Ausstellung in Pasinger Rathaus: Abhängige verarbeiten ihre Krankheit

Mein Leben mit der Sucht

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Neun Jahre lang war Renate Conrad (Foto, 55) trocken. Nach einem Schicksalsschlag wurde Sie wieder alkoholabhängig. Ihr Arbeitgeber kam dahinter und stellte sie vor die Wahl: Entzug oder Kündigung. Conrad entschied sich für ersteres. Ihre Rettung: das Malen. Zusammen mit anderen Suchtkranken stellt sie ihre Werke jetzt in Pasing aus.

Es war der Tod ihres Bruders, der Renate Conrad (55) wieder zur Flasche greifen ließ. Wenn die Haidhauserin heute davon erzählt, kommen ihr immer noch die Tränen. Sie schluckt und sagt mit belegter Stimme: „Er war auch Alkoholiker, allerdings obdachlos. Das wollte ich nie werden. Ich habe eine Tochter. Da brauch ich eine Arbeit und ein Dach über dem Kopf!“

Conrad hat zwölf Wochen Therapie bei der Caritas hinter sich. In einer Ausstellung im Pasinger Rathaus zeigt sie mit anderen Suchtkranken, wie sie sich mit Kunst ihren Dämonen gestellt hat. Geheilt ist Conrad allerdings nicht, auch wenn sie jetzt wieder trocken ist. „Es ist eine Krankheit, die mich den Rest meines Lebens begleiten wird“, sagt die Angestellte eines Supermarkts.

Seitdem die Haidhauserin 16 ist, trinkt sie, um lustig zu sein, besser schlafen zu können oder Trauer und Schmerz zu betäuben. Trocken war sie während ihrer Schwangerschaft und neun Jahre vor ihrem Rückfall Ende 2015. Dann starb ihr großer Bruder. „Zwei Flaschen Wein habe ich dann am Tag in mich reingeschüttet“, sagt sie nüchtern. „Vor meinem ersten Entzug waren es manchmal sogar sechs bis sieben.“ Ihre 16-jährige Tochter merkte es. Das Verhältnis verschlechterte sich. Und auch der Arbeitgeber kam dahinter. Er stellte sie vor die Wahl: Entzug oder Kündigung.

„Im ersten Moment hat’s mich geärgert. Das ist doch mein Leben, hab ich gesagt. Ich trinke, wann ich will“, erzählt Conrad. „Im Nachhinein bin ich natürlich froh, dass es so gekommen ist.“ Nach einer Entgiftung in der Nussbaumklinik machte die 55-Jährige eine Therapie in der Caritas-Tagesklinik für Suchtkranke. Mit Therapeuten hat sie über die Ursachen ihrer Krankheit gesprochen, eigene Strategien entwickelt, um einem Rückfall vorzubeugen und sich über das Malen auf nonverbale Art und Weise ihren Problemen gestellt.

„Die Suchtkranken sollen mit Hilfe von Farben ihre Gefühle ausdrücken“, erklärt Einrichtungsleiterin Sabine Bußello-Spieth. „Man muss nicht gut malen oder zeichnen können. Wichtig sind die Formen und Farben. Rot, Orange und Gelb stehen beispielsweise für Zukunft.“

Conrad waren in ihrem Ausstellungsbild das hier und jetzt und die Zukunft wichtig. „Ich möchte zufrieden trocken bleiben“, sagt sie. „Alleine für meine Tochter und die Enkelkinder, die ich mal erleben möchte.“
Marie-Anne-Hollenz

Die Ausstellung „I’ll do it my way“ ist noch bis 15. September im Pasinger Rathaus zu sehen. Am Mittwoch, 31. August, findet ab 16 Uhr im großen Sitzungssaal des Pasinger Rathauses eine Midissage statt. Die leitende Ärztin der Caritas-Tagesklinik wird erläutern, welche Rolle die Kunsttherapie in der Rehabilitation spielt.

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