch angeeigneten Wissen steige ich mit einem guten Gefühl in die nächste S-Bahn. Selbst wenn es da mal wieder mucksmäuschenstill ist. S. Obermeir

Die Teilnahme am Verhaltenstraining „Mit Herz und Verstand handeln“ ist kostenlos. Die nächsten Trainings finden am 27. Februar (ausgebucht) und 15. März statt. Infos und Anmeldung auf www.fahrgaeste.de

So kann man sich schützen – so kann man helfen

Wie vermeidet man gefährliche Situationen oder was tun, wenn es doch soweit kommt – wie Opfer und Helfer reagieren können, erklärt Hauptkommissar Alexander Fuchs.

Als Opfer:

• Frühzeitig erkennen: Wenn man merkt, dass sich etwas in der Umgebung verändert, aufrichten und tief einatmen. So nimmt man automatisch Haltung an und hat den Stress im Griff. Selbstbewusst Platz wechseln – nicht nachdenken, was andere über einen denken könnten!

• Nächster Schritt: Klare Ansagen machen, wie: „Lassen Sie mich los!“. Beim Sie bleiben – das zeigt die Distanz zum Täter. Keine Beleidigungen, keine Weichmacher wie „Bitte“!

• Wenn das nicht hilft, Passanten konkret ansprechen: „Sie, im blauen Pulli, ...“ Den Notruf im Zug oder an der SOS-Säule betätigen: „Ich werde belästigt. Ich will die Polizei!“

• Bei schweren Deliken: „Wehren, was das Zeug hält“. Laut Studie lassen 84 Prozent der Täter bei starker Gegenwehr vom Opfer ab.

Als Helfer: Sprechen Sie das Opfer an, ob es Hilfe braucht. Wenn ja, die Hand reichen und aus der Situation ziehen. Wenn Gewalt im Spiel ist, Polizei rufen, Überzahl herstellen und dem Opfer damit Unterstützung zeigen. Generell gilt: Nur auf das Opfer konzentrieren!

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