„Infofon“ – ein Verein von Jugendlichen für Jugendliche

Hilfe auf Augenhöhe

Nummer gegen Kummer: Seit 20 Jahren haben Jugendliche beim „Infofon“ ein offenes Ohr für Gleichaltrige, die in Not sind – wie sich die Probleme verändert haben, lesen Sie in Hallo.

Mobbing, Liebeskummer, Ärger zu Hause und ganz neu auch Islamisierung und Rechtsextremismus: Die Probleme von Jugendlichen sind breitgefächert. Rat bekommen sie seit 1997 in München bei „Infofon“ – einem Verein von Jugendlichen für Jugendliche. „Das Ziel der Nummer gegen Kummer ist Anstoß zur Selbsthilfe zu geben“, sagt Geschäftsführer Ernest Hodži (kl. Foto). 

Jeden Abend zwischen 18 und 22 Uhr sitzen zwei Teenager am Telefon in den Vereinsräumen in Neuhausen. Dabei sind sie nicht alleine: An ihrer Seite ist immer ein Psychologe oder Sozialpädagoge, der im Notfall beratend tätig wird. Das letzte Mal musste ein Experte aktiv werden, „als ein Jugendlicher sich umbringen wollte“, so Hodži.

Die Probleme der Anrufer – früher waren es etwa 100 im Monat, heute sind es über 250 – haben sich seit 1997 grundlegend geändert: „Zu Beginn wollten sie wissen, welcher Bus da und dahin fährt oder wo sie am besten tanzen gehen können“, sagt Hodži.

Mittlerweile dreht es sich auch um Islamisierung und Rechtsextremisums: „Dabei geht es nicht darum, dass sie radikal werden oder in die rechte Ecke abdriften, sondern wie sie mit rechten Facebook-Einträgen umgehen sollen“, sagt er. Die Thematik ist so präsent, dass es heuer erstmals als Baustein in die Ausbildung der Jugendlichen einfließt. Denn jeder, der am Telefon sitzt, muss eine rund 80-stündige Ausbildung machen, die etwa ein halbes Jahr dauert. Die nächste Einheit startet Anfang März. Mit welchen Problemen die Jugendlichen heute konfrontiert sind, lesen Sie unten. Ines Weinzierl

Weitere Infos über die Beratung sowie die Ausbildung unter www.1215000.de

Schüler Benedikt (19) berät seit zwei Jahren
Benedikt (19) ist einer der 20 Jugendlichen, die am Infofon sitzen und andere Teenager unterstützen. Er ist seit 2015 dabei: „Ich habe damals davon gelesen, fand es total interessant und habe dann die Ausbildung gemacht.“ Seine Motivation? Ganz klar: „Ich möchte Jugendlichen helfen, die Sorgen haben“, sagt er. Die Ausbildung kommt ihm auch innerhalb seines Freundeskreises zugute: „Manchmal haben Freunde Probleme und dank der Ausbildung bin ich vorbereitet.“ Besonders gut gefällt ihm, dass man sich die Telefondienste frei einteilen kann. Benedikt selbst sitzt etwa dreimal im Monat am Infofon, hört zu und hilft.

Sorgen der Jugendlichen

Mobbing
„Mobbing hat unter Jugendlichen extrem zugenommen“, sagt Geschäftsführer Ernest Hodži – ob im Klassenzimmer oder in den sozialen Medien. Ein Beispiel: „Über Facebook wird zu einer Geburtstagsparty eingeladen, darunter steht: Jenny nicht eingeladen.“ ćOder es gibt Whatsapp-Gruppe, die „Wir hassen Jenny“ heißt, darunter werden verschiedene Posts gesetzt. Ruft ein Mobbing-Opfer an, hören die Jugendlichen zu und geben Ratschläge, wie sich eventuell einem Lehrer anzuvertrauen.

Liebeskummer
Wie erobere ich meinen Traummann? Mit diesen Fragen sind die Jugendlichen am Infofon immer wieder konfrontiert. „Oft fragen sie, wie sie es anstellen sollen, wenn sie einen Typen in der Klasse besonders toll finden“, sagt Ernest Hodži. Das Wichtigste für sie ist es, nicht das Gesicht zu verlieren und eventuelle Signale falsch zu deuten, sagt Ernest Hodži.

Abhauen
Es kommt immer wieder vor, dass Jugendliche von zu Hause weglaufen. Erst kürzlich meldete sich eine 20-Jährige vom Stachus aus beim Infofon, weil sie einen Schlafplatz suchte. Zunächst hat sie sich den Frust von der Seele geredet: Streitereien waren zu Hause an der Tagesordnung, sagt Infofon-Geschäftsführer Ernest Hodži. „Wieder nach Hause zu gehen, war keine Option“, sagt er, aber mehr möchte er zu dem Fall nicht sagen. Die Beraterin hat sich alles angehört, gut zugeredet und ihr gesagt, wo sie die Nacht verbringen kann. 

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