Unbegleitete minderjährige Asylbewerber

Eine Zuflucht suchen – wie Sherwan

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Kam mit 16 Jahren allein nach München: der Iraker Sherwan Fadel Ali.

Ansturm auf München: Über 10 000 unbegleitete minderjährige Asylbewerber erwartet

„München ist jetzt mein Zuhause und ich will nie wieder weg“, sagt Sherwan Fadel Ali mit voller Überzeugung. Der 24-jährige Kurde kam mit 16 Jahren nach monatelanger Flucht aus dem Irak in München an – und durfte bleiben. 2009 zog er in ein Wohnprojekt an der Implerstraße und nutzte seine Chance zur Schulbildung. Mit Erfolg: Sherwan machte seinen Hauptschulabschluss mit einem Durchschnitt von 1,0 und den Quali mit 2,5. Derzeit arbeitet er als Küchenhilfe, um seine Familie im Irak zu unterstützen.

Sherwan hat es geschafft. Doch tausenden jungen Flüchtlingen, die heuer in München ankommen, steht dieser lange Weg erst noch bevor – wenn er überhaupt gelingen sollte. Denn der Ansturm von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen auf die Landeshauptstadt ist riesig – und der Zustrom reißt nicht ab. Das zwingt die Stadt zu Umplanungen bei den Unterkünften (s. Kasten).

Nach den jüngsten Zahlen rechnet das Sozialreferat mittlerweile mit über 10 000 minderjährigen Neuankömmlingen in München. Zum Vergleich: Der aktuelle sechste Standortbeschluss des Referats von Anfang Juli prognostiziert noch 7020. „Längst überholt“, bestätigt Pressesprecher Frank Boos auf Hallo-Anfrage. Allerdings seien von den erwarteten 10 000 Personen nur etwa 60 Prozent auch tatsächlich minderjährig.

Erst wenn die jungen Flüchtlinge nach der Altersfeststellung wirklich als minderjährig identifiziert wurden, fallen sie in die Obhut des Jugendamtes. Dann werden sie nach Jugendschutzrecht im so genannten „Übergangswohnen“ untergebracht. Diese Unterkünfte verfügen über kleinere Kapazitäten als Asylbewerberheime, außerdem betreuen Sozialpädagogen die Jugendlichen dort 24 Stunden am Tag.

Doch wie lange noch? Das beschäftigt Andreas Seefried, Teamleiter des Übergangswohnens an der Meindlstraße der Katholischen Jugendfürsorge: „Derzeit kommt auf fünf Jugendliche ein Sozialpädagoge als Betreuer. Dieser Schlüssel muss dringend gewahrt werden, damit in München eine Willkommenskultur aufrecht erhalten werden kann. Es wäre fatal, wenn wir fachfremde Betreuer für immer mehr Jugendliche einsetzen müssten. Viele haben Grausames erlebt.“

Im Wohnprojekt an der Implerstraße, in dem auch Sherwan lebte, sind die Flüchtlinge schon einen großen Schritt weiter: „Wenn sie zu uns kommen, ist der Asylantrag bereits genehmigt, meist stehen sie auch nicht mehr in Obhut des Jugendamtes“, sagt Einrichtungsleiter Hans-Joachim Klinger (Bild rechts)

. Er lobt die unglaubliche Motivation der jungen Flüchtlinge, sich zu integrieren. Die (Aus-)Bildung der jungen Männer und deren Vorbereitung auf den Beruf stehe nun im Fokus. Für Sherwan Fadel Ali war das Wohnprojekt der Startschuss in ein selbstständiges und sicheres Leben. Seit etwa einem Jahr lebt er in seiner eigenen Wohnung in Laim. „Was ich konnte, können andere auch. Deshalb will ich jetzt helfen“, sagt er. Gerade hatte er ein Vorstellungsgespräch bei einem Flüchtlings-Projekt in München – dort will er zwei Tage die Woche neben seinem Job als Pförtner und Betreuer arbeiten.  S. França Leite

Neue Unterkünfte für Minderjährige

Der Anstieg an minderjährigen Flüchtlingen in München zwingt die Stadt zur Neu- und Umplanung von Gemeinschaftunterkünften. 2015 wurden deshalb bereits neue Kapazitäten in zwei bestehenden Jugendheimen geschaffen – im Nymphenburger Waisenhaus und im Münchner Kindl Heim. Je 80 Plätze stehen dort für die jungen Flüchtlinge zur Verfügung. Mitte bis Ende 2016 eröffnet außerdem in der St.-Martin-Straße im Münchner Osten eine neue Unterkunft mit 200 Plätzen. Die minderjährigen Flüchtlinge sind dort zunächst im Übergangswohnen untergebracht, bis die Altersfeststellung und Weiterverlegung erfolgt.

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