Lieber Brot und Wasser statt Hilfe

Wenn die Scheu den Hunger überwiegt

Jeden Tag ein anderes Gericht: Seit einem Jahr nutzt Maz Grimm (59) die Mahlzeiten-Patenschaft der Malteser. Das Essen kommt einmal wöchentlich tiefgekühlt zu ihm.
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Jeden Tag ein anderes Gericht: Seit einem Jahr nutzt Maz Grimm (59) die Mahlzeiten-Patenschaft der Malteser. Das Essen kommt einmal wöchentlich tiefgekühlt zu ihm.

Würmtal - Überall in der Umgebung können bedürftige Senioren gratis Essen bekommen – aber die Scheu ist bei vielen zu groß

Sie sollen der Alters­armut etwas entgegensetzen: die Mahlzeiten-Patenschaften der Malteser Gräfelfing. Sie ermöglichen es armen Rentnern, kostenlos Essen der Organisation zu beziehen. Aber während Spendengelder vorhanden sind, mangelt es an Nutzern – insbesondere im Würmtal. Gerade einmal vier Personen beziehen dort gratis Essen. Zum Vergleich: Im Gesamtgebiet der Malteser – zu dem auch München und die umliegenden Landkreise gehören – sind es 132. 

Die Aktion gibt es schon seit 2009. Doch erst vor kurzem haben die Würmtalgemeinden begonnen, den Service offensiv zu bewerben. Krailling bietet die Patenschaften sogar erst seit vergangener Woche offiziell an. „Ich finde das sehr wichtig“, erklärt 2. Bürgermeisterin Karin Wolf, warum sich Krailling jetzt engagiert. „Wir sind zwar eine reiche Gemeinde, aber auch bei uns gibt es Menschen, die lieber nur Brot und Wasser essen als zuzugeben, dass sie arm sind.“ 

Ein Problem, dass laut Patenschafts-Beauftragten Thomas Rapp vor allem im Würmtal auftritt. „Das Würmtal ist nicht so anonym wie das Stadtgebiet München. Gerade bedürftige ältere Menschen haben in den Würmtalgemeinden Angst, als arm durch die Nachbarschaft oder Bekannte abgestempelt zu werden.“ Viele würden versuchen, den Reichtum der Region nach außen widerzuspiegeln – und stattdessen sogar ihre Möbel verkaufen. „Das sind keine Einzelfälle.“ 

Einer, der offen über seine Lage spricht, ist Maz Grimm. Der Oberbrunner nutzt die Mahlzeiten-Patenschaft immer dann, wenn er selbst nicht in der Lage ist, zu kochen. So wie vor einem Jahr, als er mit gebrochenem Bein nicht in das Stockwerk mit seiner Küche kam. Er erkundigte sich nach dem Essen auf Rädern der Malteser. „Aber als ich die Kosten erfahren habe, war die Idee für mich schon wieder gestorben.“ Seine Erwerbsunfähigkeitsrente und seine Erlöse aus ehrenamtlichen Tätigkeiten stockt das Jobcenter auf das Existenzminimum auf. „Man überlegt ständig, ob man sich die 2,50 Euro für dies oder das leisten kann. Da entlastet mich die Patenschaft sehr.“ Als Maschinenbauer hat er einst gut verdient – bis zu 6000 Euro im Monat. Als ihm mit 40 ein Multiorganversagen diagnostiziert wurde, verlor er alles: Job, Haus, Auto. „Jetzt bin ich mein Leben lang dazu verurteilt, abhängig zu sein.“ Sich das einzugestehen hat auch Grimm viel Kraft gekostet. 

Um Senioren in Krailling für eine Patenschaft zu gewinnen sieht Karin Wolf darum nur einen Weg: Sie will potenziell Bedürftige direkt ansprechen. „Von allein kommt keiner“, weiß Wolf als Mitbegründerin des Würmtal-Tisches aus Erfahrung. Das hat man auch in Neuried gelernt, wo es die Patenschaft seit Herbst gibt, sie aber nur eine Person nutzt. Darum hat Seniorenbeauftragter Andreas Kobza die Gemeindemitarbeiter dazu angehalten, potenziellen Nutzern einen Flyer der Aktion mitzugeben. rea

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