Von Flugblättern und Widerstand in Gräfelfing

In Gedenken: Der Tag der Hinrichtung von Kurt Huber jährt sich zum 75. Mal

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Kurt Huber 1939 mit seinen Kindern Wolfgang und Birgit im Garten in Gräfeling. Erst 1959 verließ die Familie das Haus – lange nach dem Tod des berühmten Vaters.

Gräfelfing - Vom Wissenschaftler zum Widerstandskämpfer: Zum 75. Todestag von Professor Kurt Huber soll um der Gegenwart willen an seine Geschichte erinnert werden

Mein Vater, der Widerstandskämpfer

Am liebsten würde Wolfgang Huber (79) seine Zeit in Gräfelfing hinter sich lassen. Und doch finden sich in seiner Wohnung in der Münchner Ludwigsvorstadt viele Relikte: die Sitzgruppe mit den gelben Polstern, der Notenschrank, der Holzschreibtisch, die der Vater einst für die Villa in der Gräfelfinger Ritter-von-Epp-Straße 5 kaufte. Heute heißt sie Professor-Kurt-Huber-Straße – benannt nach Wolfgang Hubers Vater, der als Widerstandskämpfer der Weißen Rose am 13. Juli vor 75 Jahren hingerichtet wurde.

Wie mit den Möbeln, die er nicht unbedingt haben wollte und mit denen er jetzt doch lebt, geht es Wolfgang Huber auch mit der Vergangenheit: „Ich habe es lange Zeit vermieden, über meinen Vater zu sprechen, so wie viele andere Nachkommen von Widerstandskämpfern“, sagt er. „Wenn man einen Geköpften in der Familie hat, ist das nicht gut“, erklärt Huber etwas verlegen. Kurz nach dem Krieg seien Widerstandskämpfer keine Helden gewesen, sondern Verräter. „Und für manche sind sie das noch lange geblieben.“

Heute spricht Wolfgang Huber als aktives Mitglied der Stiftung Weiße Rose umso mehr über seinen Vater.

Heute spricht Wolfgang Huber als aktives Mitglied der Stiftung Weiße Rose umso mehr über seinen Vater. Gerade hat er ein Buch über dessen letzten Lebenstage verfasst. Seine Quellen: Briefe ins und aus dem Gefängnis Stadelheim, Anklage- und Verteidigungsschrift, Vernehmungsprotokolle. „Eigene Erinnerungen an meinen Vater habe ich kaum“, so Huber, der vier Jahre alt war, als sein Vater starb. Die Ausnahme: dessen Beerdigung im Waldfriedhof. „Das war sehr aufregend, weil der Friedhof bereits geschlossen war. Alles musste sehr schnell gehen. Meine Mutter sagte mir, ich soll nicht zu den Männern mit den dunklen Mänteln sehen. Das war natürlich die Gestapo. Die Beerdigung war also durchaus gefährlich.“

Eine feierliche Beerdigung könnten auch die vielen Gedenkveranstaltungen, die es seither an Kurt Hubers Grab gab, nicht nachholen. Unabdingbar sei die Erinnerungskultur dennoch. „Sie sollte eine Schule der Hellhörigkeit sein, uns sensibilisieren für erste Zeichen von Unfreiheit“, so Wolfgang Huber. Seine Wertevorstellungen hat er – wie die Leidenschaft für die Wissenschaft und das Basteln – mit dem Vater gemein. 

Umso mehr ängstigen ihn aktuelle Tendenzen in der Gesellschaft. „Die AfD will nichts anderes als ein Verbot der Erinnerungskultur und ein undemokratischeres Land.“ Europa erkennt Huber manchmal genauso wenig wieder wie sein Elternhaus. „Das Arbeitszimmer meines Vaters ist heute ein begehbarer Kleiderschrank.“ 

Romy Ebert-Adeikis

Zur Person

Kurt Huber, geboren 1893 in Chur, war Musikwissenschaftler, Psychologe und Philosoph. Er lehrte ab 1920 an der Universität München und kam 1942 mit der „Weiße Rose“ in Kontakt. Deren letztes Flugblatt verfasste Huber allein. Er wurde im Juli 1943 hingerichtet.

Erinnern um der Gegenwart willen

Stefanie Fehlhammer und Max Kolmeder kümmern sich am Gräfelfinger Kurt-Huber-Gymnasium um die Erinnerungskultur. Im Foyer der Schule hängt eine Gedenktafel für den Namensgeber.

„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit“: Schwarz auf Weiß prangt der Schriftzug im Foyer des Gräfelfinger Kurt-Huber-Gymnasium (KHG). Der entspricht nicht nur einem der berühmtesten Zitate des Namensgebers der Schule, sondern auch dem Motto der Einrichtung. „Uns ist es wichtig, nicht nur personenbezogen an Kurt Huber zu errinnern, sondern uns zu fragen, was wir heute noch von ihm lernen können“, erklärt Stefanie Fehlhammer. Die Deutsch- und Lateinlehrerin koordiniert seit rund drei Jahren die Erinnerungskultur am Gymnasium – und damit zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen.

Jeder neue Fünftklässler wird über Kurt Huber informiert. „Viele Deutschlehrer lassen die Kinder dazu gleich einen Aufsatz schreiben“, so Fehlhammer. Mehrere Arbeitsgemeinschaften widmen sich den Themen Erinnerungskultur, Politik und Zeitgeschichte. Nicht selten stehen Theater- oder Kunstprojekte unter den Schlagworten Mitreden, Respekt vor anderen und Frieden. „Das verknüpfe ich alles sehr eng mit Kurt Huber“, so Fehlhammer.

Nach dem Widerstandskämpfer benannt wurde die Schule 1966 – auf Wunsch der Gemeinde. „Ich bin froh, dass unser Gymnasium nach Professor Kurt Huber benannt wurde, denn so wird man ihn und seine Werte nicht vergessen“, erklärt Bürgermeisterin Uta Wüst. Die Gemeinde selbst erinnert mit der Professor-Kurt-Huber-Straße und einer dortigen Gedenkstelle an den Widerstandskämpfer. Im Gemeindearchiv spielt Huber aber eine untergeordnete Rolle. „Wir haben keine Kiste mit dem Nachlass Kurt Hubers“, erklärt Monika Frank. Der wird stattdessen vom Stadtmuseum München verwaltet.

Eine Gedenkveranstaltung zum 75. Todestag hat in Gräfelfing nur das Gymnasium geplant – dort aber gleich mit einer ganzen Themenwoche. „Es wird ein Buch ausliegen, in dem die Schüler ihre Gedanken zu Kurt Huber festhalten können“, erklärt Fehlhaber. Zudem sind im Kunstunterricht Büsten der Weiße-Rose-Mitglieder aus Ton hergestellt worden, Sophie Scholl soll außerdem als Schwarz-Weiß-Graffiti am Direktorat entstehen. Am Todestag selbst ist im KHG eine ökomenische Andacht mit Theater und Musik geplant. Im Anschluss legen Schüler an Hubers Grab einen Kranz nieder – genauso wie die Gemeinde Gräfelfing.

Romy Ebert-Adeikis

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