Eine Ortsmitte im Gewerbegebiet?

Neurieds Bürgermeister Harald Zipfel zum Platzen des Rathaus-Neubaus im Hallo-Interview

In Hallo verrät Neurieds Bürgermeister Harald Zipfel wie er dazu steht, dass das neue Rathaus gekippt wurde.
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In Hallo verrät Neurieds Bürgermeister Harald Zipfel wie er dazu steht, dass das neue Rathaus gekippt wurde.
  • Romy Ebert-Adeikis
    vonRomy Ebert-Adeikis
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Jahrelang wurde geplant. Jetzt ist der Neubau des Rathauses für Neuried geplatzt. Was Bürgermeister Harald Zipfel dazu sagt, erfahren Sie hier in Hallo.

Neuried - „Ortsmitte Nord“ heißt das Areal, auf dem die Gemeinde Neuried eigentlich ihr neues Rathaus bauen wollte. Nach jahrelanger Planung hat der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung das Projekt gekippt: zu teuer, zu wenig Platz. Dabei kürte die Gemeinde erst im Februar dafür drei Siegerentwürfe, 84 000 Euro kostete das die Gemeinde allein an Preisgeld.

Warum für Bürgermeister Harald Zipfel (SPD) das Aus trotzdem unumgänglich war und wieso er sich eine Ortsmitte auch im Gewerbegebiet – wo das Rathaus derzeit, noch interimsmäßig, residiert – vorstellen kann, verrät er im Interview mit Hallo.

Herr Zipfel, wie stehen Sie zu diesem Paukenschlag im Gemeinderat?

Mich hat das nicht so unvorbereitet getroffen wie wahrscheinlich die Öffentlichkeit. Es musste ja eine Entscheidung her. Schon als das Rathaus in den Hainbuchenring umgezogen ist, habe ich gesagt, dass wir uns sputen müssen. Dann hat der Gemeinderat einen Investorenwettbewerb abgelehnt und einen anderen Wettbewerb durchgesetzt. Das hat das Ganze verzögert. Außerdem bin ich ein gebranntes Kind. Wenn – wie bei der Mehrzweckhalle – etwas schiefgeht, was machen wir dann? Schüler kann man notfalls für den Sportunterricht in eine Turnhalle im Nachbarort schicken, mit einer Gemeindeverwaltung geht das nicht. Die Zeitschiene ist einfach zu eng geworden.

Hätte man nicht schon eher die Notbremse ziehen, den Wettbewerb abbrechen müssen?

Es lief ja vieles parallel. Anfang 2020 habe ich beim Eigentümer wegen eines Kaufs des Gebäudes im Hainbuchenring angefragt, bis Mai kam keine Antwort. Erst im Dezember lagen alle notwendigen Unterlagen, etwa ein Wertgutachten, vor. Da war der Wettbewerbsprozess schon voll am Laufen und konnte nicht mehr gestoppt werden.

Hatten Sie schon Gelegenheit, mit den prämierten Architektenbüros zu sprechen, deren Entwürfe für das Rathaus ja umsonst, wenn auch nicht gratis waren?

Diese Woche wird es ein Treffen mit dem Planungsbüro geben, das uns beratend durch den Wettbewerb begleitet hat und dann treten wir an die Architekten heran. Für die tut es mir echt leid, weil ja auch tolle Entwürfe dabei waren. Aber an der Stelle müssen wir auch das Rückgrat haben und sagen, dass es nicht geht.

Rathaus-Neubau in Neuried geplatzt - bleibt Verwaltung jetzt im Gewerbegebiet?

Und die Ideen zur städtebaulichen Entwicklung?

Da ist viel Gutes herausgekommen, deswegen bin ich trotzdem zufrieden. Wir können nun aus einer Vielzahl von Ideen einen Bebauungsplan entwickeln, in den genau das kommt, was wir uns wünschen.

Das heißt, das Rathaus wird definitiv nicht mehr in die Ortsmitte zurückkehren?

Ja. Wobei ich den Begriff Ortsmitte schwierig finde. Ist das wirklich da, wo sich zwei große Straßen kreuzen und das alte Schulhaus steht, was irgendwann einmal zum Rathaus wurde? Vielleicht ist die Ortsmitte auch ganz woanders. Wo die Leute einkaufen gehen und nebenbei gleich ihren neuen Ausweis abholen können? Zudem stand in der Gemeinderatssitzung auch die Frage im Raum, ob ein Rathaus heute überhaupt noch ein Publikumsbringer ist. Wir sind ja auf dem Weg, ein digitales Rathaus zu werden. Um die sogenannte Ortsmitte zu beleben, brauchen wir einen Marktplatz, den Maibaum, einen Ort für Veranstaltungen.

Wie wahrscheinlich ist es also, dass die Gemeindeverwaltung am Hainbuchenring bleibt?

Sehr wahrscheinlich. Das Ziel ist jetzt, das Gebäude so schnell wie möglich zu kaufen.

Dabei heißt es, der Kauf wäre sogar teurer als die bisher geplanten Kosten für einen Neubau. Und der wurde unter anderem abgelehnt, weil das Geld dafür fehle...

Wenn wir den Siegerentwurf umgesetzt hätten und von einer Baukostensteigerung ausgehen, dazu wieder ein Umzug – dann wäre bauen teurer gekommen. Natürlich haben wir wenig Geld. Aber langfristig gesehen, ist der Kauf billiger. Zumal wir, wenn wir das Gebäude jetzt schnell erwerben, Mietkosten einsparen.

Unten ist noch eine Firma. Wird die Gemeinde irgendwann das ganze Gebäude nutzen?

Solange, wie wir die Flächen eigentlich noch gemietet hätten, sehe ich keine Not dafür. Aber natürlich haben wir langfristig das Ziel, dass hier ein Sitzungssaal und ein Trauzimmer eingerichtet werden und auch das Bauamt aus dem alten Rathaus zu uns zieht.

Kommentar: Kopflos und verschwenderisch zur Schlafstadt

Die Entscheidung des Gemeinderats Neuried war ein Paukenschlag – und kam dennoch mit Ansage. Bei einer ohnehin klammen Kasse und unter dem Druck, wegen des befristeten Mietvertrags innerhalb von fünf Jahren ein neues Rathaus planen wie bauen zu müssen, war das Projekt von Anfang an mehr als sportlich.

Ob unter diesen Bedingungen ein langwieriger und kostenintensiver Planungswettbewerb hätte sein müssen, ist Ansichtssache. Dass keine drei Wochen nach Präsentation eines Siegerentwurfs das Neubauprojekt komplett auf Eis gelegt wird, lässt die Entscheider aber kopflos und verschwenderisch erscheinen.

Nicht zuletzt: Um den Ortskern mit Markt und Dorfkirche zu beleben, mag ein Rathaus nicht zwingend nötig sein. Allerdings ist die Gemeinde dort zumindest öffentlichkeitswirksam präsent. Alles andere fördert die Entfremdung der Wohnbevölkerung vom Ort – und damit die Entwicklung Neurieds zu einer reinen Schlafstadt. (Romy Ebert-Adeikis, Redakteurin)

Romy Ebert-Adeikis

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