Der Würmtal-Spiderman

Er spinnt Fäden im Würmtal - ganz ohne Spinnen

Stärker als Stahl und dazu extrem leicht: Die Spinnenfäden von Thomas Scheibel finden ihre Anwendung in den unterschiedlichsten Bereichen und Produkten.
+
Stärker als Stahl und dazu extrem leicht: Die Spinnenfäden von Thomas Scheibel finden ihre Anwendung in den unterschiedlichsten Bereichen und Produkten.

Martinsried - Es ist der wichtigste Innovationswettbewerb in Europa und Biotechnologe Thomas Scheibel ist im Finale - Was seine Spinnenseide so besonders macht und ob er selbst ein Spinnenfreund ist

Besondere Vorträge widmet Thomas Scheibel (49) gern Superhelden: Aquaman, Batman, Spiderman. „Wie real sind deren Kräfte?“, fragt der Professor an der Uni Bayreuth seine Zuhörer dann und kommt zumindest bei Letzterem immer wieder zu dem Schluss: „Ganz so blöd ist das gar nicht.“

Denn Spinnenfäden gehören zu den Supermaterialen in der Natur. Sie sind 30 Mal so stark wie Stahl, extrem leicht und dehnfähiger als jedes andere Material. Thomas Scheibel könnten sie jetzt zum Europäischen Erfinderpreis führen: Er hat einen Weg gefunden, die Spinnenseide künstlich herzustellen. Er ist einer der Finalisten des Innovationswettbewerbs – am Donnerstag, 7. Juni, wird in Paris endgültig entschieden. „Den Preis zu gewinnen wäre wirklich toll. Es würde uns zeigen, dass auch andere anerkennen, dass wir etwas Großes geschafft haben“, sagt Scheibel.

Seit 2002 forscht der gebürtige Regensburger an den Spinnenfäden, viele Jahre davon an der Technischen Universität München. Bereits 2003 gelang ihm und seinem Team ein Durchbruch: Er manipulierte Bakterien mit Genen der Gartenkreuzspinne so, dass diese im Labor Spinnenseiden-Proteine produzieren. In einem zweiten Schritt entwickelte er eine Methode, die Proteine dann zu einem Faden zu spinnen. Das so gewonnene Material nennt sich „Bio­steel“.

In Martinsried entwickelt die Firma AMsilk damit bereits verschiedene Produkte: Turnschuhe, Hautcremes, Nagellacke, Brustimplantate. Die Firma mit Sitz im Innovations- und Gründerzentrum (IZB) hat Scheibel 2008 mitgegründet. Sie zählt heute laut Fachmagazinen zu den 50 innovativsten Unternehmen weltweit und hat 35 Mitarbeiter.

„Für unsere Spinnenseide haben wir 500 Industrieanfragen aus verschiedensten Branchen bekommen“, berichtet Scheibel stolz. Wichtig sei, daraus die Produkte auszuwählen, die dank des Materials einen echten Mehrwert erhalten. So sind die mit adidas entwickelten Laufschuhe sehr leicht und gegen Bakterien immun. „Die werden niemals müffeln.“ Von mit Spinnenseide umwickelten Implantaten erhofft sich der Tüftler, dass diese seltener abgestoßen werden. Das werde gerade in einer großen Studie in Österreich getestet.

Besonders wichtig für die Auswahl der Produkte ist, dass diese dank des Materials einen echten Mehrwert erhalten. Die mit adidas entwickelten Laufschuhe sind durch die Spinnenseide einerseits sehr viel leichter als herkömmliche Schuhe  und ausßerdem gegen Bakterien immun: das beugt unangenehmen Gerüchen vor.

Einen echten Mehrwert für die Industrie soll auch Scheibels zweites Projekt bringen: Er will einen Naturkleber auf Grundlage des Halteapparats von Miesmuscheln entwickeln. „Diese Muschelseide hält unter Wasser ex­tremen Belastungen stand, hält weiches und hartes Material zusammen und ist nicht toxisch“, erklärt der Biotechnologe die Vorteile. Das könnte für Fahrzeugbauer oder Architekten interessant sein.  Als echten Erfinder sieht sich Scheibel trotzdem nicht. „Wir suchen erstmal nach Lösungen. Eine Erfindung passiert dann einfach“, sagt er bescheiden.

Seine Projekte beschäftigen an der Universtität Bayreuth rund 50 Mitarbeiter und Studenten. Darunter sind auch „Spinnensitter“, die die rund 50 Tiere von bis zu fünf Kontinenten an seinem Lehrstuhl pflegen. „Spinnenangst haben darf man bei uns jedenfalls nicht.“ 

Romy Ebert-Adeikis

Europäischer Erfinderpreis

Seit 2006 verleiht das Europäische Patentamt, das in München sitzt, jährlich den Europäischen Erfinderpreis. Er gilt als der wichtigste Preis für Innovation in Europa. Im Finale stehen dieses Jahr in fünf Kategorien je drei Erfinder. Für den Sieger gibt es eine Trophäe in der Form eines Segels. Bereits 2017 gewann ein Münchner diese: Der TUM-Lehrstuhlinhaber Oliver Haydn bekam den Preis für einen computergestützten Malaria­-Bluttest.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Corona im Landkreis München: Zahlreiche Einrichtungen wieder offen - Weniger als zehn aktuell Infizierte
Corona im Landkreis München: Zahlreiche Einrichtungen wieder offen - Weniger als zehn aktuell Infizierte
Unternehmen aus Martinsried entwickelt Corona-Medikament
Unternehmen aus Martinsried entwickelt Corona-Medikament
Tickende Zeitbomben im Westen Münchens
Tickende Zeitbomben im Westen Münchens
Soziales Engagement – Das Bundesverdienstkreuz geht ins Würmtal
Soziales Engagement – Das Bundesverdienstkreuz geht ins Würmtal

Kommentare