Hauptbahnhof München

Zuflucht am Gleis 11: Bis zu 300 Bedürftige schauen täglich in der Bahnhofsmission vorbei

Ihre Tür ist immer offen: Simone Slezak (l.) und Bettina Spahn leiten die Bahnhofsmission am Münchner Hauptbahnhof.
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Ihre Tür ist immer offen: Simone Slezak (l.) und Bettina Spahn leiten die Bahnhofsmission am Münchner Hauptbahnhof.

Hauptbahnhof: Sie ist die erste und die letzte Anlaufstelle für Menschen in Not, ihre Türen stehen immer offen: In der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof finden täglich bis zu 300 Bedürftige Unterstützung und Schutz.

Die Bank hinter der Tür neben Bahngleis 11 am Münchner Hauptbahnhof ist voll. Acht Männer und Frauen warten, viele haben den Blick gesenkt, wirken traurig, müde, krank – gezeichnet vom Leben. Ein weiterer Mann, mittleres Alter, Fünftagebart, Trolley, kommt herein. „Ich brauche Schuhe“, sagt er. Die Helfer schreiben auch ihn auf die Liste, er setzt sich zu den anderen Wartenden.

Es ist viel los an der Bahnhofsmission am Münchner Hauptbahnhof. Zwischen 200 und 300 Menschen schauen täglich vorbei, 60 Beratungen machen die Helfer im Durchschnitt pro Tag. Und das an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr. „Wir sind die erste und die letzte Anlaufstelle. Unsere Tür ist immer für jeden offen“, sagt Simone Slezak von der evangelischen Bahnhofsmission. Gemeinsam mit ihrer katholischen Kollegin Bettina Spahn leitet sie die Einrichtung, die dieses Jahr 120-jähriges Bestehen feiert.

Damals hat alles mit einem Hilfsangebot für junge Mädchen angefangen. Aufgrund der Industrialisierung kamen immer mehr Frauen in die Stadt. Viele wurden schon am Bahnhof oder in den Zügen angesprochen und erhielten unseriöse Arbeitsangebote in der Gastronomie, in Fabriken oder sogar in der Prostitution. In der Bahnhofsmission fanden sie endlich einen sicheren Ort.

Heute kann sich jeder an die Einrichtung wenden, der Hilfe benötigt: vom Reisenden, dem der Geldbeutel gestohlen wurde bis zum Obdachlosen mit Suchtproblemen und schweren psychischen Erkrankungen. Die Helfer unterstützen außerdem Menschen mit Handicap beim Ein- oder Umsteigen in den Zug und bieten einen Begleitservice für alleinreisende Kinder an. Nach 21.30 Uhr gibt es in der Bahnhofsmission einen Schutzraum für Frauen und Kinder, die auf der Straße gestrandet sind und nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen können.

Untertags wird eine kostenlose Brot- und Teeausgabe angeboten, auch dort ist immer etwas los. Manche der Gäste ratschen, manche lesen, andere dösen vor sich hin, froh darüber, der Straße für einen kurzen Zeitraum entkommen zu sein. „Für viele ist die Brot- und Teeausgabe ein festgelegter Punkt“, sagt Simone Slezak, „weil sie sonst zu wenig zum Essen haben.“

Auch in einer reichen Stadt wie München ist niemand von einem solchen Schicksal gefeilt: „Man braucht nicht viel, um aus dem Leben gerissen zu werden“, so Bettina Spahn. Trennung, Jobverlust, finanzielle Probleme, die Sorgen werden mit Alkohol betäubt – schon fängt die Abwärtsspirale an. „Viele Menschen, die zu uns kommen, haben komplexe Schwierigkeiten“, erklärt Spahn. Ihnen hilft es, dass die Bahnhofsmission so ein niederschwelliges Angebot ist, bei dem sie spontan Hilfe bekommen, ohne Verpflichtungen, ohne Termin. Die Helfer vermitteln an andere Einrichtungen oder Spendenausgaben, erklären, wo es staatliche Unterstützung gibt, organisieren Schlafplätze und packen Essenspakete.

Draußen fahren Züge ein und aus, Reisende hetzen hin und her. Die Menschen auf der Bank hinter Gleis 11 wissen dagegen selbst nicht, wohin die Reise geht. Vielleicht aber finden sie dank des Zwischenstopps in der Bahnhofsmission zumindest ihr nächstes Ziel.
Claudia Schuri

Tag der Bahnhofsmission

Die Bahnhofsmission stellt die Arbeit ihrer 150 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter am Samstag, 22. April, von 10 bis 16 Uhr im Showroom in der Schalterhalle des Hauptbahnhofs vor. Es gibt Live-Musik, eine Tombola, Schmalzbrote und Tee. Für Kinder startet um 11 und um 14 Uhr eine Bahnhofs-Ralley. Stationen sind unter anderem das Münchner Kinder- und Jugendmuseum, die Bahnhofspolizei und eine ICE-Lok. Von 14 bis 17 Uhr gibt es in den Räumen der Bahnhofsmission bei Gleis 11 Möglichkeiten zu Gesprächen mit Helfern.

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