Christine Degenhart (52), Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer, von A bis Z

München braucht mehr Hochhäuser

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Christine Degenhart (52), Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer
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Alte Akademie an der Neuhauser Straße
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Hochhäuser der Bavaria Towers in Bogenhausen
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Wohnungen am Dantebad-Parkplatz
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Neubau des Königshofs am Stachus
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Der Abriss der traditionellen Marktstandl am Wiener Platz wurde durch Bürgerprotest verhindert.

München und seine Hochhäuser – ein schwieriges Thema. Schade, findet Christine Degenhart (Foto). Die 52-Jährige ist neue Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer mit Sitz an der Waisenhausstraße. Hochhäuser findet sie „sehr reizvoll – wenn sie richtig platziert sind“. Mehr über sie und ihr Amt lesen Sie hier.

Sie vertritt 23 500 Architekten in ganz Bayern: Christine Degenhart (Foto). Die 52-Jährige ist neue Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer und die erste Frau im Amt. Von ihrem Büro in der Waisenhausstraße aus hat sie freilich auch München im Blick – und will hoch hinaus: „Ich würde mich freuen, wenn man sich in der Hochhaus-Debatte wieder offener zeigen würde“, sagt sie. Mehr über ihre Ziele lesen Sie hier – von A bis Z. ist
Wer das Haus der Architektur an der Waisenhausstraße 4 kennenlernen möchte: Am Donnerstag, 20. Oktober, startet eine Ausstellung zum „Rosenheimer Holzbaupreis“. Infos gibt’s im Internet unter www.byak.de.

Architektenkammer ist eine berufsständische Selbstverwaltung. Die Kammer hat den gesetzlichen Auftrag, die Interessen aller ihrer Mitglieder zu vertreten, sie führt im Sinne des Verbraucherschutzes die Architektenliste und setzt sich für Baukultur ein.

Bayernweit haben wir 23 500 Mitglieder. Darunter sind nicht nur die Hochbauarchitekten, sondern auch Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner.

Codex: Kollegialität ist ein wichtiger Grundsatz in unserem Beruf. Das heißt: Zusammenarbeit, Unterstützung und Verknüpfung der einzelnen Fachrichtungen.

Domäne: Trotz der Fülle an Themen, die sich der Kammer stellen: Meine Domäne war und ist auch weiterhin die Barrierefreiheit. Dabei geht es nicht nur um das Wohnen, sondern auch um das Bauen im öffentlichen Raum.

Erstmals ist in Bayern eine Frau Präsidentin der Architektenkammer. Wir sind als Frauen aber schon seit Langem stark. Bei den Eintragungen in die Architektenkammer ist der Frauenanteil momentan ausgesprochen hoch.

Frust? Freude und Fantasie sind die Voraussetzungen, um diesen kreativen Beruf auszuüben. Man muss sich mit der Kritik auseinandersetzen, und die Dinge im Vorfeld gut kommunizieren. Der Mensch braucht Zeit, bis er sich an Neues gewöhnt hat. Einen Bau wie den Justizpalast kennt man einfach schon immer, er ist etwas Vertrautes. Mit dem Neuen, wie etwa dem neuen Königshof am Stachus, muss man sich erst anfreunden.

Gebührenordnung: Typische Architektenleistungen, die beispielsweise beim Planen und Bauen für ein Gebäude anfallen, sind nach einer Gebührenordnung zu berechnen. Diese hilft dem Verbraucher, für geistig-schöpferische Leistungen, deren Preise er nicht kennt, vergleichbare Angebote zu bekommen.

Hochhäuser finde ich sehr reizvoll. Sie sind ein Ausdruck von Urbanität. Es kommt aber auf die richtige Platzierung an. Ich würde mich freuen, wenn man sich in dieser Debatte in München wieder ein bisschen offener zeigen würde.

Innenarchitektur: Habe ich selbst studiert. Material, Licht, Farbe, Objekt – wenn man das professionell komponiert, werden Räume zur anregenden Arbeitsstätte, zum angenehmen Wohnraum, zum inklusiven Klassenzimmer, zur stylischen Bar, zum perfekten Konzertsaal.

Jury in einem Wettbewerb ist etwas ganz Wichtiges. Involviert sind die Architekten als Fachleute, aber auch Personen vor Ort, wie Stadträte. Eine wunderbare Grundlage für ein gutes Urteil.

Konservierung: Zum Beispiel Nachkriegsarchitektur, die man mal als „Klotz“ empfunden hat, die aber nun überarbeitet und in die Jetzt-Zeit überführt ist. Beispiel: die Siemens-Wohnanlage an der Boschetsrieder Straße.

Landschaftsarchitekten spielen eine wichtige Rolle im städtischen Umfeld. Sie geben einem Quartier Identität, zum Beispiel im Arnulfpark, wo man neue Lebensqualität geschaffen hat.

München-Mitte: Meine Meinung ist, dass man Mut haben, sich dem Bestand stellen und etwas Neues wagen muss. Bei der Alten Akademie beispielsweise ist ein behutsamer Umgang mit der Substanz wichtig.

Nachwuchs: Das Architekturstudium ist sehr beliebt – dieser Trend ist ungebrochen.

Offen gestanden würde ich aus gestalterischen Gründen gerne auf den Vollwärmeschutz verzichten. Es gibt sehr ansprechende Alternativen bei der energetischen Optimierung von Gebäuden.

Pendeln: Ich lebe in Rosenheim und pendle nach München. Aber das macht mir nichts. Die Architektenkammer ist für ganz Bayern da, da habe ich noch ganz andere Strecken vor mir.

Qualität entsteht, wenn Bauherren und Architekten optimal zusammenarbeiten. Mit guter Kommunikation, Offenheit und Vertrauen.

Rückzugsort: Ich habe mein Zuhause nicht selbst entworfen. Ich lebe in einem Holzhaus, das während meiner Studienzeit entstand. Innen herrscht Klarheit.

Stadtplanung ist das, wo die Musik spielt. Beispiel Freiham: Die Stadtplaner sind dort die Planer der ersten Stunde, da werden Strukturen festgelegt.

Treuhänder: Wir sind die Treuhänder des Bauherrn, der sehr viel Geld investiert. Wir haben ihm gegenüber eine große Verantwortung.

Urban: München – das große Dorf. In Sachen Nachverdichtung ist es wichtig, dass typisch münchnerische Kleinode wie zum Beispiel der Markt am Wiener Platz nicht angegriffen werden.

Vorurteil: Architekten tragen schwarze Rollis. Die Wahrheit ist: Architekten mögen gerne schwarze Klamotten. Das sehen Sie an mir. Manchmal.

Wohnungsnot: Ein Dauerthema. Mit dem Sonderbauprogramm der Stadt „Wohnen für alle“ will man in kurzer Zeit sehr viel Wohnraum schaffen. Zum Beispiel, indem man Parkplatzflächen überbaut.

Xenophobie? Die Münchner waren doch schon immer offen für Zuwanderung! Das wird sich auch beim Wohnungsbauprogramm „Wohnen für alle“ zeigen.

Ytong: Mein Favorit für Skulpturen. Was Baumaterialien für Gebäude angeht, liegt Holz im Trend. Es ist ein nachwachsender Rohstoff und energieeffizient.

Ziel: Mit guter Kommunikation kann eins entstehen: dass alle Lust haben auf Architektur, und zwar auf gute Architektur.

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