Schriftsteller Dr. Gerd Holzheimer (66) von A bis Z

„Thoma: feinsinnig – aber auch ein Depp“

150 Jahre Ludwig Thoma: Zu diesem Jubiläum gestaltet Literaturexperte Gerd Holzheimer (Foto) aus Gauting einen Abend in der Monacensia – und erklärt in Hallo, warum der Heimatdichter voller Widersprüche steckte.

„Heilige Nacht“, „Ein Münchner im Himmel“, „Lausbubengeschichten“: Er hat die bekanntesten und populärsten bayerischen Klassiker geschrieben – aber auch Hetzschriften gegen Juden. Ludwig Thoma, der am 21. Januar 150 Jahre alt geworden wäre, polarisiert wie kaum ein anderer bayerischer Autor. In München würdigt das Literaturarchiv Monacensia den Geburtstag mit einem Symposium im Hildebrandhaus am Freitag, 20. Januar. Bei freiem Eintritt gibt es diverse Vorträge und Diskussionen. Den Abend gestaltet der Thoma-Experte Dr. Gerd Holzheimer aus Gauting, der ein sehr gespaltenes Verhältnis zu dem Heimatdichter hat: „Merkwürdig, dass einer so ein Depp sein kann und gleichzeitig so feinsinnig“, sagt der Schriftsteller und Herausgeber des Magazins „Literatur in Bayern“. „Das Spannendste am Thoma sind seine Widersprüche. Er war mit einer halbjüdischen Frau liiert und schrieb gleichzeitig antisemitische Artikel – bei seinen Liebesbriefen an die Maidi kommen einem die Tränen. Und dann schreibt er wieder über das ,Judenpack“. Wieso der gefeierte Autor und „Simplicissimus“-Chefredakteur auch als Macho gilt und was für Gemeinsamkeiten er mit Franz Josef Strauß und Donald Trump hatte, lesen Sie hier von A bis Z.

Maren Kowitz

Aloisius: Der Münchner im Himmel dürfte Thomas populärste und bekannteste Figur sein. Der Dienstmann Alois Hingerl am Hauptbahnhof zu München stellt fest, kaum dass er im Paradies ist: „Des werd schee fad.“

Bairisch: Ludwig Zehetner, der „bairische Dialektpapst“ schreibt: „Mit der raffinierten Vermengung von bairischem Dialekt und Schriftdeutsch, mit der krassen Verfremdung der Wortbilder schuf Thoma mit seinem ,Filser-Bayrisch eine neuartige Stilgattung.“

CSU: Ist Ludwig Thoma eine Art von Prä-Franz-Josef-Strauß? Haut dir volle Kante zwischen die Schulterblätter, so nach dem Motto: „Eigentlich bin ich ganz zart, aber ich komm so selten dazu.“

Doppelmoral: Im „Simplicisismus“ fragt Ludwig Thoma die Herren Sittlichkeitsprediger: „Was wollen Sie eigentlich von der Liebe/Mit Ihrem Pastoren Kaninchentriebe/Sie multiplizierter Kindererzeuger/Sie gottseliger Bettbesteuger?“ Dafür saß er sechs Wochen in Stadelheim.

Erstling: „Agricola“ (1897) geht um den Bauernstand, den Thoma als Anwalt gut kannte.

Frauen sah Thoma als kaufbare Objekte. Seine erste Frau Marietta di Rigardo hat er für 10 000 Taler freigekauft. Auch bei seiner späteren Beziehung mit der verheirateten Maidi Liebermann soll er das versucht haben.

Grantler: Auf Fotos sieht man Thoma nie lachen, aber er hatte Humor. In seinen Werken schlägt der eher in der Frühzeit durch: bei den „Lausbubengeschichten“, dem Aloisius oder „Krawall“.

Halbscharig: Der Begriff kommt aus der Landwirtschaft: Wenn der Pflügende die Pflugschar nicht so tief eingesenkt hat, wie’s nötig gewesen wäre, dann nannte man das „halbscharig“. Halbscharig war gewiss das Letzte, was Thoma hätte sein wollen.

Im Wald ist so staad/alle Wege san verwaht/Alle Wege san vaschniebn,/Is koa Steigl ned bliebn.“ Poetisch feinsinniger kann man die bairische Sprache kaum gestalten als in Thomas Anfangsversen der „Heiligen Nacht“.

Jäger und Bauern sind häufig Protagonisten bei Thoma. Ganz schlimm ist in „Ruepp“ der Bauer, der alles verliert und nur noch aus Essig besteht. Das ist ein abschreckendes Beispiel für alle, die im Alter verbittert werden.

Kaulbachstraße 91: Dort in Schwabing hatte die Satirezeitschrift „Simplicissimus“, bei der Thoma Chefredakteur war, ihre Redaktion.

Lausbubengeschichten: Ich habe einmal Hansi Kraus, den legendären „Lausbub“-Darsteller, nach seinem Verhältnis zu Thoma gefragt. Seine Antwort: „I kumm dem nimmer aus!“

Monacensia: Einer meiner Lieblingsorte in München – ein Wahnsinnsarchiv, Wahnsinnsbibliothek und Mitarbeiter, die einem literarische Fragen aus dem Hirn ablesen können, die man selber noch gar nicht hatte.

Neue Versionen: Ich habe mir bei meiner Übertragung des Kleinen Prinzen ins Bairische bei Thoma seine Satzmelodie abgeschaut. Und die doppelte Verneinung. Von meinen Zeitgenossen fällt mir Norbert Göttler ein, der Gedichte im Dachauer Dialekt geschrieben hat – wie Thoma.

Oskar Maria Graf sieht Thomas Stärke darin, dass er nie nach einer Meinung zu suchen brauchte und immer nur aus sich selbst schöpfte. „Er war der Ludwig Thoma, nicht mehr und nicht weniger. Er war ein Kopf für sich, ein echtes Herz und ein eigener Mensch.“

Polt: Der Verlag LangenMüller, bei dem Thoma unter Vertrag stand, wollte Biographien über die „Thomas von heute“. Deswegen habe ich die Polt-Biographie geschrieben – mit Hilfe von Hans Christian Müller und Michael Well von der Biermösl Blosn.

Quatsch: Stattdessen sagt man in Bayern natürlich eher „Bleedsinn“. A schöner Bleedsinn ist Thomas Erzählung „Krawall“.

Rufmord: Wenn einer in so übler Weise Juden beschimpft wie der Thoma, finden sich irgendwann die Mörder, die diesem Ruf folgen.

Stadelheim: Thoma hat die Haft ganz gut überstanden. Er raucht 230 Zigarren, liest von Platon und Homer bis zu Keller und Fontane nur erstklassige Literatur, schließt seine Lausbubengeschichten ab und bereitet das Erfolgsstück „Moral“ vor. Darüber hinaus nimmt er zehn Pfund ab, weil er jeden Abend nur eine Halbe Bier kriegt.

Tod: Thoma schrieb 1919 dazu in seinen „Erinnerungen“: „Um mich ist Heimat. Und die Erde kann einmal den, der sie herzlich liebte, nicht drücken.“

Universität: Als Lehrbeauftragter für Neuere Deutsche Literatur und Bayerische Literaturgeschichte der LMU habe ich natürlich auch Seminare für Studenten mit Thoma-Bezug gehalten. Gestern habe ich einen Brief von einem Professor der Uni Augsburg bekommen, der mich als „Nestor der bayerischen Literaturgeschichte“ bezeichnet – no servus, ich wusste gar nicht, dass ich schon so alt bin.

Volkstümlich: Tümlich war Thoma nicht. Dafür ist er viel zu sperrig und anarchisch.

Watschn: Meine Lieblingsanekdote: Thoma ist acht Jahre alt, kommt vom Dachauer Land und sein Onkel zeigt ihm München. Sie stehen am Siegestor, der Onkel erklärt ihm alles. Plötzlich schmiert er ihm eine. Und dann kommt der Satz: „Damit Du nie vergisst, wia schee die Ludwigstraß’ ist.“

Xundheit: Thoma stirbt 1921 mit 54 Jahren an Magenkrebs.

Yes: Das Thoma-Phänomen kann man gerade auch in Amerika beobachten: Wie jemand keine Grenze mehr zieht zwischen Privatem und Öffentlichem und alles „niedertrumpelt“. Trump und Thoma haben gemein, dass sie sich nicht mehr fragen, was ihre Worte in der Öffentlichkeit auslösen.

Zefix: Aus den angeordneten „Hallelujah“- und „Hosianna“-Gesängen wird beim Aloisius ein bisher im Himmel unerhörtes Fluchen „Luja sog i, zefix luja!“

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