Private Investoren sorgen für Angst unter Münchens Gartlern

"Rettet die Kleingärten!"

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Wissen nicht, wie es weitergeht: Die Kleingärtner an der Westendstraße haben Angst um ihre Anlage.

Für die Kleingärtner an der Westendstraße war es ein gutes Jahr. Äpfel, Zwetschgen, Salat, Tomaten und Zucchini – die Ernte kann sich sehen lassen. Eigentlich könnten die 280 Gartler zufrieden sein. Doch in den 127 Parzellen geht die Angst um – die Angst vor der Zukunft, die Angst wie es weitergeht mit der Anlage. Denn seitdem die Bahn im vergangenen Jahr als Eigentümer das 34 000 Quadratmeter große Areal an einen privaten Investor verkauft hat, gibt es immer wieder Versuche, die Gartler aus ihrem grünen Paradies zu vertreiben.

„Dass ein Investor etwas anderes mit dem Gelände im Sinne hat, war uns von Anfang an klar“, sagt Ferdinand Lauseker, Vorsitzender der Kleingartenanlage. Und wirklich: Kurz nach dem Kauf fragt der neue Besitzer, ob nicht ein Drittel der Anlage verkauft werden könne. „Sowas kommt ja gar nicht in Frage“, meint Lauseker. Im Gegenzug bieten die Gartler dem neuen Besitzer an, mehr Pacht zu zahlen. Dafür wollen sie aber eine Garantie, dass sie auch in den nächsten 20 Jahren an der Westendstraße werkeln dürfen. Auf eine Antwort warten sie in der Folge aber vergebens – Funkstille. 

Vor zwei Monaten dann ein Anruf. Der Investor fragt Ferdinand Lauseker, ob er nicht seine Parzelle kaufen wolle. Doch der 59-Jährige lehnt ab – mit gutem Grund. Denn die Anlage ist durch das Bundeskleingartengesetz relativ gut geschützt. Werden die Pächter aber zu Eigentümern, greift das Gesetz nicht mehr. 

Mit solchen Problemen haben nicht nur die Gartler an der Westendstraße zu kämpfen. Insgesamt 32 Anlagen zählt der Verein „Bahn Landwirtschaft“ (siehe unten). Und sie alle befinden sich mittlerweile in privater Hand, erklärt Karl-Heinz Bendner, Geschäftsführer im Bezirk München von „Bahn Landwirtschaft“. 

Wie es mit den Kleingärtnern   an der Westendstraße weitergeht, steht noch in den Sternen. Klar zu seinen Plänen will sich der Eigentümer auf Hallo München-Anfrage zwar nicht äußern. Aber eines steht für ihn fest: „Kleingärten mitten in der Stadt sind nicht mehr zeitgemäß, wenn Wohnungen händeringend gesucht werden.“ 

Tobias Gehre

Aus der Not geboren: "Bahn Landwirtschaft" gestern und heute

Not macht erfinderisch – diese Weisheit liegt auch der Gründung der „Bahn Landwirtschaft“ zugrunde. Als vor rund 150 Jahren die ersten Gleisstränge durchs Land verlegt wurden, blieben viele Areale an den Schienen brach liegen und boten den kärglich entlohnten und nicht selten notleidenden Bahnerfamilien ein kleines Zubrot. Obst, Gemüse, Kartoffeln und Kleinvieh wie Hühner, Kaninchen und Ziegen wuchsen und gediehen hier, so dass die Not etwas gelindert wurde. Die Eisenbahnverwaltungen sahen darin einen eigenen Vorteil und duldeten diesen Zustand. 

Mit der Zeit entwickelte sich aus der Not eine Tugend. Erste  Vereinigungen wie selbstständige Gartenbau- und Kleintierzüchtergruppen entstanden. 

Mit dem Einstieg in die Privatisierung der Bundesbahn entstand eine völlig neue Situation. Weil viele Flächen verkauft wurden, gibt es heute nicht mehr einen, sondern mehrere Grundstückseigentümer. Im Bezirk München sind die insgesamt 32 über die ganze Stadt verteilten Anlagen allesamt in Privatbesitz. Hunderte Kleingärtner werkeln auf knapp 600 Parzellen.

Pasing: Unsichere Zustände seit fünf Jahren

Seit über 60 Jahren wird an der Haberlandstraße in Pasing gegartelt. Doch seit gut fünf Jahren herrscht auch ganz im Münchner Westen Unsicherheit. Schon kurz nach dem Kauf seien die Investoren an die Gartler herangetreten, um die Gärten an die Pächter zu verkaufen, erklärt Alfred Sopp, der viele Jahre Vorstand der Anlage war. Doch darauf hätten sich die rund 300 Mitglieder nicht eingelassen. Trotzdem: „Das Damoklesschwert der unsicheren Zukunft schwebt weiter über uns“, sagt Alfred Sopp. 

"Sich weiter strikt an Regeln halten"

Mit 277 Gärten und rund 450 Mitgliedern ist die Anlage in Freimann eine der größten Münchens. Erstes „Opfer“ der neuen Eigentümer habe der Wirt der Gaststätte auf dem Areal werden sollen, erklärt  der Unterbezirksvorsitzende Freimann, Hans Hehmke. „Die Besitzer wollten die Pacht für die Wirtschaft haben“, sagt Hehmke. Dabei hätten sie ja nur das Gelände gekauft, nicht das Restaurant. Damit die Anlage auch künftig durch das Bundeskleingartengesetz geschützt ist, ruft Hehmke die Gartler dazu auf, sich weiter strikt an die Regeln zu halten. 

"Man weiß nie, wie es weitergeht"

„Zur Zeit hält unser Investor still“, sagt Otto Eibelmeier (Foto re.), Vorsitzender der Bahn Landwirtschaft in Trudering. Vielleicht liege das aber auch daran, dass er einen Prozess abwarte, bei dem es um die Kündigung einer anderen Anlage durch die Eigentümer gehe. Fest steht für den Obergartler der Anlage am Haringerweg: Der Investor will die Bahn Landwirtschaft weghaben und die Pacht direkt von den Kleingärtnern kassieren – so bekommt er mehr Geld: Eibelmeiers Fazit: „Man weiß nie, wie es weitergeht.“ 

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