Mesut Artmeier in Interview

Was eine Namensänderung bewirkt

Mesut Artmeier

Türkei-Festival in Pasing: Künstler Mesut Artmeier erzählt, wieso er heute anders heißt als früher.

Die Diagnose klingt nicht gut: Zerrissen zwischen Moderne und Tradition sei die Türkei aktuell, meinen die Organisatoren des „Türkiye Reloaded“­Festivals. Dieses Kulturprogramm mit Musik und Theater, Film, Tanz und vielem mehr läuft noch bis zum 27. November in Pasing, hauptsächlich im Veranstaltungszentrum Fabrik (August-Exter-Straße 1). Dort sind auch Bilder des Künstlers Mesut Artmeier zu sehen, eines Pasingers mit türkischen Wurzeln. Hallo hat ihn gefragt, ob er sich wegen dieser Herkunft selbst so zerrissen fühlt wie die Heimat seiner Eltern sein soll. Artmeier berichtet von Terror-Vorurteilen und davon, wieso er Künstler wurde.

Herr Artmeier, „Pasinger mit türkischen Wurzeln“, „Pasinger Türke“, „türkischer Pasinger“ – was halten Sie von solchen Bezeichnungen?
Nichts. Ich bin einfach ein Mensch. Ein Münchner Kindl, wie zahlreiche Münchner mit Eltern, die einer anderen Kultur entstammen. Münchner mit türkischen Wurzeln trifft es für mich wohl am besten, meine Frau stammt aus Pasing und ich aus Moosach.
Begegnen Ihnen Vorurteile wegen der Herkunft Ihrer Eltern?
Ich würde nicht von Vorurteilen sprechen. Was früher fremd war, wird mittlerweile von vielen als Bereicherung wahrgenommen.
Hat sich daran – gerade für Türkischstämmige – auch nach der Böhmermann-Affäre und nach dem Putschversuch nichts geändert?
Was ich mitkriege, ist, dass es für Leute mit Nachnamen wie zum Beispiel Öztürk zunehmend schwierig ist, eine Wohnung oder eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle zu finden. Das hat allerdings, denke ich, weniger was mit der Erdo­gan-Thematik zu tun als mit Terror-Vorurteilen, so à la: Was muslimisch klingt, könnte gleich islamistisch sein.
Apropos Nachname: Sie selbst haben bei Ihrer Heirat den Ihrer Frau angenommen – hat sich in Ihrem Alltag seither etwas geändert?
Ja, als Herr Artmeier werde ich nicht mehr so oft in die ,Türkei-Schublade‘ gesteckt wie früher als Herr Selamet. Und darüber bin ich froh – auch, weil ich nun das Glück habe, als Künstler ARTmeier heißen zu dürfen. Tatsächlich habe ich mich mit der Heirat und dem Namenswechsel selbst als Deutschen akzeptiert.
Haben Sie durch das Aufwachsen in mehreren Kulturen auch Chancen erkannt?
Ohne diesen Einfluss wäre ich nie Künstler geworden. Meine Kunst lebt von der Auseinandersetzung und von der Neugier darauf, was alles möglich ist. Außerdem darf ich seit mehr als acht Jahren als Kunsttherapeut in den Übergangsklassen verschiedener Münchner Mittelschulen arbeiten. Durch das Malen gelingt es mir oft, Brücken für die Jugendlichen zwischen der alten und neuen Heimat zu bauen. Es ist eine Freude, den Kindern die Chancen zu zeigen, die sich in Deutschland bieten. Denn viele von ihnen werden hier bleiben. Sie werden Pasing, München, Deutschland noch bunter machen, als es diese Orte schon heute sind.
Was manchen missfällt.
Richtig. Aber ich finde, dass zum Beispiel der AfD zu viel Raum in den Medien gegeben wird. Dadurch wirkt es so, als sei die ganze Willkommenskultur dahin. Das stimmt jedoch nicht – mit meinem therapeutischen Angebot bin ich nur eines von zahlreichen Beispielen für das große Engagement zur Integration von Flüchtlingen, das es in unserer Weltstadt mit Herz bis heute gibt.
Von der Gesamtheit der Metropole noch mal in deren beschaulichen Teil Pasing: Was ist eigentlich „türkisch“ an den Bildern, die Sie dort gerade in der Fabrik zeigen?
Meine Bilder sind unter anderem geprägt vom Einfluss der osmanisch-asiatischen Kultur. Die Themen haben also oft mit der Ferne zu tun, das Malen an sich aber geschieht in Pasing. Und dadurch habe ich meine Heimat in Deutschland gefunden. Dafür bin ich dankbar.

Christopher Beschnitt

Mit Graffiti fing alles an

Mesut Artmeier ist 42 Jahre alt und wurde als Mesut Selamet in Moosach geboren, wo er auch aufwuchs. Nach einer Lehre als Speditionskaufmann widmete er sich voll und ganz der Kunst. In diesen Bereich gelangte er als Jugendlicher zunächst über Graffiti. Später studierte er an der Akademie der Bildenden Künste München. Der Diplom-Medienkünstler arbeitet heute unter anderem als Kunsttherapeut. Weitere Informationen zum Künstler und zum Türkei-Festival in der Pasinger Fabrik stehen im Internet auf www.art-meier.de und www.pasinger-fabrik.com/de/tuerkei-festival

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