Würmtal im Reparaturfieber

Im Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft: In der Region gibt es immer mehr Handwerks-Initiativen

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Der „Geräte-Doc“ Maz Grimm (li.) schraubt mit Horst Breitenfeld im Gautinger Repair Café an einem Kassettenrekorder. Er beobachtet eine Abkehr von der „Geiz-ist-geil-Mentalität“.

Gauting - Reparieren anstatt gleich wegzuwerfen boomt. Im Repair Café Gauting sind pensionierte Ingenieure, Uhrmacher und Handwerker im Einsatz, um altes wieder auf Vordermann zu bringen

Das Wartezimmer ist voll besetzt. Auf bunten Sofas und Stühlen im Gautinger Bahnhof sitzen Männer und Frauen mit schweren Taschen und Paketen auf dem Schoß. Darin: kaputte Wasserkocher, stehengebliebene Uhren oder löchrige Kleidung. Alltag im Repair Café Gauting. In der Ecke sitzt Maz Grimm, und schraubt an einem alten Kassettenrekorder. Ein paar Gummis müssen ausgetauscht werden, „dann läuft der durchaus noch 20 Jahre“, weiß Grimm, den viele hier nur als „Geräte-Doc“ kennen.

Immer im Einsatz: Rüdiger Gundelach ist pensionierter Ingenieur – und einer von 40 Ehrenamtlichen beim Repair Café Gauting

Gauting ist die fünfte Reparaturinitiative, bei der er diese Woche aushilft. Über 30 davon gibt es in und um München. „Es ist ein ganz klarer Trend“, so Grimm. Der ist inzwischen auch im Würmtal angekommen. „München ist in Sachen Nachhaltigkeit sehr fortschrittlich, das strahlt natürlich auch hier raus“, sagt Christiane Lüst, die das Gautinger Repair Café 2015 mit Karl-Heinz Jobst gegründet hat. Zwischen 40 und 60 Leute kommen zu jedem Treffen. „Die Helfer sind gerade so ausreichend“, klagt Jobst. Der Grund: In der Region bilden sich immer mehr Initiativen, die der Wegwerfgesellschaft den Kampf ansagen. Seit vielen Jahren gibt es ein Repair Café schon in Germering, dann kam Gauting, ein Gräfelfinger Ableger feiert derzeit einjähriges Bestehen. Auch dort sei der Andrang groß, ohne zu ziehende Laufnummer gar nicht zu bewältigen, berichtet Emil Knies. Vor allem elektronische Geräte würden zur Reparatur gebracht.

"Geiz ist geil war einmal"

 „Viele Fachgeschäfte reparieren so etwas nicht mehr oder es ist zu teuer, und selbst trauen sich viele nicht“, erklärt er sich den Trend. „Geräte-Doc“ Grimm hat eine andere Theorie. „Selbst junge Leute haben mittlerweile keine Lust mehr auf die ‚Geiz-ist-geil-Mentalität’. Jeder sieht, dass Geräte heute schneller kaputt gehen. Das ärgert die Leute.“ Auch in Planegg wird es wohl bald eine Reparatur-Angebot geben. „Offene Werkstätten Würmtal“ soll sie heißen und Räume wie Maschinen bereitstellen, an denen man selbst bauen, werkeln, reparieren kann – auch unter Anleitung. Und in denen Kinder bei Ferienkursen den Spaß an handwerklichen Tätigkeiten entdecken sollen. Die Idee hatte Lotar Krahmer (74), der über soziale Netzwerke etwa 30 Mitstreiter gefunden hat. Das Konzept nach Vorbild des „Haus der Eigenarbeit“ in Haidhausen steht, Anfang Februar soll jetzt ein Trägerverein gegründet werden. „Bis Ende des Jahres sollten wir eine passende Immobilie gefunden haben, damit wir zumindest im kleinen Rahmen endlich starten können“, sagt Krahmer. Denn wie beim Handwerkern setzt der Ingenieur auch bei den „Offenen Werkstätten Würmtal“ auf eine Devise: einfach machen. rea

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