Auffangbecken im Westend

Allein unter Männern – Seit zehn Jahren ist sie Leiterin in Europas letztem Ledigenheim im Münchner Westend

Das Ledigenheim an der Bergmannstraße 35 wird seit bald zehn Jahren von Objektverwalterin Claudia Bethcke geleitet.
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Das Ledigenheim an der Bergmannstraße 35 wird seit bald zehn Jahren von Objektverwalterin Claudia Bethcke geleitet.

Es ist das letzte seiner Art in Europa und steht im Münchner Westend: das Ledigenheim. Geleitet wird das Haus seit bald zehn Jahren von einer Frau. Welche Damen außer der Objektleiterin die Zimmer betreten dürfen...

  • Seit zehn Jahren ist  Claudia Bethcke nun schon Leiterin desLedigenheims.
  • Es ist ein Auffangbecken für knapp 400 mittellose Männer.
  • Welche Damen außer der Objektleiterin die Zimmer betreten dürfen...

Westend – Wer durch die Drehtür aus Eichenholz an der Bergmannstraße 35 tritt, dem steigt der Zigarettenrauch in die Nase, der hier stetig in der Luft hängt. Nur zwei Männer sitzen an diesem heißen Tag in der Eingangshalle des Ledigenheims, sie qualmen und lesen Zeitung. 

Es ist zehn Uhr morgens, einige Männer aller Altersklassen verlassen mit schnellen Schritten das Gebäude, vermutlich auf dem Weg in die Arbeit. Ihre Schlüssel werden am Holzbrett an der Pforte verwahrt, die rund um die Uhr besetzt ist. 

Knapp 400 alleinstehende Männer mit geringem Einkommen aus derzeit 52 Nationen leben in dem Rohziegelbau. 

Die meisten in einem sieben Quadratmeter kleinen möblierten Zimmer für 195 Euro Miete – Reinigungsservice inklusive. 

Damenbesuch auf den Zimmern ist bis heute verboten

Die insgesamt neun Damen, die die Zimmer Corona-bedingt momentan wöchentlich statt täglich putzen sowie die Objektleiterin sind die einzigen Frauen, die Zutritt zu den Wohnräumen haben. 

„Bei fast 400 Jungs, können Sie sich vorstellen, was sonst auf den Zimmern los wäre“, sagt Claudia Bethcke lachend. Die Juristin ist Objektverwalterin des Ledigenheims, im November werden es zehn Jahre. 

„Ich weiß noch gut, wie ich das erste Mal durch die Drehtür ging und dachte, hier erwarten mich 400 Frauen“, erinnert sich Bethcke. 

Europas letztes Ledigenheim steht im Münchner Westend.

Das Münchner Ledigenheim, welches mittlerweile das einzige seiner Art in Europa ist, wurde 1927 nach den Plänen von Architekt Theodor Fischer fertiggestellt. 

Getragen wird es vom 1913 gegründeten Verein Ledigenheim München. Ursprünglich sollte mit Unterkünften wie diesen, das sogenannte „Schlafgängerwesen“ eingedämmt werden: 

Während der Industrialisierung war Wohnraum knapp, sodass beispielsweise Schichtarbeiter für wenige Stunden ein Bett mieteten, während der Besitzer nicht Zuhause war. 

„Die Jungs, die hier wohnen, haben alle einen vollen Lebensrucksack, voller als unsereins“, sagt Bethcke. Doch meist gehe es friedlich zu. Dass sie als Frau an oberster Stelle steht, sieht sie als Vorteil. 

„Ein Großteil der Zimmer hat ein Waschbecken, die Gemeinschaftsbäder sind auf dem Flur. Wenn ein Ferkel regelmäßig ins Waschbecken pieselt, merken die Reinigungsdamen das. 

Wenn ich als Frau dann den Herrn darauf anspreche, ist es ihm aber peinlich und er macht es nie wieder.“ 

Postkarte um 1930: Münchner Ledigenheim, modernster Aufenthaltsort für Männer.

Bisher kein positiver Corona-Fall im Ledigenheim

Wenn es darum geht Regeln einzuhalten, ist die 57-Jährige streng. Bereits im Januar hatte Bethcke geahnt, dass Corona auch vor München nicht Halt machen wird und die Bewohner von Anfang an sensibilisiert. „Bis heute haben wir keinen positiven Fall im Haus. 

Viele können das gar nicht glauben,“ sagt sie ein bisschen stolz. Die Auswirkungen der Pandemie machen sich trotzdem bemerkbar: „Die Instandsetzung in Sachen Brandschutz stellt uns vor große Herausforderungen, da das Gebäude unter Denkmalschutz steht. 

Durch Corona verzögern sich die Arbeiten natürlich.“ Bethcke hat in den vergangenen zehn Jahren viel geschafft. Die Eingangshalle wurde umgestaltet, die Zimmer modernisiert, die Innenhöfe bepflanzt. 

Dort steht heute noch ein Relikt aus vergangenen Zeiten: die schwarze „Entlausungsmaschine“. Neue Bewohner mussten darin ihre Kleidung reinigen, damit sich kein Ungeziefer in der Bleibe breit machen konnte. Heute hat Bethcke höchstens ab und an mit Fruchtfliegen zu 

kämpfen. 

Die schwarze „Entlausungsmaschine.

D. Borsutzky

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