Zur Wiesn: Gespräch mit dem Hygiene-Experten Dirk Bockmühl

Ein Prosit, ein Prosit auf die Hygiene

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Ab diesem Wochenende tummeln sich die Besucher auf der Theresienwiese — und mit ihnen viele Viren, Bakterien und Viren. Von einem Wiesn-Besuch rät Dirk Bockmühl, Professor für Hygiene und Mikrobiologie, dennoch nicht ab.

Der Münchner Wiesn-Chef Josef Schmid tut auch heuer wieder einiges, um die Sicherheit der Oktoberfestbesucher zu gewährleisten. Doch weder ein Zaun noch zahlreiche Sicherheitsleute an den Eingängen und den Zelten können verhindern, dass die Wiesn-Besucher in Begleitung von teilweise ungebetenen Gästen kommen: Viren, Bakterien und Keimen. HALLO sprach mit dem Hygiene-Experten und Mikrobiologen Dirk Bockmühl, der als Autor der gerade erschienenen Buches „Keim daheim“ ein paar Hygiene-Tipps für den Wiesn-Besuch hat.

„Ich bin nicht allein.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt der Wiesn- besucher meist bereits auf dem Hinweg zum weltweit größten Volksfest, das ab diesem Wochenende wieder dafür sorgt, dass Millionen von Besucher auf die There- sienwiese strömen. „Wir sind nicht allein“, damit beginnt auch das neue Buch „Keim daheim“ des Mikrobiologen und Hygiene-Experten Dirk Bockmühl. Der Professor an der nordrhein-westfalischen Hochschule Rhein-Waal in Kleve denkt bei dieser Aussage allerdings nicht an die Masse der Tracht tragenden Menschen, sondern an die unsichtbare Welt der Mikro- organismen: Keime, Bakterien, Viren. Keiner von uns sei allein, und zwar nirgendwo und zu keinem Zeitpunkt seines Lebens, so Bockmühl. Da mag man sich also lieber nicht ausrechnen, wie viele unsichtbare Begleiter ein jeder mitbringt bei 6,2 Millionen Gästen, die zum Beispiel vergangenes Jahr nach Schätzung der Oktoberfest-Leitung auf die Theresienwiese kamen. Bockmühl jedoch beruhigt: „Jeder trägt Keime mit sich herum, doch nicht alle sind Krankheitserreger.“ Mikroben nützen und schützen uns auch. Auf der Haut zum Beispiel leben Bakterien, die helfen, den Säureschutzmantel der Haut aufzubauen. „Wir sind besiedelt von hoffentlich überwiegend nützlichen Mikroorganismen und das nicht zu knapp“, betont der Mikrobiologe daher in seinem Buch. Doch eben nicht all diese Begleiter seien unsere „Freunde“ und so lautet Bockmühls wichtigster Tipp für den Besuch des Oktoberfestes: „Auf die Hände-Hygiene achten!“ Nicht ohne Grund: Die nette Verabredung auf der Wiesn wartet am Zelteingang, doch leider niest sie sich kurz vor der Begrüßung in die Hand und schon kommt man beim Handschlag mit möglichen „Feinden“ unter den Mikroben in Kontakt. So rät der Hygiene- Professor vorab am Telefon ganz klar dazu, sich möglichst oft auch auf der Wiesn die Hände zu waschen. „Und zwar mit Seife, erst dann entfernen Sie ausreichend Keime.“

Lieber umarmen als Hände schütteln

Doch man kennt es: Seife gibt es auf öffentlichen Toiletten nicht immer. Man könne also ruhig ein kleines Desinfektionsgel in der Wiesn- Handtasche verstauen, sagt Bockmühl. Oder man beherzigt den folgenden Ratschlag des Experten: „Lieber umarmen Sie Ihre Freunde zur Begrüßung als per Hand Kontakt aufnehmen. Oder Sie machen es wie die Asiaten, die sich voreinander vorbeugen“, sagt Bockmühl und lacht. Doch selbst wenn sich der auf Hygiene bedachte Oktoberfest- Besucher ganz aufs Umarmen konzentriert, Keime lauern und warten leider auf sämtlichen Oberflächen. Und irgendwann ist es dann soweit: Nach der geleerten Wiesn-Mass steht der Toiletten- Besuch an. Und man ahnt, dass man wohl oder übel Toiletten- klinken und Toilettenbrillen berühren könnte. Bockmühl indes beruhigt: „Die Infektionsgefahr auf der Toilette ist gar nicht so groß wie Sie denken! Selbst wenn man Platz nimmt, über die Oberschenkel werden eher wenige Krankheiten übertragen. Die Hände sind‘s eher, die mit allen möglichen Keimen in Berührung kommen können.“ Mit frisch gewaschenen Händen zurück am Tisch ist es nun an der Zeit, etwas zu essen. Ein Hendl soll es sein. Würde der Mikrobiologe auch eines bestellen? „Lebensmittel sind Keimträger“, gibt dieser zu Bedenken. „Das Geflügelfleisch sollte unbedingt gut durch sein und auf keinen Fall innen noch rosa!“ Je mehr Betrieb, desto kürzer seien erfahrungsgemäß die Zubereitungszeiten. Oje! Den Verzehr einer Brezen hingegen sieht er als nicht „ganz so kritisch“ an. „Eine Breze ist ein trockenes Lebensmittel, da gelangen zwar auch Keime drauf, können sich aber dort schlecht halten oder gar nicht vermehren. Handschuhe muss der Brezen-Verkäufer auch nicht unbedingt tragen, es bringt ja eh nichts, wenn er mit dem Handschuh dann aus Versehen auch das Wechselgeld berührt. Die Zange ist da die bessere Variante.“ Zur Beruhigung nimmt man einen ordentlichen Schluck Bier. „Der konservierte Gerstensaft ist unkritisch“, erinnert man sich an Bockmühls Worte, die dann aber auch lauteten: „Der Krug hingegen ist bedenklicher, sollte dieser nicht gut gespült sein. Diesen vor dem Trinken mit einem Tuch abzuwischen, hilft da bei Herpes- Viren auch nicht viel.“ Und was hält er von dem Tipp, exakt an der Stelle über den Henkel zu trinken? „Man kann nie ganz sicher sein. Der Krug-Vorbesitzer könnte diesen Trick ja auch kennen!“ Was nun? Am besten ab nach Hause? „Nein, Sie sollten unbedingt bleiben! Solange Sie nicht allzu viel trinken — aber das ist ein anderes Thema —, geht ein Oktoberfest-Besuch durchaus in Ordnung“, beruhigt der Mikrobiologe lachend. „Sobald Sie aus der Haustür rausgehen, kommen Sie mit allen möglichen Keimen in Kontakt. Mit den meisten allerdings wird Ihr Immun- system gut fertig. Und Grippe-, Magen-Darm- oder Herpes- Viren können Ihnen auch in der U-Bahn auflauern.“ Übrigens: Auch Wiesn- Muffel sind nicht davor gefeit, mit unliebsamen Keimen in Kontakt zu kommen. Ungebetene Gäste gibt es auch im heimischen Bad, im Schlafzimmer, in der Waschmaschine oder in der Küche. Laut Bockmühl sei Letztere sogar der „gefährlichste Ort der Wohnung“. Was hilft da? Putzen, klar, und vor allem Gelassenheit. Ein Prosit auf die Hygiene!

Verena Rudolf

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