Mit Bildern aus der Vergangenheit

50 Jahre später: Münchner 68er erinnern sich

Mitten in der 68er Bewegung.
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Mitten in der 68er Bewegung.
Zu fünft tourten die Beatstones durch die Städte.
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Zu fünft tourten die Beatstones durch die Städte.
Ein Originalausschnitt für die Ankündigung der Beatstones.
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Ein Originalausschnitt für die Ankündigung der Beatstones.
Lange Haare und Errol Flynn-Bart: Das war die Mode zu Zeiten der 68er.
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Lange Haare und Errol Flynn-Bart: Das war die Mode zu Zeiten der 68er.
Lange Haare und Errol Flynn-Bart: Das war die Mode zu Zeiten der 68er.
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Lange Haare und Errol Flynn-Bart: Das war die Mode zu Zeiten der 68er.
Album-Shooting
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Album-Shooting
Eines der Cover von Sams Band, den Beatstones.
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Eines der Cover von Sams Band, den Beatstones.
Simone und Sam Schwab zu Zeiten ihres Kennenlernens.
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Simone und Sam Schwab zu Zeiten ihres Kennenlernens.

München - Bruch mit den Eltern und auf dem Kopf lange Haare: Die Bürgerrechtsbewegung der 68er hat mit diesem Jahr ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel. Münchner erzählen

Bruch mit den Eltern

Blättern für Hallo in ihrem Fotoalbum: Simone und Sam Schwab. 

Im Kopf nur Rockmusik und auf dem Kopf lange Haare – was in den 68ern für viele junge Männer galt, galt erst recht für den damals 18-jährigen Sam Schwab. Deshalb ließ sich der Gitarrist der Beatstones aus der Pasinger Gräfstraße auch nicht beeindrucken, als sein Vater ihm drohte: „Ich nehm’ dich nur noch zu den Kunden mit, wenn du dir die Haare abschneidest.“ Sam weigerte sich – der Papa schmiss ihn aus dem Familienunternehmen raus. Die Haare wurden länger, geschlafen wurde im lilafarbenen Ford Transit der Band oder reihum im Freundeskreis. „Das sah man alles nicht so eng, damals“, erinnert sich der heute 70-Jährige.

Die Beatstones wurden als Coverband immer beliebter und Sam war in der Münchner Musikszene bekannt wie ein bunter Hund als er seine Simone 1967 kennenlernte. Auch für Simones Eltern war die Frisur des jungen Mannes, der Kleidungsstil und der Beruf – Musiker! – ein Graus: „Die Nachbarn haben getuschelt, wer die langhaarigen Typen sind, zu denen ich in den Bus steige. Mein Vater fragte: Wirst Du jetzt so eine Beatles-Schicksn?“ Seine Strafe folgte prompt: Als Simone eines Tages nach Hause in die Sedanstraße kam, hatte der Papa ihre geheiligten Beatles-Poster aus der Bravo mit weißer Farbe übertüncht, die Beatles-Schallplatte zerbrochen. Simone erinnert sich heute noch gut: „Ich habe acht Tage nicht mit ihm gesprochen.“ Damals waren zwei Live-Clubs in München extrem angesagt, erzählt Sam: „Das PN in Schwabing und die Gasteig-Alm in Haidhausen. Dort hatten wir unsere Auftritte.“ Auch die Stones, Kinks und die Troggs spielten dort. Und da haben sich auch die junge Sprechstundengehilfin und der Fernsehmechaniker kennengelernt. Er war der Schwarm der Mädchen, doch die Wahl fiel auf die auffällige Haidhauserin. „Ich durfte mich eigentlich nicht schminken, deshalb habe ich alles im Keller versteckt. Den Rock habe ich heimlich abgeschnitten, die Augen im Licht der Taschenlampe im Keller schwarz umrandet.“

Sams Vater reagiert noch extremer: „Als ich zwei Tage mit der Band unterwegs war, kam ich eines Tages in eine leere Wohnung zurück. Meine Eltern waren ohne mich ausgezogen, selbst die Nachbarn wussten nicht, wohin.“ Die Lösung kam mit Sams Einzugsbefehl: die Hochzeit. Simone setzte ihren Eltern das Messer auf die Brust: „Ich wollte mit ihm leben. Wenn ihr mich nicht lasst, geb ich euch einen Grund“, sagte sie ihren Eltern. Am 6. Dezember 1968 wurden die beiden getraut, 1972 der erste Sohn Christian geboren. „Er trägt bis heute langen Haare“, sagt Sam. M.J.Hlawica


„Diese Bewegung ist für mich wie ein Zaubertrank“

Herbert Hauke vor vielen Erinnerungen im Rockmuseum.

Die 68er-Bewegung – für Herbert Hauke rockt sie noch immer: „Ich habe es mir wie einen kleinen Zaubertrank in mir bewahrt.“ Damals war er ein Teenager, rebellierte gegen die Eltern, sehnte sich nach Freiheit, hatte große Träume: „Wir waren Romantiker“, erinnert er sich, „und haben uns eine schönere Welt gewünscht.“ Jeden Tag hing er mit seiner Clique herum: Mädels, Flaschendrehen, Schieber-Tanzen und ganz besonders die Musik bestimmten sein Leben. Heute ist Hauke 62, verheiratet, die Clique hat sich in der Welt zerstreut. Die Musik ist geblieben. Über seinen inzwischen kurzen Haaren trägt er eine schwarze Kappe, „Rockmuseum Munich“ ist darauf zu lesen. Im Jahr 2004 hat er das Rockmuseum auf dem Olympiaturm gemeinsam mit Arno Frank Eser gegründet. Das Spiegelpiano von Elton John, die verschwitzte Hose von Freddie Mercury, alte Juke-Boxen, Schallplatten, signierte Gitarren von Bands wie den Rolling Stones oder Kiss und vieles mehr: All das können die Turmbesucher bewundern.

Und all das hatte in den 68ern seinen Anfang: Egal ob Tina Turner, die Beatles oder Deep Purple: Musik lief damals in Dauerschleife bei Hauke und seinen Freunden. „Jede Platte war eine neue Welt“, erinnert er sich. „Manche haben wir 40 Mal hintereinander abgespielt.“ Auch die besondere Stimmung bei den Konzerten von großen internationalen Bands liebte er: „Man spürte den Hauch der großen Welt in München.“ Alles, was mit Musik zu tun hatte, sammelte Hauke – manches davon ist jetzt im Rockmuseum zu sehen. „Diese Zeiten waren die unbeschwertesten Jahre in meinem Leben“, sagt er heute. C. Schuri


Streng katholisch – aber Anarchist

Lange Mähne, John-Lennon-Brille: So sah Gerd Holzheimer Ende der 60er-Jahre als „Linker“ aus.

Stundenlang hatte Gerd Holzheimer bereits in der Schlange gestanden, da wurde verkündet, dass keine weiteren Studenten für Germanistik an der LMU aufgenommen würden. Das ist nun fast 50 Jahre her. „Da denkt man, jetzt kommt man an die Stätten der Freiheit des Geistes und dann scheitert man an der Bürokratie“, erinnert sich der Autor. Noch heute – mit 67 Jahren – kann er sich maßlos über Regel-Starrsinn aufregen.

Dass er dann doch studieren konnte, verdankt Holzheimer den „Rotzeg“ – den Roten Zellen Germanistik. Die tauchten als „Köpfe mit wilden Haaren“ am Unifenster auf, ließen einen Kasten mit den Karteikarten aller neuen Studenten auf dem Fenstersims balancieren, bis er schließlich fiel. „Genossinnen und Genossen“, riefen sie hinaus. „Ihr seid alle aufgenommen!“, erinnert sich Holzheimer. Mit den „Rotzeg“ hat Holzheimer noch so manche Aktion in den späten 60er-Jahren erlebt. Er war auf zahlreichen Demonstrationen und bei Happenings in der Kunstakademie. Und er warf Farbbeutel auf das Amerikanische Haus – aus Frust über den Vietnamkrieg. Einer politischen Gruppe gehörte der langhaarige Germanistik- und Geschichtsstudent aber nie fest an. Ein Grund: „Meine roten Gesinnungsfreunde haben nie verstanden, warum ich links war und trotzdem katholisch.“ Dabei hatte Holzheimer von seiner Großmutter – „sehr gläubig, aber auch unglaublich anarchistisch“ – gelernt, dass das kein Widerspruch sein muss. Zudem schreckte ihn ab, wie die Empörung der Jugend immer wieder in Gewalt umschlug.

Etwa nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am Gründonnerstag 1968, ein Ereignis, das der Gautinger Schriftsteller noch heute als seine „persönliche Auferstehung“ ansieht. Eine „ohnmächtige Wut“ sei in ihm aufgestiegen, er flüchtete vom Skiurlaub mit den Eltern in der Schweiz. Es war sein letztes gemeinsames Abendmahl mit ihnen. „Den nächsten Tag stand ich auf der Straße“, erzählt Holzheimer und meint damit die Proteste an der Barer und Schelling Straße. Dort erlebte er „das befreiende Gefühl, dass man tatsächlich etwas verändern könnte“. Als die ersten Steine flogen, die Proteste in Straßenschlachten mündeten, „da war ich meines Glückes aber wieder etwas beraubt“. Er wollte keinen Kampf gegen die Gesellschaft führen – sondern für die Freiheit, sagt Holzheimer. „Die 68er“ habe es nie gegeben, nur unzufriedene Individuen. „Aber links war man in der Zeit schon dann, wenn man sich nicht alles von den Autoritäten gefallen lassen hat.“ Dass jeder sich auf Augenhöhe begegnen konnte, sei das eigentlich Revolutionäre gewesen – und das, was bis heute Bestand hat.

Romy Ebert-Adeikis

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