Tamtam ums Türmchen

Wahrzeichen der Glockengießerei trotz Denkmalschutz abgerissen – kommt es jetzt zum Rechtsstreit?

Vor einer Weile hatte die historische Glockengießerei noch einen Glockenturm
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Vor einer Weile hatte die historische Glockengießerei noch einen Glockenturm (links im Bild).
Inzwischen ziert sie kein Türmchen mehr, denn die Bagger hatten schon begonnen, das Gebäude trotz Denkmalschutz abzureißen.
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Inzwischen ziert sie kein Türmchen mehr, denn die Bagger hatten schon begonnen, das Gebäude trotz Denkmalschutz abzureißen.
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Generalkonservator Mathias Pfeil
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Generalkonservator Mathias Pfeil

Wo bis vor Kurzem noch ein schmuckes Türmchen thronte, klafft jetzt eine Lücke: Der Glockenturm der historischen Gießerei an der Mitterhoferstraße ist abgerissen worden – trotz Baustopp.

Eigentlich waren die Bagger schon angerollt, um die historische Glockengießerei an der Mitterhoferstraße in Laim abzureißen. Der charakteristische Glockenturm war den Abbrucharbeiten bereits zum Opfer gefallen – da verkündete die Stadt: Bau­stopp! Grund: Die Gießerei war ein paar Tage zuvor zum Baudenkmal erklärt worden, außerdem lag dem Referat für Stadtplanung und Bauordnung keine Abbruchanzeige vor. Jetzt will die Untere Denkmalschutzbehörde das Türmchen wieder rekonstruieren lassen. Dem Eigentümer gefällt das gar nicht. Er hat Klage gegen den Baustopp eingereicht, will die Glockengießerei trotz jüngst bescheinigtem Denkmalschutz komplett abreißen.

Die alte Fabrikantenvilla direkt nebenan, in der früher der Leiter der Glockengießerei lebte, ist indes bereits Geschichte. Auf dem Grundstück zwischen Mitterhoferstraße und Schäufeleinstraße soll ein Wohnheim für 150 junge Flüchtlinge entstehen. Der Protest von Anwohnern und Bezirks­ausschuss gegen den Abriss war zwecklos (Hallo berichtete). Dass das für jede Menge Frust im Viertel gesorgt hat, kann Mathias Pfeil vom Landesamt für Denkmalpflege nachvollziehen. „Wir müssen versuchen, viel mehr auf bürgerschaftliche Bewegungen einzugehen. Wenn wir nichts erklären, schaffen wir Konfliktpotenzial“, sagt er (siehe Interview).

Wie es mit der Glockengießerei weitergeht, ob das Türmchen wiederhergestellt wird und wer letztlich die Kosten dafür trägt – das hängt nun davon ab, ob der Klage des Eigentümers stattgegeben wird. Erhaltungswürdig ist der Bau aus Sicht der Denkmalschützer unbedingt – wurde dort doch vor 110 Jahren das Glockenspiel am Münchner Rathaus geschaffen. laf

Hallo München-Interview

„Architektur kann ein Stadtbild versauen“

Generalkonservator Mathias Pfeil (Foto) steht an der Spitze des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Die Behörde musste in den vergangenen Monaten viel Kritik einstecken – weil sie historische Gebäude wie Wohnhäuser an der Sailerstraße, die tierärztliche Fakultät an der Veterinärstraße oder die Laimer Glockengießerei (s. oben) nicht als denkmalwürdig einstufte. Wie Pfeil das einschätzt, erklärt er im Hallo-Interview.

Herr Professor Pfeil, haben Sie Verständnis für die hitzigen Diskussionen über Ihre Entscheidungen?

Denkmalpflege ist eine Wissenschaft, unsere Empfehlungen beruhen auf nachvollziehbaren Grundlagen. Aber natürlich sind auch Fachmänner Menschen, die sich vor Ort und am Schreibtisch informieren. Das ist viel Arbeit. Denkmalschutz ist nicht Emotion – aber ein benachbarter Bereich.

Stört es Sie, wenn die Bürger Ihre Arbeit in Frage stellen?

Das Bürgerinteresse ist doch gut! Das Thema beschäftigt immer mehr Menschen. Und Denkmalschutz ohne Emotionalität wird es nicht geben. Oft ist es doch so: Eine kleine Elite entscheidet über große Vorhaben, die das Leben von vielen beeinflussen. Es ist sinnvoll, vor der Umsetzung gemeinsam zu diskutieren. Dann findet man Lösungen – und manchmal eben auch nicht.

Welche Umfänge hat Ihr Amt zu leisten?

Etwa 2,5 Prozent aller Gebäude in München sind denkmalgeschützt. Das ist rund doppelt so viel wie sonst in Bayern. Wir haben rund 350 Mitarbeiter im Landesamt, darunter rund 30 Referenten für Bodendenkmalpflege und 20 für die Baudenkmäler. Für die Inventarisierung ist aber in diesen Bereichen nur jeweils eine Person zuständig. Ein Mensch muss die ganze Stadt betreuen. Das ist sehr wenig. Natürlich kann die Arbeit dann niemals lückenlos sein. Für die Personalsituation, die wir haben, funktioniert das gut.

Wie ist die Situation in München im Verhältnis zu anderen Großstädten?

Bei uns sind die Grundstückspreise unglaublich teuer, deswegen hat alles immer mit viel Geld zu tun. Gleichzeitig gibt es einen großen Veränderungsdruck und eine hohe Sensibilität bei der Bevölkerung. Alles ist hektischer geworden. Auch weil durch die moderne, oft lieblose Architektur viele Stadtviertel ein Stück Identität verlieren. München ist da extrem. Architektur kann ein Stadtbild versauen. Wenn der Regionalbezug fehlt, dann zerstört das Heimat.

mh

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