Münchens außergewöhnlichste WG

„Wohnen für Hilfe“ sucht dringend Senioren für Wohnpartnerschaften

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Lu Miao (31) lebt seit vier Jahren bei Helga Poschenrieder (82)und unterstützt sie dafür im Alltag.

Neuhausen–Das Wohnprojekt "Wohnen für Hilfe" schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe und ist trotzdem so viel mehr

Die Not ist groß: Viele Studenten suchen händeringend eine bezahlbare Bleibe in München. Bis zu 20 fragen derzeit jede Woche bei Ursula Schneider-Savage (kl. Foto) und ihren Kollegen im Seniorentreff Neuhausen nach. Sie alle bewerben sich um einen Platz im generationenübergreifenden Projekt „Wohnen für Hilfe“. Das Problem: „Wir können die Nachfrage kaum decken. Es bewerben sich wesentlich mehr Studenten als Senioren“, klagt Schneider-Savage.

Das Konzept hinter dieser alternativen Wohnform ist eigentlich ganz einfach: Jung und Alt leben unter einem Dach. Senioren mit Unterstützungsbedarf und freiem Wohnraum überlassen den Wohnraum einem Studenten oder Auszubildenden. Statt Miete zu bezahlen, unterstützt der Jüngere den Älteren im Alltag. Ein Quadratmeter Wohnfläche entspricht dabei einer Stunde Hilfe im Monat.

Zusammengeführt werden die Wohnpaare nach einem sorgfältigen Auswahlverfahren. Beim ersten Vorstellungsgespräch werden die Zimmersuchenden genau unter die Lupe genommen. Interessierte Senioren werden von einem Mitarbeiter zuhause besucht: „Egal ob Stadt oder Landkreis München, wir kommen zu den Senioren. Es muss sich niemand auf den Weg zu uns machen.“ Wurden beide Seiten mit den Regeln vertraut gemacht, erhalten die Senioren drei Partnervorschläge. Bei einem ersten Gespräch lernt sich die potentielle WG dann kennen.

Helga Poschenrieder, 82 Jahre alt, aus Garching erinnert sich noch genau an das erste Treffen mit Lu Miao vor vier Jahren: „Ich hatte zwei Hunde und sie sind gleich zu Lu hingegangen. Da wusste ich sofort, dass es passt.“ Angst hatte sie vor der Wohnpartnerschaft keine: „Es kann ja nichts schief gehen. Wenn es nicht funktioniert, löst man es eben wieder auf. Das ist ja nicht wie bei einem normalen Mietvertrag“, sagt sie und ergänzt: „Nachdem mein Mann gestorben ist, wollte ich nicht alleine im großen Haus sein. Mit Lu ist wieder Leben eingekehrt.“

Lu stammt aus Shanghai und kam für sein Maschinenbau­studium nach München. Über die Hälfte der Bewerber sind aus dem Ausland. „Sie können die hohen Mietpreise meist erst recht nicht zahlen“, erklärt Schneider-Savage. Das birgt viele Chancen auf kulturelle Verständigung: „Ich schaue immer, was Lu abends so Chinesisches kocht. Und mein Rezept für eine Malakoff-Torte hat er schon für seine Freunde in China gebacken“, erzählt Poschenrieder.

Sie braucht vor allem Hilfe in ihrem großen Garten. Aber das ist eigentlich nur ein Nebeneffekt. Lu feiert mit den Poschenrieders sogar Weihnachten. „Er ist wie Familie.“                                                     soph

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