„Allgäu-Skandal? Unser Alltag!“

Kampf für Tiere: Planegger SOKO Tierschutz für Ehrung nominiert

+
Sie macht das Elend von Nutztieren öffentlich: Für ihre Arbeit ist die SOKO Tierschutz jetzt für den Deutschen Engagementpreis nominiert.

Er kennt das Elend der Tiere: Als Gründer der SOKO Tierschutz deckt Friedrich Mülln immer wieder Missstände in der Nutztierhaltung auf – zuletzt in einem Milchbetrieb im Allgäu...

München/Würmtal – In dem kleinen, kargen Büro steht ein winziger, rostiger Käfig, darin das Modell einer Stopfleberente. Jener Masttiere, die mittels einer eigenen Maschine so lange zwangsgefüttert werden bis ihre verfettete Leber als Delikatesse verkauft wird. 

Bis vor wenigen Jahren gab es die Stopfleber noch in deutschen Supermarktketten – mittlerweile sind sie aus den Regalen verbannt. Auch ein Erfolg der SOKO Tierschutz. Die Tierrechtsorganisation mit Sitz in Planegg hatte damals in Stopfmastanlagen gefilmt.

Ihre aktuellste Enthüllung im Juli 2019: Der Skandal um die Kuhhaltung in einem Milchbetrieb in Bad Grönenbach im Allgäu. Jetzt ist der Verein für den mit 10 000 Euro dotierten Deutschen Engagementpreis nominiert. Das Publikum darf bundesweit abstimmen, momentan liegt die SOKO Tierschutz vorne. 

SOKO-Tierschutz-Gründer Friedrich Mülln mit dem Modell einer Stopfleberente.

Hallo hat den Gründer, Friedrich Mülln, besucht. Er selbst hat in Bad Grönenbach observiert, die Kadaverhaufen der Kühe mit eigenen Augen gesehen. „Bad Grönenbach war kein Skandal, das ist Alltag“, sagt der 39-Jährige. „Wir hätten jeden anderen größeren Betrieb nehmen können. Viele Bauern arbeiten unprofessionell“, sagt Mülln. Und manches sei legal, aber problematisch, wie die Anbindehaltung: „Eine Million Kühe in Bayern können sich nicht mal umdrehen.“

Das Elend der Tiere berührt ihn immer noch genauso wie als 13-Jährigen, als er einen Fernsehbeitrag über Ferkelkastration sah. Damals fing er an, sich vegan zu ernähren und sich im Tierschutz zu engagieren. Der studierte Politikwissenschaftler arbeitete für andere Organisationen, 2012 gründete er dann seinen eigenen Verein. Dieser hat sich auf die Aufdeckung von Missständen in der Nutztierhaltung spezialisiert. „Man muss sich thematisch eingrenzen, um effektiv zu arbeiten“, sagt Mülln.

„In erster Linie zeigen wir die Zustände in der Nutztierhaltung auf, welche Probleme es regional gibt. Wir nennen Namen“, erklärt Mülln. So führten veröffentlichte Filmaufnahmen 2017 aus dem Schlachthof Fürstenfeldbruck dazu, dass dieser seinen Betrieb einstellte. Der Prozess wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz läuft derzeit.

Große Hoffnung in die Politik setzt Mülln nicht: „Deutschland ist Lobbyland. Doch der Verbraucher ist mächtig. Wenn keiner mehr tierische Produkte kauft, sind die Unternehmen gezwungen sich umzustrukturieren.“

Bis es soweit ist, wird die SOKO weiterarbeiten. Gerade stehen sie laut Mülln kurz vor der Aufdeckung eines neuen Skandals – wieder im Bereich Nutztierhaltung, wieder in der Region: „Wir sind seit zwei Jahren dran. Das wird was Großes!“

Daniela Borsutzky

SO kontrollieren die Behörden

Täglich gibt es neue Horror-Details über die Zustände auf Allgäuer Bauernhöfen – die auch Fragen aufwerfen, ob und wie die Kontrollmechanismen des Freistaats und der Gemeinden funktionieren. 

Aleksander Szumilas, Sprecher des Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL).

Aleksander Szumilas ist Sprecher des Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Das LGL ist die zentrale Fachbehörde für den gesundheitlichen Verbraucherschutz in Bayern. Ihm unterstellt ist die im Januar 2018 gegründete Bayerische Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV). 

„Zuständig für die Kontrolle von Betrieben, die Lebensmittel herstellen, sind zum einen die Kreisverwaltungsbehörden, zum anderen die KBLV“, teilt Szumilas mit. Geplant ist jetzt eine Aufgabenerweiterung der KBLV – sie soll zukünftig auch für große Rinder- und Schweinehaltungsbetriebe zuständig sein. Bis dahin kontrollieren Tierschutz-

experten des LGL zusammen mit den jeweils zuständigen Kreisverwaltungsbehörden im Rahmen eines Sonderkontrollprogrammes die Rindergroßbetriebe in Bayern.

Das ist die Situation in München: „Im Veterinäramt München sind neun Amtstierärzte im Bereich Tierschutz tätig“, erklärt Johannes Mayer, Sprecher des KVR. „In der Arbeitsgruppe Tierschutz/Tierseuchen arbeiten neun Personen überwiegend an konkreten Tierschutzeinzelfällen. In der Stabsstelle Tierschutz und Sonderaufgaben wird durch weitere zwei Kollegen unter anderem politischer Tierschutz betrieben.“

SOKO Tierschutz

Die aktuellste Enthüllung der SOKO im Juli 2019: Der Skandal um die Kuhhaltung in einem Milchbetrieb in Bad Grönenbach im Allgäu.

Friedrich Mülln gründete den Verein 2012 im Raum Augsburg. „Den Namen haben wir uns gegeben, weil in Österreich die Polizei eine SOKO Tierschutz hatte, die aber gegen Tierschützer vorgegangen ist“, erklärt Mülln. „Da dachte ich, es müsste eine SOKO geben, die sich tatsächlich für den Tierschutz einsetzt.“ Seit einem Jahr sitzt der Verein, der rund 15 aktive Mitglieder und ca. 100 Unterstützer zählt, in Planegg.

Lesen Sie hier aktuelle Nachrichten aus den Stadtteilen

Ihr Viertel ist nicht dabei? Eine große Auswahl weiterer Lokalthemen finden Sie in unserer Übersicht.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Bürgerversammlung 2019: Diese Themen bewegen Planegg
Bürgerversammlung 2019: Diese Themen bewegen Planegg
Deutsch-polnische Schau – Zoff um Harmonie-Ausstellung
Deutsch-polnische Schau – Zoff um Harmonie-Ausstellung

Kommentare