Verzögerter Ausbau

Bei Webasto brach Corona in Deutschland zuerst aus ‒ darum hat die Stockdorfer Firma umplanen müssen

Beim Autozulieferer Webasto in Stockdorf (Lkr. Starnberg) infizierten sich Ende Januar die ersten Deutschen mit dem Coronavirus.
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Seit 2018 ist die Webasto-Zentrale in einem modernen Neubau untergebracht. Ein zweites Gebäude war zeitnah geplant, jetzt könnte es erst 2023 fertig sein. Fotos: rea/Webasto
  • Romy Ebert-Adeikis
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Ein Mitarbeiter von Webasto infizierte sich als erster in Deutschland mit Corona. Was die Pandemie für Folgen für das unternehmen in Stockdorf hat und wie es dem Patient 1 geht...

Mit der Herstellung von Dachteilen für Fahrzeuge ist Webasto einer der größten deutschen Autozulieferer. 2019 erwirtschaftete das Unternehmen mit Sitz in Stockdorf einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro. Dass Webasto damit heuer mithalten kann, ist im Hinblick auf Corona fraglich.

So oder so wird der Firma die Corona-Zeit lang im Gedächtnis bleiben: Im Januar infizierte sich ein Mitarbeiter der Firma mit dem Virus, als erster offiziell Betroffener in Deutschland. Acht weitere Kollegen folgten.

Die Folgen für das Unternehmen: abgesagte Dienstreisen und eine zweiwöchige Sperrung der Zentrale. Wie das die international agierende Firma verändert hat und warum Vorstandsvorsitzender Holger Engelmann trotz allem optimistisch in die Zukunft blickt, hat er im Interview mit Hallo verraten.

Webasto-Vorstandsvorsitzender Holger Engelmann
Herr Engelmann, es ist zehn Monate her, dass sich ein Webasto-Mitarbeiter in Stockdorf mit dem Coronavirus infiziert hat. Wie geht es ihm heute?
Dem Patienten 1 geht es heute gesundheitlich gut. Wie unser Mitarbeiter mitteilte, ist er frei von Corona-Folgebeschwerden, allerdings besteht das Risiko einer erneuten Ansteckung. Denn schon im April waren bei seinen medizinischen Kontrolluntersuchungen keine Antikörper mehr nachweisbar.
Wie haben Sie den damit verbundenen Rummel um Ihre Firma erlebt? Hat sich dadurch verändert, wie man in Deutschland oder dem Ausland auf den Namen Webasto reagiert?
Wir standen von heute auf morgen im Fokus der Medien. Das enorme Interesse der Öffentlichkeit zu bedienen – und zugleich alles zu tun, um die Mitarbeiter zu informieren und zu schützen – war eine gewaltige Herausforderung. Wir wollten nicht als das Unternehmen im Gedächtnis bleiben, das das Virus nach Deutschland gebracht hat, sondern als das, das verantwortungsbewusst mit dieser Situation umgegangen ist. Und das scheint uns geglückt zu sein. Wir haben für unsere Arbeit sehr viel positives Feedback bekommen – von Kunden, Lieferanten und auch von Medienvertretern.
Die Übertragung des Coronavirus fand bei einer Fortbildung mit einer chinesischen Mitarbeiterin statt. Wie hat das die Zusammenarbeit mit dem Ausland verändert?
Für ein Industrieunternehmen mit knapp 14 000 Mitarbeitern an über 50 Standorten in aller Welt ist der intensive Austausch sowohl über Funktionen und Regionen hinweg, als auch mit Kunden und Lieferanten essenziell für den wirtschaftlichen Erfolg.
Höchste Priorität aber hat für uns die Gesundheit unserer Mitarbeiter und ihrer Familien. Um die Mindestabstände in den Büros zu wahren, arbeiten viele Kollegen im Mobile Office. Unsere leistungsstarke IT-Infrastruktur unterstützt die gemeinsame Projektarbeit. Wir haben aber auch Lösungen in anderen Bereichen im Einsatz, zum Beispiel für die Übertragung von Bilddaten aus der Produktion oder zur Online-Steuerung von Prüfständen.
Bei dringend notwendigen Reisen zwischen den Standorten oder zu Kunden und Lieferanten halten wir uns weltweit an die geltenden Reisebestimmungen der zuständigen Behörden. Da wir grundsätzlich im Markt für den Markt produzieren und mit Zulieferern in den jeweiligen Regionen zusammenarbeiten, agieren wir sehr regional. Innerhalb von Regionen mit aktuell wenigen oder keinen Corona-Fällen, zum Beispiel in China, sind auch wieder persönliche Treffen möglich.
Das Arbeiten in der Pandemie hat uns gezeigt, wo wir auf Reisen verzichten können und zukünftig noch regionaler, nachhaltiger, virtueller und dennoch effizient agieren können.
Inwiefern hat die Pandemie das Arbeiten in der Zentrale in Stockdorf verändert?
In den letzten Monaten haben wir viele neue Technologien und Kommunikationstools eingeführt, die auch im Headquarter in Stockdorf intensiv für die weltweite Zusammenarbeit genutzt werden.
Die neuen Arbeitswelten, die sich hinter dem Begriff „New Work“ verbergen, beschäftigen uns bei Webasto schon einige Zeit. Wir hatten bereits vor Corona Regelungen zum mobilen Arbeiten und Vertrauensarbeitszeit, die uns die Umstellung zu mehr Homeoffice in der Pandemie erleichtert haben. Neue Büroraumkonzepte, wie „Multi Space“ mit viel Raum einerseits für konzentriertes Arbeiten für den Einzelnen sowie andererseits für Austausch und agile Projektarbeit setzen wir in Stockdorf bereits im 2018 eingeweihten Neubau um.
Wie wird Webasto wirtschaftlich durch dieses Jahr kommen?
Im ersten Halbjahr 2020 haben wir einen deutlichen Umsatzrückgang erlebt. Im dritten Quartal war die Entwicklung wieder positiver, vor allem in China.
Aufgrund unsicherer Rahmenbedingungen auch mit Blick auf Handelsstreitigkeiten ist eine Prognose zur weiteren Entwicklung schwierig. Wir arbeiten aber trotz aller Widrigkeiten darauf hin, Ende 2021 wieder schwarze Zahlen zu schreiben.
Für die Zukunft sehen wir große Potenziale für Webasto, da wir seit 2015 konsequent an unserer Doppelstrategie arbeiten. Diese sieht vor, dass wir unser Stammgeschäft mit Dach- und Heizsystemen weiter ausbauen. Parallel dazu erschließen wir uns neue Geschäftsfelder in der Elektromobilität.
Unser Kerngeschäft läuft nach wie vor profitabel und mit Ladelösungen und Batteriesystemen ist uns der erfolgreiche Markteintritt bereits gelungen. Der Auftragsbestand in diesen neuen Bereichen liegt inzwischen bei rund einer Milliarde Euro.
In Stockdorf stecken Sie mitten in der Erweiterung Ihrer Firmenzentrale. Was wird dafür 2021 passieren?
Die Weiterentwicklung unserer Firmenzentrale in Stockdorf ist ein langfristiges Projekt, eine Investition in die Zukunft von Webasto. An dieser Entscheidung halten wir auch in Krisenzeiten fest.
Unser Zeitplan für den weiteren Ausbau hat sich allerdings – nicht zuletzt wegen Corona – etwas verzögert. Die Baugrube für das zweite neue Gebäude ist ausgehoben und die Fundamente gegossen. Im kommenden Jahr wird der Rohbau mit drei Unter- und drei Obergeschossen errichtet. Wir rechnen damit, dass das Gebäude Anfang 2023 bezugsfertig ist.

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