„Die Gesamtsituation ist erbärmlich“

Erschreckende Bilanz: Immer mehr Arbeitende sind ohne Wohnung

+
Mit dem Abriss des alten Gasthofs „Zur Eiche“ verloren einige Gastarbeiter ihr Heim.

Landkreis – Die Zahlen, die die Obdachlosenberatung der AWO kürzlich vorgelegt hat, sprechen für sich: Die Zahl der arbeitenden Obdachlosen nimmt zu– Die meisten Fälle wurden in Planegg verzeichnet

Es ist ein düsteres Bild, das Stefan Wallner in Bezug auf Wohnungslosigkeit im Landkreis München zeichnet. „Die Gesamtsituation ist erbärmlich“, sagt der Leiter der Wohnungsnotfallhilfe der örtlichen Arbeiterwohlfahrt (AWO). Seit zwölf Jahren ist Wallner dort beschäftigt, eine Zeit, in der sich vieles geändert hat. „Früher waren es vor allem Sozialhilfeempfänger, die von Obdachlosigkeit betroffen waren. Inzwischen hat fast die Hälfte der Menschen, die wir beraten, eine Arbeit.“

Insgesamt 367 Personen mussten 2018 von den Landkreis-Gemeinden untergebracht werden. Etwa ein Drittel davon hat eine Beratung der AWO in Anspruch genommen, wie der aktuelle Jahresbericht zeigt.

Stefan Wallner,  Leiter der Wohnungsnotfallhilfe der örtlichen Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Die meisten Fälle (38) sind in Planegg aufgeschlagen. Dort, wo die Obdachlosenberatung im Landkreis vor genau zehn Jahren ihren Anfang genommen hat. Inzwischen beraten Sozialarbeiter auch in Neuried, Krailling und Gräfelfing Betroffene direkt in den Unterkünften. „Das Würmtal ist in der Beratung für Bürger in Not und vor allem in der Obdachlosenberatung mustergültig aufgestellt“, betont Wallner.

Dass in Planegg 2018 die meisten Beratungsgespräche anstanden, hat ihm zufolge auch mit Menschen aus ärmeren EU-Ländern zu tun. „Eine Arbeit bekommen diese im Raum München fast immer – aber eine Wohnung nicht. Sie wohnen dann in Gaststätten, Pensionen oder kommen bei Freunden unter und hoffen, irgendwann eine Wohnung zu finden. Aber das klappt hier fast nie.“ 

Kündigen die Unterkünfte auf Zeit ihren Gästen, weil sie sich zu dauerhaften Mietern entwickelt haben, stehen diese schnell auf der Straße. Andere Unterkünfte existieren nicht mehr: So wurde in Planegg im Mai 2018 der Gasthof „Zur Eiche“ abgerissen. Anwohner hatten immer wieder berichtet, dass in den alten Räumlichkeiten mehrere Gastarbeiter Unterschlupf gefunden hatten.

Immerhin: 15 der 38 Personen aus Planegg, die 2018 beraten wurden, sind bis Ende des Jahres wieder in Wohnungen untergekommen (Neuried: zwei von fünf Fällen positiv abgeschlossen, Gräfelfing: drei von fünf). Nur in Krailling, wo es erst seit Februar 2018 die AWO-Beratung gibt, wurde bis Jahresende keiner von 14 Fällen abgeschlossen. 

„Der Weg zu einer Wohnung dauert im Schnitt ein Jahr“, so Wallner. In der Zeit müssten die Suchenden Bewerbungsmappen schreiben oder Anträge zur Kostenübernahme stellen. Aber auch in Krailling gibt es Lichtblicke „Im Februar konnten acht Personen umziehen, weil Wohnraum gefunden wurde.“

Romy Ebert-Adeikis

Personen in Unterkünften

So viele Menschen waren im Landkreis untergebracht:

  • 2016: 176 Erwachsene und 46 Kinder
  • 2017: 239 Erwachsene und 86 Kinder
  • 2018: 256 Erwachsene und 111 Kinder

Lesen Sie auch: Undercover im Kälteschutz: So nächtigen Obdachlose in München

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

15-Jähriger rammt jungem Mann Messer in Bauch und flüchtet
15-Jähriger rammt jungem Mann Messer in Bauch und flüchtet
Spagat zwischen Heimat und Berlin – Streit um Gemeinderats-Kandidatur
Spagat zwischen Heimat und Berlin – Streit um Gemeinderats-Kandidatur

Kommentare