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Fluchtpunkt Hauptbahnhof

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Rund 420 000 Besucher tummeln sich täglich am Hauptbahnhof. Der Großteil – nämlich 350 000 – sind laut Deutscher Bahn Ein-, Aus- und Umsteiger. Allerdings wird der wichtigste Verkehrsknotenpunkt Münchens auch immer mehr zum Sammelbecken für Tagelöhner, Bettler und Flüchtlinge aus aller Welt.

Der Deutschen Bahn sind die Probleme bekannt: „Überall, wo viele Menschen zusammenkommen, versuchen auch Kleinkriminelle ihrem Handwerk nachzugehen“, sagt ein Bahnsprecher auf Hallo-Nachfrage. Jetzt reagiert das Kreisverwaltungsreferat: Nächste Woche wird ein Sperrbezirk gegen Bettelbanden eingerichtet. Und auch die Bundespolizei schlägt Alarm: „Der Alkoholkonsum und auch die Gewaltbereitschaft gegenüber Polizisten haben am Hauptbahnhof extrem zugenommen.“ Ein weiteres Problem: Seit Monaten steige die Zahl von unerlaubt Eingereisten stark an. Die Beamten kommen mit der Arbeit kaum hinterher. Über 600 Flüchtlinge wurden zuletzt in nicht einmal zwei Monaten aufgegriffen. Höhepunkt: Mitte Juli entstiegen einem Zug aus Verona 49 Flüchtlinge aus fünf verschiedenen Staaten. Sie alle landen erst einmal am Bahnhof, „auch wenn sie mit Bus oder Lkw über die Grenze kommen“, so ein Polizeisprecher.

Rund 300 Tagelöhner im Hauptbahnhof-Viertel  – Geschäfte schützen sich mit Sicherheitsdienst  

Meist kommen sie aus Bulgarien und Rumänien, um hier Arbeit zu finden – und sei es auch nur für ein paar Stunden am Tag. Petar (30) ist einer von ihnen. Fast jeden Morgen wartet er im Hauptbahnhof-Viertel auf einen Auftraggeber, der ihn als Tagelöhner anheuert. Ob es auch wirklich mit einem Job klappt, das weiß er vorher nie – dabei bräuchte er das Geld so dringend. „Heute um 8 Uhr kam ein Bus, der viele von uns eingeladen hat“, sagt der 30-Jährige. Für ihn war dieses Mal kein Bedarf.

Arbeiterstrich – so nennt man die Straßenecke Goethe- und Landwehrstraße nahe des Hauptbahnhofs. Täglich kommen hunderte Menschen aus Südosteuropa hierher, um als Tagelöhner zu arbeiten – meist für fünf bis zehn Euro pro Stunde. Teilweise aber auch für weniger – und oft werden sie dann noch um ihr Geld betrogen.

Auch Dionysios Konstantinidis kommt täglich zum Hauptbahnhof. Immer mit dabei: die blaue Bewerbungsmappe, in der der Grieche die Stationen seines Lebens aufgelistet hat: Diplom-Ingenieur, Betreiber einer Baufirma, Restaurant-Besitzer. Doch dann der Niedergang: „Ich musste Insolvenz anmelden“, sagt der 39-Jährige. Weil sein Diplom, das er in der Ukraine erworben hat, in der EU nicht anerkannt wird, wird er als Ingenieur nicht eingestellt. Doch Konstantinidis gibt nicht auf: Er knüpft Kontakte, macht einen Sprachkurs und hofft, irgendwann eine Ausbildung machen zu können.

Meryem Altuntas bekommt das Treiben am Hauptbahnhof tagtäglich hautnah mit. Sie leitet eine Apotheke an der Landwehrstraße – nur wenige Meter vom Haupttreffpunkt der Tagelöhner entfernt. „Es sind mindestens 300 Leute, die hier warten und auf Arbeit hoffen. Und es werden immer mehr“, sagt Altuntas. Ursprünglich würden die meisten mit Bussen aus Südosteuropa kommen. „Im Winter übernachten viele in den Bussen, im Sommer suchen sie sich einen Schlafplatz auf einem Spielplatz.“

Altuntas hat Mitleid mit den Tagelöhnern. „Sie können meist nichts für ihre Situation. Und wenn meine Kinder zu Hause hungern würden, würde ich es wohl genauso machen.“

Dennoch sei die aktuelle Situation auch für die Geschäfte und Hotels an der Landwehr- und Goethestraße belastend. „Die Tagelöhner stehen in großen Gruppen vor unseren Eingängen. Sie haben keine Möglichkeit, sich zu pflegen – dementsprechend sehen sie aus. Teilweise meiden Kunden unsere Apotheke, weil sie Angst haben.“

Für einige der Geschäfte war die Situation unerträglich. Hotels, Modegeschäfte, Obststände und weitere haben sich zusammengeschlossen und einen Sicherheitsdienst angeheuert. Dieser patrouilliert täglich in der Region und hält die Eingänge frei. Diese Geschäfte haben dadurch für einige Zeit Ruhe, die Tagelöhner ziehen weiter zur nächsten Straßenecke. Auch dort sind sie nicht gerne gesehen. Aber wo sollen sie auch hin.

rfe/das

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