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Neuer Name kostet ihn Geld

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Der Stadtrat will den Leonhard-Moll-Bogen in Sendling-Westpark umbenennen. Die Anlieger sind darüber verärgert.

MÜNCHEN Dino Atai betreibt eine nette kleine Pizzeria am Leonhard-Moll-Bogen in Sendling-Westpark. Noch – bald wird das Restaurant an einer neuen Adresse stehen. An welcher? Das weiß der 46-Jährige selbst noch nicht. Und Atai will das auch gar nicht, obwohl er nicht mal Umzugskisten schleppen muss. Aber der Stadtrat hat es eben so beschlossen.

Verwirrend? Das war es auch für Atai, als er von der Entscheidung des Gremiums erfuhr, den Leonhard-Moll-Bogen umzubenennen. Die Straße verdankt ihren Namen einem Bauunternehmer. Leonhard Moll übermittelte der Stadt nach 1945 unter anderem eine großzügige Spende für Altenheime. Zudem erstellte die Firma zahlreiche Großbauten – unter anderem das Polizeipräsidium, den Kuppelbau des Tierparks Hellabrunn, die Großmarkthalle und die Technische Hochschule.

Wie in einem Gutachten des Stadtrats 2013 ans Tageslicht kam, beschäftigte Leonhard Moll während des Zweiten Weltkriegs aber auch in großem Umfang Zwangsarbeiter. Deshalb soll Moll die Ehre der Namensgebung nicht länger zuteil werden. Die Straße wird einen anderen Namen erhalten.

Eigentlich eine vernünftige Sache. Dem Restaurantbesitzer Atai bringt die Umbenennung des Leonhard-Moll-Bogens jedoch jede Menge Ärger: „Erst vor zwei Wochen haben wir insgesamt 100 000 Flyer für rund 7000 Euro in Autrag gegeben.“ 100 000 Flyer mit der falschen Adresse. Auch in den Speisekarten ist der Bogen als Adresse angegeben.

Aber das ist nicht das einzige Problem, das der 46-Jährige sieht: „Wir haben sehr viele Kunden aus der Nähe, die bei uns die Pizzen abholen. Wenn die im Internet eine neue Adresse lesen, kommen sie nicht mehr“, befürchtet Atai. „Und mit dem Navi finden sie uns auch nicht mehr. Es dauert Jahre, bis wir wieder unseren normalen Umsatz haben werden“ ist sich der 46-Jährige sicher.

Die Stadt könne die Straße schon umbenennen. „Aber dann muss sie uns den Schaden auch ersetzen. München hat die Mittel dafür, wir haben sie nicht“, sagt der Betreiber des kleinen Restaurants. „Und was kann ich für die Taten von Leonhard Moll?“

Allerdings: Atai hofft vergeblich. Das erklärt Bernd Plank, stellvertretender Pressesprecher des Kommunalreferats auf Hallo-Nachfrage. „Es ist gesetzlich geregelt, dass die Bewohner ihre Ansprüche in einem solchen Fall nicht ersetzt bekommen.“ Atai wird also auf den Kosten sitzen bleiben (siehe Interview unten).

Die Stadt wäge in jedem Fall ab, ob eine Umbenennung für zumutbar empfunden wird. Umbenennungen von Straßen würden grundsätzlich nur in ganz besonderen Ausnahmefällen vorgenommen. „Wenn es zwei Namensänderungen im Jahr gibt, ist das viel“, so Plank. In diesem Fall lägen aber gewichtige Gründe vor. Welchen Namen die Straße künftig tragen wird, steht noch nicht fest. Sicher ist nur, dass sie nicht mehr nach einer Person benannt sein wird. Jetzt wird der Bezirksausschuss Sendling-Westpark einen neuen Namen suchen. Robert Feiner

Auch diese Straßen wurden umgetauft

Die Stadt überlegt sich genau, ob die Umbenennung einer Straße auch zumutbar ist, sagt Bernd Plank, Pressesprecher des Kommunalreferats. Dementsprechend wenig Fälle gibt es in München. Hier zwei Beispiele:

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• Vor Kurzem wurde in Trudering eine Straße umbenannt. Im letzten Jahr gab es dort noch die Von-Trotha-Straße. Diese erinnerte an den preußischen General Lothar von Trotha, dessen Vernichtungsbefehl als Grundlage des Völkermords an dem Hirtenvolk Herero galt. Deshalb wurde die Straße umbenannt: in Hererostraße. Zudem wurden andere Straßenschilder in der Nähe um Hinweistafeln ergänzt, die Orte und Personen historisch einordnen.

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© Schlaf

• Die Meiserstraße am Königsplatz wurde im Jahr 2010 in Katharina von-Bora-Straße umbenannt. Ihren ursprünglichen Namen hatte sie vom früheren evangelischen Landesbischof Hans Meiser. Der Stadtrat hatte die Umbenennung beschlossen, weil Meiser wegen antisemitischer Aussagen und seines Verhaltens gegenüber dem NS-Regime in die Kritik geraten war. 

»Kein Anspruch auf eine bestimmte Adresse«

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Hallo-Interview mit Bernd Plank (Kommunalreferat): Häufig werden Straßen nach Bekanntheiten benannt, die sich für die Stadt eingesetzt haben. Wenn später herauskommt, dass es auch schwarze Kapitel in deren Vergangenheit gibt, kann die Stadt reagieren – wie bei Leonhard Moll. Im Hallo-Interview erklärt Bernd Plank (Foto), Pressesprecher des Kommunalreferats, in welchen Fällen die Stadt zur Umbenennung greift.

Herr Plank, wie häufig kommen Namensänderungen wie am Leonhard-Moll-Bogen vor?

„Wir wissen, dass Umbenennungen von Straßen teilweise zu Problemen führen. Die Anwohner sind selten begeistert. Darum nehmen wir Umbenennungen auch nur vor, wenn wirklich gewichtige Gründe vorliegen.“

Bekommen die Anwohner den für sie entstehenden Schaden erstattet? Etwa für Visitenkarten, Flyer oder eigens angebrachte Schilder?

„Bürger haben keinen Anspruch auf eine bestimmte Adresse oder Hausnummer. Deshalb wird der entstehende Schaden durch die Änderung auch nicht ersetzt.“

Wäre nicht auch eine Lösung wie an mehreren Straßen in Trudering möglich gewesen? Dort wurden an Straßenschildern ja erklärende Hinweistafeln angebracht...

„Wie gesagt wägen wir bei jedem Fall genau ab, ob die Änderung zumutbar ist. Im Fall des Leonhard-Moll-Bogens liegen deutlich gewichtige Gründe für eine Umbenennung vor. Die Stadt schätzt die Änderung in diesem Fall auch als zumutbar ein.“

Wer entscheidet,wie die Straße in Zukunft heißen wird?

„Wenn sie nach einer Person benannt wird, entscheidet der Ältestenrat des Stadtrats. Schließlich sind hierfür genaue Nachforschungen nötig. In diesem Fall haben wir uns aber dafür entschieden, dass die Straße nicht mehr nach einer Person benannt werden soll. In einem solchen Fall hat der Bezirksausschuss das letzte Wort.“

Gibt es schon Tendenzen, wie der Leonhard-Moll-Bogen in Zukunft heißen könnte?

„Üblicherweise orientiert sich der Bezirksausschuss an den Namen der umliegenden Straßen. In der Nähe gibt es etwa die Tübinger Straße, die Siegenburger Straße und die Hauzenberger Straße. Es könnte also durchaus sein, dass die Straße in Zukunft den Namen einer Stadt oder Region trägt.“

Wann ist mit einem neuen Namen zu rechnen?


„Das ist noch völlig unklar.“
Interview: rfe

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