Pasinger Bezirksausschuss fordert Info-Stele vor Linde am Rathaus

BA will Baum zum Mahnmal machen

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Über zwei Jahrhunderte hinweg hat die jüdische Familie Regensteiner als Schuh- und Autofabrikant Pasinger Industriegeschichte geschrieben. Was von ihr unter anderem geblieben ist, ist die über 100 Jahre alte Linde vor dem Rathaus. „Dieser Baum hat die Veränderung von ländlichen zum städtischen Pasing überdauert“, sagt Evelyn Lang (großes Foto, SPD). „Er steht für unsere Geschichte.“ Der Bezirksausschuss fordert jetzt eine Info-Stele. Was die Stadt dazu sagt.

Sie sei eine Verbindung der Gegenwart in die Vergangenheit: Die über 100 Jahre alte Linde vor dem Pasinger Rathaus. „Der Baum hat die Veränderungen vom ländlichen zum städtischen Pasing überdauert und Pasing als eigenständige Stadt sowie als Stadtviertel erlebt“, sagt Evelyn Lang (SPD). Aus diesem Grund fordert der Pasinger Bezirksausschuss (BA) nach einem Antrag der SPD die Stadt dazu auf, dort eine Infostele aufzustellen – auch, um an die Familie Regensteiner zu erinnern.

Aufnahme des Regensteiner-Lapp-Hauses von 1934 mit Linde (hinter Haus in der Mitte) im Garten. Helene Regensteiner besitzt den Westteil des Doppelhauses.

Diese gehört zu einer Reihe von Unternehmerfamilien, die sich im 19. Jahrhundert mit ihren Fabriken entlang der Bahntrasse in Pasing niederlassen. Der jüdische Fabrikant Albert Regensteiner erwirbt 1891 ein ein Hektar großes Grundstück zwischen Wensauerplatz und Würmkanal. „Dort errichtet er eine dreistöckige Schuhfabrik mit Dampfkessel und Schornstein“, erzählt Lang. „Sein ältester Sohn Siegfried heiratet 1893 die Jüdin Helene Raff und gründet Anfang des 20. Jahrhunderts die ,Automobilwerke Pasing-München. Im Garten seines Hauses stand die alte Linde.“ 

1935 muss sie ihn an die Stadt Pasing wegen des Rathausneubaus verkaufen. Die Linde (Baum hinten) bleibt erhalten.

Doch wie kommt die Linde vors Rathaus? 1935 muss Helene Regensteiner ihr Haus an die Stadt Pasing verkaufen, damit auf dem Grundstück das neue Rathaus entstehen kann. Es wird abgerissen. 1936 wird der Grundstein für den Neubau gelegt, ein Jahr später erfolgt die Einweihung. „Helene Regensteiner gelingt unterdessen 1940 die Flucht aus Deutschland, nachdem sie 1939 ihre persönlichen Werte ins Pfandhaus bringen musste und wegen der hohen Reichsfluchtsteuer verarmt war“, erzählt Lang. „Ihr auf einem Sperrkonto eingefrorenes Vermögen fällt an das Deutsche Reich. Sie findet Zuflucht bei ihrem in Chicago lebenden Sohn Karl, wo sie 1952 stirbt.“ Angesichts des Schicksals der Regensteiners soll laut SPD-Antrag mit der Beschilderung des Baums auch der verfolgten Fabrikanten-Familie, die Pasinger Industriegeschichte geschrieben hat, gedacht werden. „Wenn die Anfrage eingegangen ist, berät darüber frühestens im Herbst unsere Arbeitsgruppe Gedenktafeln“, sagt Jennifer Becker, Sprecherin des Kulturreferats. „Das ist ein referatsübergreifendes Gremium aus Stadträten, Experten und Historikern. Sie überlegen derzeit auch, welche alternativen und passenden Formen es zu den Stolpersteinen geben könnte.“ Stelen seien dabei auch im Gespräch. „Vielleicht könnte man Pasing in diesen Überlegungen berücksichtigen“, sagt Becker. „Aber das muss natürlich erst die Arbeitsgruppe prüfen.“ Marie-Anne Hollenz

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