Raus aus der Salafisten-Szene

Violence Prevention Network hilft Jugendlichen beim Ausstieg aus dem radikalen Islamismus

Koranverteilungen auf Straßen sind ein Mittel, mit dem Salafisten versuchen, Unterstützer anzuwerben. Oft reicht bei Jugendlichen ein erster Kontakt, damit sie in die Szene abrutschen.
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Koranverteilungen auf Straßen sind ein Mittel, mit dem Salafisten versuchen, Unterstützer anzuwerben. Oft reicht bei Jugendlichen ein erster Kontakt, damit sie in die Szene abrutschen.

Ludwigsvorstadt: Das „Violence Prevention Network“ ist die richtige Anlaufstelle für besorgte Eltern, Lehrer, Ausbilder oder Freunde. Jetzt hat die Beratungsstelle ein Büro in der Schillerstraße bezogen.

Plötzlich zieht sich der Jugendliche zurück, er verändert sich, vernachlässigt Hobbys, bricht den Kontakt zu Freundschaften ab. Wer so etwas bemerkt, sollte hellhörig werden – denn oft sind solche Verhaltensweisen die ersten Anzeichen für religiösen Fundamentalismus. Das „Violence Prevention Network“ ist die richtige Anlaufstelle für besorgte Eltern, Lehrer, Ausbilder oder Freunde. Jetzt hat die Beratungsstelle ein Büro in der Schillerstraße bezogen.

„Wir kümmern uns um alle Fälle, in denen es um religiös begründeten Extremismus geht“, erklärt Korhan Erdön, der in München gemeinsam mit Verena Raatz und zwei weiteren Kollegen Betroffene und deren Angehörige berät. „Momentan haben wir natürlich vor allem mit Salafisten zu tun.“ In ganz Bayern laufen derzeit knapp 60 Beratungen, darunter sind auch viele Münchner Fälle.

Wenn sich Angehörige an das Netzwerk wenden, versuchen die Berater zunächst einzuschätzen, wie fortgeschritten die Radikalisierung ist. Stimmt der Verdacht? Hat der Betroffene oberflächlichen Kontakt zur Szene? Oder ist er schon so radikal, dass er als IS-Kämpfer nach Syrien ausreisen möchte? In solchen Fällen arbeitet die Einrichtung auch mit dem Landeskriminalamt zusammen.

Bei der Hilfe geht es jedoch nicht um Strafen oder Vorwürfe. Im Gegenteil: „Wir versuchen, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen“, erklärt Verena Raatz. Dazu braucht es viel Verständnis und Geduld, so Erdön: „Wir hören den Jugendlichen zu und helfen ihnen, ihre Probleme zu lösen“, sagt er. „Viele sind froh, wenn sich jemand um sie kümmert.“ Die meisten der Jugendlichen, die in die Salafisten-Szene abrutschen, sind zwischen 14 und 20 Jahre alt. Sie sind oft auf sich alleine gestellt, haben Probleme in der Familie, mit Freunden oder in der Schule. Das nutzen radikale Prediger aus. „Teenager in schweren Situationen, die eigentlich Halt, Orientierung und Geborgenheit suchen, sind besonders gefährdet“, so Raatz. Ansonsten gibt es den typischen Fall nicht. Deutsche sind genauso vom Islamismus betroffen wie junge Menschen mit Migrationshintergrund, Mädchen genauso wie Jungs. „Wir haben hier alle Gesellschaftsschichten“, sagt Korhan Erdön. Oft reicht schon ein erster Kontakt aus, um in den Salafismus abzurutschen. „Die Szene hat viele Attraktivitätsmomente“, erklärt Erdön. „Sie bietet einfache, klare Strukturen und eine Gemeinschaft. Das Wir-Gefühl ist sehr groß.“ Ein Patentrezept, wie die Berater dagegen vorgehen können, gibt es nicht. „Wir schauen genau auf die individuellen Bedürfnisse“, sagt Erdön. „Die Jugendlichen müssen erkennen, dass ihr Weg nicht der richtige ist. Wir helfen ihnen, wieder in der Gesellschaft anzukommen.“

Claudia Schuri

Das Violence Prevention Network ist unter der Hotline 0 89/4 16 11 77 11 zu erreichen.

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