So viel Kriegsschrott ist noch unentdeckt

Tickende Zeitbomben im Westen Münchens

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Ein Luftbild von Gräfelfing (o.) und Planeggs Norden, alle roten Kreise zeigen einen Bombenwurf.

Nach Handgranaten-Fund bei Gauting: Experten erklären in Hallo, was sonst noch in der Würm und unter der Erde schlummert

Hunderte Luftbilder der Alliierten hat Karlheinz Kümmel archiviert und untersucht.

Dieser Fund hätte tödlich sein können: Ein 25-jähriger Münchner hat im Mühltal mit einem Magneten eine Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg aus der Würm gefischt. „Magnetfischen ist ein hochgefährliches Hobby, ich kann davor nur warnen“, sagt Karlheinz Kümmel (81). Denn als Luftschutz-Experte hat er auch das Würmtal schon unter die Lupe genommen. Sein Fazit: Sowohl in der Würm als auch unter der Erde könnte noch viel Kriegsschrott schlummern.

„Gerade im Mühltal sieht man im Wald viele Vertiefungen. Das sind Bombentrichter, von denen einige schon verschwemmt sind“, so Kümmel. Zudem vermutet der Experte dort zig Überreste von Flugabwehrkanonen. „Rund um München gab es einen Flak-Gürtel. Eine Stellung gab es auch in Gauting.“ Im Umkreis von bis zu 1,5 Kilometer könnten noch heute Blindgänger und Geschosse liegen. 

Gräfelfing wurde Nähe zu Neuaubing zum Verhängnis

Auch in Gräfelfing zeigen Luftbilder der Alliierten viele Bombeneinschläge – etwa entlang der Steinkirchner Straße: „Dort war ein Barackenlager der Wehrmacht oder des Reichsarbeiterdiensts“, erklärt der Münchner den Grund. Wo die neue Sport- und Schwimmhalle für den Campus Lochham entstehen soll, wird der Kampfmittelräumdienst wahrscheinlich ebenfalls anrücken müssen. „Unebenheiten im Boden deuten darauf hin, dass dort einiges liegen könnte.“ 

Der Pasinger Bahnhof war ein wichtiger Knotenpunkt im Krieg. Darum wurden dort besonders viele Bomben abgeworfen - jeder roter Kreis zeigt einen.

Wahrscheinlich ist Gräfelfing die Nähe zum Bahnhof Pasing und den kriegswichtigen Industriestandorten in Neuaubing zum Verhängnis geworden. „Ab 1944 waren die Angriffe zum Teil so massiv, dass nicht mehr alle Bombeneinschläge dokumentiert wurden“, so Kümmel. Was unter Schutt oder Erde begraben wurde, könnte darum noch heute in der Tiefe lauern.

Nach dem Krieg wurde Munition in Flüsse geworfen

 

Auch in die Würm wurden nach Kriegsende Waffen und Munition geworfen.

Aus den Augen, aus dem Sinn: Das gilt Andreas Drechsler zufolge auch für Kriegsschrott in der Würm: „Nach dem Krieg mussten Waffen und Munition schnell weg. Das Behalten war verboten. In Nacht-und-Nebel-Aktionen ist darum alles mögliche von Brücken in die Flüsse geschmissen worden“, sagt der Feuerwerker, der bayernweit Kampfmittel beseitigt. Darum gehen Metallfischer gerade dort oft auf Suche, was erfolgsversprechend, aber brandgefährlich ist: „Die Sachen sind zwar meist gesichert versenkt worden. Aber die Sicherungen rosten auch, es wird mit der Zeit immer gefährlicher. Solange die Sachen im Wasser bleiben passiert wenig.“ 

Damit Granaten und Co. ans Ufer geschwemmt werden strömt die Würm aber häufig zu schwach. „Das passiert eher an der Isar.“ Romy Ebert-Adeikis

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