CSU-Schatzmeister vermietet Räume an Klinik

Proteste gegen Abtreibungsarzt

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Ärger um Abtreibungsarzt: Friedrich Stapf ist mit seiner Praxis ins Gesundheitszentrum nach Freiham (Foto re.) gezogen. Pikant: Sein Vermieter ist CSU-Schatzmeister Hans Hammer.

Friedrich Stapf zieht mit Praxis ins Gesundheitszentrum von CSU-Schatzmeister Hans Hammer – Mahnwache geplant

Friedrich Stapf

Nein, er möchte keine Auskunft geben, raunt Friedrich Stapf ins Telefon. Deutschlands bekanntester Abtreibungsarzt ist genervt. „Ich kann nur eines sagen: Ich bin bereit zu Einzelgesprächen mit meinen Gegnern, aber die wollen doch eh nur auf den Putz hauen!“ Stapf sorgt derzeit einmal mehr für Aufregung. Mit seiner Praxis ist er nach Freiham gezogen. Pikant: Sein Vermieter ist der Münchner CSU-Schatzmeister und Immobilien-Unternehmer Hans Hammer.

In der Partei sorgt das bei vielen für Entrüstung – zumal die Organisation „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALFA) und die CDU/CSU-nahe Vereinigung „Christdemokraten für das Leben“ jetzt auch noch für den 1. Juli zu einer Mahnwache vor Stapfs neuer Klinik aufgerufen haben.

„Das ist ein unglückliches Geschäftsverhältnis, welches ich bedauere. Wer mit der Not der Frauen lukrative Geschäfte macht, sollte nicht die Unterstützung der CSU erfahren“, sagt Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer. Auch Bundestagsabgeordnete Julia Obermeier, die in Aubing wohnt, ist entrüstet: „Innerhalb der Partei setzen wir uns doch für das Leben ein. Wir müssen darüber sprechen, wie wir mit diesem Mietverhältnis umgehen.“ Hans-Peter Hoh, Vorsitzender des Ortsverbands Aubing-Neuaubing-Westkreuz-Freiham, findet diesbezüglich klare Worte: „Ich würde es begrüßen, wenn er wieder auszieht.“

Hammer selbst lässt über seine Assistentin ausrichten, dass er das Amt des Schatzmeisters ehrenamtlich ausübe und daher kein Zusammenhang zwischen dieser ehrenamtlichen und seiner beruflichen Tätigkeit bestehe. Von einer großen Aufregung innerhalb der Partei um dieses Mietverhältnis sei ihm nichts bekannt.

„Uns stört, dass Stapf ausschließlich Schwangerschaftsabbrüche macht und mit dem Unglück anderer viel Geld verdient“, sagt ALFA-Vositzende Alexandra Linder. Ihre Organisation sei nicht gegen Abtreibung, sondern komplett für das Leben. „Die Frauen werden schlecht über die Auswirkung einer Abtreibung auf Körper und Psyche beraten. Traumata und Depressionen

werden verharmlost.“

Auch deshalb ruft ihre Organisation zur gesellschaftspolitischen Mahnwache vor dem Gesundheitszentrum in Freiham auf und lädt auch die örtliche CSU dazu ein. Die hält sich allerdings bedeckt. „Ich habe an dem Tag Termine“, sagt Julia Obermeier. „Das ändert aber nichts an meiner Einstellung: Es ist wichtig, dass es die Möglichkeit gibt, aber ich gehöre zu denen, die das Leben befürworten.“

Stapf reagiert weiter genervt: „Ich möchte einfach meine Ruhe!“

Marie-Anne Hollenz

"Schwangerschaftsabbrüche unter gewissen Bedingungen straffrei"

Seit fast 26 Jahren praktiziert Dr. Marianne Röbl-Mathieu, Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte im Bezirk München, als Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Im Interview erklärt sie die rechtlichen Rahmenbedingungen für einen Schwangerschaftsabbruch.

Frau Röbl-Mathieu, ab wann spricht man von einem Schwangerschaftsabbruch?

„Unter einem Schwangerschaftsabbruch versteht man eine beabsichtigte Maßnahme, sei es medikamentös oder operativ, um eine Schwangerschaft zu beenden. Ein Schwangerschaftsabbruch kann also schon relativ bald nach der Feststellung einer Schwangerschaft stattfinden.“

Wie sind die rechtlichen Bedingungen?

„Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland für Frauen und für Ärzte, die sie durchführen, straffrei, wenn die Frau eine gesetzlich vorgeschriebene Beratung durchgeführt und die vorgeschriebene Wartezeit eingehalten hat – auch nach einer kriminellen Handlung, etwa einer Vergewaltigung, oder wenn ein medizinischer Grund besteht, dass die Schwangerschaft eine Gefahr für Leib oder Leben der Mutter darstellt, wobei das Einverständnis der Frau vorliegen muss.“

Wird jede Frau vorher über mögliche Folgen beraten?

„Ja. Die Schwangerschaftskonfliktberatung sieht auch eine Beratung über mögliche soziale, psychologische und finanzielle Unterstützungsangebote vor.“

Wie hoch ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland?

„Deutschland hat zusammen mit der Schweiz die weltweit niedrigste Rate an Schwangerschaftsabbrüchen, solange man nur Länder berücksichtigt, in der Schwangerschaftsabbruch legal ist und in denen die Abbrüche systematisch registriert werden. Bei uns kamen im Jahr 2015 auf 714 000 Geburten weniger als 100 000 Abbrüche. Im zweiten bis vierten Quartal 2015 gab es gegenüber 2014 einen leichten Anstieg, den wir auf die Rezeptfreiheit der Pille danach und auf mögliche anfängliche Beratungsfehler in den Apotheken zurückführen. Aber in 2016 hat sich dieser Trend nicht fortgesetzt.“

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