Versammlungsreihe „40 Tage für das Leben“

Protest gegen Klinik: Abtreibungsgegner rufen zur bisher größten Kundgebung in Freiham auf

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Die Klinik Stapf liegt im zweiten Stock des Medicare-Ärztehauses.

Freiham: Abtreibungsgegner protestieren zur Zeit massiv gegen die Klinik von Friedrich Stapf an der Hans-Stützle-Straße beim S-Bahnhof Freiham.

Noch bis 5. November findet dort die Versammlungsreihe „40 Tage für das Leben“ des Vereins EuroProLife statt. Angemeldet sind täglich zwei bis 25 Personen. Sogar bis zu 200 Demonstranten werden am Sonntag, 15. Oktober, zu einer Kundgebung von 14.30 bis 16.30 Uhr erwartet.

Dr. Christina Agerer-Kirchhoff

Veranstalter sind mehrere Münchner Gruppen und Vereine sogenannter Lebensschützer: die Christdemokraten für das Leben (CDL), die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) und die Arbeitsgemeinschaft Lebensrecht München (ALM). Sie klagen an, dass „an jedem Werktag in Freiham etwa 20 ungeborene Kinder abgetrieben werden“, wie es in einem Aufruf heißt. 

Diese Protestaktion gegen die im Frühjahr 2016 eröffnete Praxis soll die bisher größte dieses Bündnisses werden. „An unseren vergangenen Kundgebungen unter der Woche haben meist 80 bis 90 Menschen teilgenommen. Jetzt machen wir’s zum ersten Mal sonntags und hoffen auf 200 Teilnehmer oder mehr“, sagt Organisatorin Christina Agerer-Kirchhoff. Die Untermenzingerin ist in allen drei Gruppen, die zu der Demo aufrufen, aktiv. Ihre Überzeugung: „Die Tötung von Menschen sollte nicht zur normalen und immer mehr akzeptierten Lösungsmöglichkeit von Problemen gehören.“ Mit Flyern, Plakaten und Redebeiträgen wollen sie und ihre Mitstreiter daher „aufrütteln“ und „Frauen davor bewahren, einen unüberlegten Schritt zu tun“. 

Mit Babyfotos will der Verein EuroProLife aufrütteln.

Der Klinikinhaber, Friedrich Stapf, wollte sich auf telefonische Anfrage von Hallo München nicht dazu äußern. Fakt ist: Proteste sind für ihn nichts Neues. Seit Jahren wird die Klinik Stapf in München von Abtreibungsgegnern angegangen. Schon in seiner früheren Praxis an der Fäustlestraße im Westend und seit seinem Umzug 2016 in das Ärztehaus nach Freiham fanden dort regelmäßig Mahnwachen und ähnliche Aktionen statt. Nach Informationen des Kreisverwaltungsreferats (KVR) „verliefen die Versammlungen im jüngeren Zeitraum weitgehend störungsfrei“, wie Sprecher Johannes Mayer sagt.

Um „die konkurrierenden Grundrechte der jeweils Betroffenen“ zu wahren, gab es laut Mayer bereits „Runde Tische“ mit Veranstaltern, dem Klinikbetreiber sowie dem Grundstückseigentümer. „Als Ergebnis konnte kooperativ festgehalten werden, dass die Veranstalter auf das offene Zeigen von verstörenden Kundgebungsmitteln wie Bildern von abgetriebenen Embryonen verzichten, ein aggressives und nachhaltiges Ansprechen von Besuchern unterlassen sowie zwischen der Aufstellungsfläche und dem Eingang der Klinik einen gebührenden Abstand einnehmen“, fasst Mayer zusammen.

Münchenweit gab es in diesem Jahr bereits mehr als 50 angemeldete Versammlungen zum Thema Abtreibung. 2016 waren es rund 100.
ul, mjh

Hallo München-Interview: „Niemand macht sich diese Entscheidung leicht“

Eva Zattler von "Pro Familia"

Auch vor den vier Münchner Standorten von „Pro Familia“, einem deutschlandweiten Verbund von Beratungsstellen, wird regelmäßig von Abtreibungsgegnern demonstriert. 

Der Grund: Dort werden sogenannte Konfliktberatungen durchgeführt. Solche Beratungsgespräche sind gesetzlich vor einem Schwangerschaftsabbruch vorgeschrieben. Eva Zattler (62, Foto), Teamleiterin der Beratungsstelle an der Türkenstraße, erklärt, wie ein solches Gespräch abläuft und welche Nöte werdende Mütter plagen.

Frau Zattler, Abtreibungsgegner warnen gerne vor einem „unüberlegten Schritt“.

Leicht macht sich diese Entscheidung niemand – so einen Fall habe ich in 27 Jahren noch nicht erlebt. Meist ist es eine Vielzahl von Gründen, die Frauen über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken lassen.

Wie viele Beratungsgespräche führen Sie?

In unserer Schwabinger Beratungsstelle haben wir 2016 insgesamt 2823 Beratungen aller Art durchgeführt – 1016 davon waren Konfliktberatungen. Auch, wenn wir es im Einzelfall nicht wissen: Man geht davon aus, dass etwa 80 Prozent danach die Schwangerschaft abbrechen, 20 Prozent überlegen es sich doch noch einmal anders.

Geben Sie am Ende des Gesprächs eine Empfehlung ab?

Das dürfen wir gar nicht. Wir bieten unsere Unterstützung während der Schwangerschaft an, versprechen aber auch ein offenes Ohr für den Fall des Schwangerschaftsabbruchs.

Wie genau läuft ein solches Gespräch ab?

Es dauert in der Regel eine Stunde – man darf aber auch öfter kommen. Etwa 25 Prozent bringen ihren Partner mit, doch auch eine Freundin oder ein Verwandter sind erlaubt. Wir erfragen die Beweggründe, erklären die gesetzlichen Regelungen – beispielsweise, dass der Abbruch nicht nach der zwölften Woche und frühestens am vierten Tag nach dem Beratungsgespräch stattfinden darf – und zeigen, welche individuellen Hilfen man sich für die Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt holen kann.

Was sind die größten Sorgen und Nöte der Frauen?

Die wichtigste Frage ist immer: Wie steht der Partner zu mir? Jeder weiß um die erschwerte Lebenssituation von Alleinerziehenden. Aber fast immer ist es das Zusammenspiel von mehreren Faktoren: pflegebedürftige Eltern, kein oder nur ein schlechtbezahlter Job, beengte Wohnungsumstände.

Gerade Letzteres dürfte die Situation in München deutlich verschärfen, oder?

Dieses Problem ist hier in München tatsächlich größer als in anderen Städten und Gemeinden. Gerade als junge Mutter, die erst mal nur Teilzeit oder gar nicht arbeitet, kann man sich eine Zweizimmer-Wohnung oft nicht leisten. Und auch die Mutter-Kind-Häuser sind ja voll.
lit

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