Tierschützer fordern ein Ende der Haltung

Gruselige Aussichten für Spinnen-Freunde

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Vogelspinne am Arm: Michael Hölbling besitzt 300 dieser Tiere.

Dieses haarige Exemplar ist nur eins von 300 Vogelspinnen, die Michael Hölbling (Foto) beherbergt. Zusammen mit anderen Spinnenfreunden trifft er sich monatlich im Aubinger Burenwirt zum Fachsimpeln und zum Verkauf – doch sein Hobby gerät jetzt stark in die Kritik von Tierschützern.

Ein leises Zirpen geht durch den Raum, in dem Michael Hölbling etwa 300 Vogelspinnen beherbergt. In kleinen, gläsernen Terrarien mit Erde, Zweigen und Laub gefüllt, hält der 41-jährige Puchheimer seine Lieblinge. In manchen singt noch die Nahrung – ahnungslose Grillen. „Früher hatte ich mal zwischen 800 und 1000 Tiere“, sagt der Mann, der einmal im Monat den größten deutschsprachigen Spinnenstammtisch in Aubing abhält. „Ich habe mich dann auf baumbewohnende Vogelspinnen spezialisiert.“ Hölblings Hobby könnte jetzt allerdings vor dem Aus stehen. Der Deutsche Tierschutzbund fordert ein Ende der Exotenhaltung in Privathaushalten (siehe Interview unten), nachdem jüngst weitere Missstände im Wildtierhandel aufgedeckt worden sind. Hölblings Achtbeiner fallen unter diese Exoten. „Ich kann die Aufregung nicht ganz verstehen“, sagt der Kundenberater bei einem Online-Baby-Zubehör-Shop. „Wir tragen doch zum Artenerhalt von manchen Spinnen bei. Viele von ihnen gibt es nur noch durch Nachzucht im Hobby.“ Täglich würden mehrere Spezies verschwinden. Besonders in Indien haben es Spinnen durch die starke Rodung der Wälder schwer. Dennoch, räumt Hölbling ein, gebe es natürlich auch in seinem Hobby schwarze Schafe. Manche Spinnenbesitzer halten die Tiere in zu engen Gefäßen oder sind schnell überfordert und setzen sie aus. „Dann ruft uns die Reptilienauffangstation in München an und bittet uns um Hilfe“, sagt der Familienvater. „Meine Nachzucht verkaufe ich auch nicht jedem. Man muss bei mir beispielsweise volljährig sein.“ Hölbling selbst war allerdings erst 15, als er seine erste Spinne im Laden kaufte. „Mein Vater hat Schlangen gezüchtet. In der Tierhandlung habe ich dann Uschi, meine erste Vogelspinne, gesehen und gekauft“, erzählt er. Die ist heute 25 und hat im Spinnen-Zimmer das größte Terrarium. Rausnehmen tut er sie mittlerweile nicht mehr: „Sie ist zickig geworden und hat versucht, mich zu beißen.“ Uschi würde er dennoch niemals verkaufen – nicht so wie die anderen Tiere, die ihm bis zu 250 Euro einbringen. „Damit finanziere ich mir mein Hobby“, sagt Hölbling. Er macht eine kleine Dose auf. Mit einer langen Pinzette schnappt er eine Grille, schiebt Uschis Glas­tür auf und setzt das Insekt ins Terrarium. „Uschi kann noch zehn Jahre leben. Bis dahin ist sie meine Nummer eins.“

Marie-Anne Hollenz


Der nächste Spinnen-Stammtisch findet am Samstag, 10. September, ab 16 Uhr im Burenwirt, Altostraße 7 in Aubing, statt. Zu Besuch ist Spinnengiftforscher Dr. Volker Herzig, der ein Tier auch melken wird.

 

Mehr Fotos finden Sie in unserer Fotostrecke.

 

 

Hallo München-Interview:

"Wir sind generell gegen die Privathaltung von Exoten - somit auch von Spinnen"

Deutschland ist europaweit der größte Importeur und Absatzmarkt für Wildtiere: Hunderttausende lebende Reptilien, darunter zahlreiche Wildfänge, landen dort. Laut Deutschem Tierschutzbund sind die Handelswege undurchsichtig. Außerdem sei die Entnahme von Tieren aus der Natur mit zahlreichen Artenschutzproblemen verknüpft. Deshalb fordert der Tierschutzverein jetzt ein Ende der Exotenhaltung in Privathaushalten. Warum auch Spinnen darunter fallen, erklärt Dr. Tanja Straka (Foto unten), Referentin beim Deutschen Tierschutzbund für Artenschutz und Vegetarismus, im Hallo-Interview.

Warum lehnt der Deutsche Tierschutzbund die Haltung mancher Tiere ab?

„Wir sind generell gegen die Privathaltung von Exoten – unter die auch jede Art von Spinnen fallen. Exoten sind für uns Wildtiere und deren Nachzuchten, die in Deutschland weder heimisch noch als domestiziert gelten.“

Warum sind Sie gegen deren Haltung?

„Wir wissen über die Bedürfnisse vieler Exoten, auch Spinnen, meist noch viel zu wenig, um ihnen das geben zu können, was sie brauchen, um sie wirklich artgerecht zu halten.“

Worauf müsste man denn bei Vogelspinnen achten?

„Grundsätzlich möchten wir keine Empfehlung für eine Haltung rausgeben. Natürlich ist eine artgerechte Haltung aus Tierschutzsicht das Wichtigste. Bei Vogelspinnen muss auf die richtige Temperatur und Luftfeuchtigkeit geachtet werden, ebenso ist für sie ein weicher Boden mit Wurzeln, Ästen und Steinhöhlen als Rückzugsmöglichkeiten anzubieten.“

Gibt es Spinnen, die ausgesetzt werden?

„Ja, weil die Besitzer überfordert sind, der Tiere überdrüssig werden oder das Tier mehr Geld kostet als gedacht. Wir verzeichnen immer wieder Fälle von Vogelspinnen, die in kleinen Boxen oder Terrarien gefunden werden. Einige landen letztlich auch in unseren Tierheimen.“

Birgt das auch Risiken?

„Ja, es kann Drittpersonen treffen. Vor einigen Jahren wurde eine Frau von einer ausgesetzten Vogelspinne gebissen. Das ist nicht tödlich, aber unangenehm – vor allem wenn die Betroffenen auf das Gift allergisch reagieren. Dies sind aber eher seltene Fälle. Problematisch ist es vor allem für das ausgesetzte Tier selbst, welches dann elend zugrunde geht.“

Viele Tierhalter sagen, sie tragen zum Artenerhalt bei. Sie züchten Tiere, die in der freien Natur vom Menschen bedroht oder ausgerottet wurden. Wie steht der Tierschutzbund dazu?

„Es ist ein ähnliches Argument, welches wir häufig in Zusammenhang mit Zoos hören. Artenschutz bedeutet für uns aber nicht nur den reinen Erhalt der Art. Das Nachzüchten einer bedrohten Art trägt nur zum Artenschutz bei, wenn zum einen die Möglichkeit besteht, das Tier wieder auszuwildern, und zum anderen der Lebensraum der Tierart geschützt wird. Wir lassen uns hier gerne eines Besseren belehren, falls die Spinnenzüchter zum Beispiel auch in diversen Programmen den natürlichen Lebensraum der bedrohten Spinnenarten vor Ort schützen. Das wäre sehr lobenswert. Aber eine einzige Nachzucht seltener Spinnenarten ist aus unserer Sicht kein großer Beitrag zum Arten­­­­schutz.“

Interview: Marie-Anne Hollenz

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