Handwerk-Spezial

Textiler Schmuck nach Maß: Tradition in Gefahr

Simone Howe fertigt am Webstuhl eine sogenannte Stengelfranse. Diese wird ein Sofa zieren.
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Simone Howe fertigt am Webstuhl eine sogenannte Stengelfranse. Diese wird ein Sofa zieren.
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Schwanthalerhöhe: Wie das Handwerk die Veränderungen der Zeit meistert.

Quasten, Kordeln und Borten in allen erdenklichen Variationen ziehen den Betrachter in ihren Bann, sobald er die Werkstatt von Posamenten-Müller im Rückgebäude an der St.-Paul-Straße 10 betritt. Inmitten des Farb-Feuerwerks sitzt Simone Howe (42) an einem Webstuhl und fertigt eine Stengelfranse. Die gelernte Weberin arbeitet seit 1996 in dem Münchner Traditionsbetrieb und liebt es, aus unterschiedlichsten Garnen textilen Schmuck für Räume, Bekleidung oder alte Fahrzeuge zu schaffen. „Es ist die Vielfalt, die mich begeistert.“ Doch die Kunst ist in Gefahr.

Computerprogramme und Maschinen verdrängen die Handarbeit, immer mehr kleine Betriebe schließen. Um weiterhin qualifiziert ausbilden zu können, wurden 2011 mehrere verwandte zu einem neuen Beruf zusammengefasst: „Textilgestalter im Handwerk“. Dieser ersetzt bislang eigenständige Berufe aus den Fachrichtungen Filzen, Klöppeln, Posamentieren, Sticken, Stricken und Weben.

Simone Howe hält das für sinnvoll: „Bevor alle nicht mehr existieren können. Das eigentliche Wissen bekommt man sowieso erst, wenn man einige Jahre in seinem Beruf arbeitet.“ Das erlebt sie bis heute Tag für Tag: „Ich lerne immer wieder alte Techniken dazu, weil die historischen Vorlagen so vielfältig sind.“ Außerdem kombiniert sie gerne überlieferte Handwerkskunst mit neuen Designs und Materialien. Die Möglichkeiten dazu liefern die eigene Seilerei und Weberei.

Gerne gäbe die Daglfingerin ihr Wissen weiter. Doch geeigneter Nachwuchs ist nicht leicht zu finden. Von 65 Münchner Betrieben, die Textilgestalter im Handwerk beschäftigen, bildet derzeit kein einziger aus. Voraussetzungen für die dreijährige Lehre sind laut Howe Kreativität sowie handwerkliches und technisches Geschick – und nicht zuletzt Liebe zum Handwerk. Das gilt auch für weitere Berufe, die den Wandel meistern (siehe unten).
U. Löschau

Neue Lerninhalte

„Immer wieder werden Berufe anders bezeichnet, um aktuellen Entwicklungen Rechnung zu tragen“, sagt Jens Christopher Ulrich, Sprecher der Handwerkskammer München. Der Beruf Kfz-Mechatroniker (einst Kfz-Mechaniker) wurde 2013 neu geordnet. Es kam ein neuer Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik hinzu, um technologische Entwicklungen im Bereich E-Mobilität zu integrieren. 457 Betriebe in München bilden darin 778 Lehrlinge aus.

Neu vereint

Die Ausbildungsberufe Goldschmied, Silberschmied und Edelsteinfasser werden zu einem neuen Beruf Gold- und Silberschmied zusammengelegt. In München gibt es derzeit 272 Gold- und Silberschmied-Betriebe mit 26 Auszubildenden. Auch die Berufe Edelsteinschleifer, -graveur und Diamantschleifer sollen in einem Beruf vereint werden, dem Edelsteinschleifer. „Das Verfahren dazu läuft derzeit“, berichtet Handwerkskammer-Sprecher Ulrich.

Neue Berufe

Schmied und Schlosser wurden zu dem neu entstandenen Beruf Metallbauer zusammengelegt. In München gibt es in diesem Bereich derzeit 30 Auszubildende in 178 Betrieben. Der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ist 2003 aus den Berufen Gas- und Wasserinstallateur, Anlagenmechaniker sowie Zentralheizungs- und Lüftungsbauer entstanden. 580 Betriebe in der Stadt haben aktuell 343 Lehrlinge in diesem Beruf.

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