Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember: Ein Münchner erzählt von seinem Leben mit dem HI-Virus

„Ärzte verweigern die Behandlung“

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Erst hat er seine Krankheit lange verheimlicht, inzwischen hält er sein Gesicht dafür in die Kamera: Maik Schoen­eich aus Nymphenburg ist 43, Diplom-Ingenieur – und HIV-positiv. Im Hallo­-Interview erzählt er von u.a. Diskriminierungen und seinem Umgang mit der Krankheit.

Herr Schoen­eich, wie haben Sie sich angesteckt?
Dadurch, dass ich mit jemandem ungeschützten Sex hatte. Aber wann, wo und mit wem, das weiß ich nicht. Denn dass ich HIV-positiv bin, habe ich 2008 erfahren, und davor hatte ich 2003 den letzten HIV-Test gemacht. Die Ansteckung ist also in diesem langen Zeitraum von fünf Jahren passiert. Dass ich mich angesteckt haben könnte, ahnte ich, als ich immer kränklicher wurde.
Wie haben Sie die Diagnose aufgenommen?
Sie war trotz der Ahnung wie ein Schlag in die Magengrube. Ich habe gedacht, bald sterben zu müssen. Von diesem Schock habe ich mich nur langsam erholt und deshalb auch die ersten zwei, drei Jahre bis auf meinem damaligen Partner niemandem von meiner Infektion erzählt.
Als Sie es doch getan haben: Wie waren die Reaktionen?
Gemischt. Meine Familie und Freunde hielten zu mir. Manche Bekannte meinten aber, so was solle man für sich behalten. Was ich im Alltag auch gemacht habe. Auf der Arbeit weiß niemand, dass ich HIV-positiv bin

.

Was sich durch dieses Interview wohl ändern wird.
Dann ist das so. Schließlich gehe ich heute ganz anders mit meiner Krankheit um als früher. Denn inzwischen weiß ich, dass es wichtig ist, dass HIV-positive Menschen sich zeigen. Damit jeder sieht: Die sehen ja aus wie der Taxifahrer, der Bäcker oder die Nachbarin von nebenan. Damit also jeder sieht: Auch mit dem Virus ist ein ganz normales Leben möglich

.

Aber Sie müssen doch Medikamente nehmen?
Ja, aber bloß eine Tablette am Tag, das war’s. Ansonsten lebe ich wie vor acht Jahren und hoffentlich noch viele Jahrzehnte lang.
Und in der Beziehung mit Ihrem Mann müssen Sie auch nichts beachten? Der ist ja HIV-negativ.
Nein, denn dank der einen täglichen Tablette kann ich niemanden infizieren. Doch auch, wenn die Medizin mittlerweile also schon sehr weit ist – die Gesellschaft ist es leider noch nicht.
Inwiefern?
Von anderen HIV-Positiven höre ich bis heute immer wieder von Diskriminierungen. Davon etwa, dass Bekannte sich abwenden oder dass Zahnärzte sie aus Angst vor Ansteckung nicht behandeln wollen – und das hier in einer weltoffenen Metropole wie München! An solchen Sachen liegt es vermutlich, dass viele HIV-Positive nach wie vor ein Geheimnis aus ihrer Krankheit machen. Dass das so ist, das sieht man zum Beispiel auch am „Buddy“-Programm der Deutschen Aids-Hilfe.
Was hat es damit auf sich?
Ein Buddy ist einer, der mit HIV ein gefestigtes Leben führt und Menschen, die die HIV-Diagnose frisch bekommen haben, mit seiner eigenen Erfahrung unterstützt. In ganz Bayern gibt’s aber nur drei solcher Buddys, einer bin ich. Denn dafür muss man sich öffentlich zu seiner Krankheit bekennen – was vielen schwerfällt, eben wegen der erwähnten Diskriminierungen.
Haben Sie selbst auch solche stigmatisierenden Erfahrungen gemacht?
Nur ein einziges Mal. Ich musste damals ein Projekt in China absagen, an dem ich hätte mitarbeiten können. Das ging dann nicht, weil ich dafür mehr als ein halbes Jahr in Fernost hätte bleiben müssen. Das erlaubt China HIV-Positiven aber nicht, dafür muss man HIV-negativ sein.
Glauben Sie, dass Sie das je wieder sein könnten?
Bis eine Heilung möglich ist, dauert es sicher noch. Aber das ist schon mein Traum. Denn jetzt geht’s mir zwar super – aber die möglichen Langzeit­-Nebenwirkungen der Medikamente, die ich einnehme, kennt niemand.

Christopher Beschnitt

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