„Mein Großvater hat mich stark gemacht“

München: Initiative für Roma und Sinti – Ihre Geschichte(n) selbst erzählen

Vanessa „Puppa“ Meinhardt (28):  „Mein Großvater hat mich stark gemacht“
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Vanessa „Puppa“ Meinhardt (28):  „Mein Großvater hat mich stark gemacht“

Initiative will Roma und Sinti in München besser sichtbar machen und Vorurteile abbauen.  Dabei erzählen Angehörige der Minderheit aus München Geschichten aus ihrem Leben und von  ihren Verwandten...

  • Initiative „RomAnity“ setzt sich für Roma und Sinti in München ein.
  • Vorurteile gegen die Minderheit sollen abgebaut werden.
  • Online-Portal mit Portraits von Angehörigen, Kunst und Kultur soll entstehen.

Sendling-Westpark – Was hat Schlagergröße Marianne Rosenberg mit dem Berliner Rapper Sido gemeinsam? Beide stammen aus Familien, die zur ethnischen Minderheit der Roma und Sinti gehören. 

„Das weiß nur fast keiner“, sagt Radoslav Ganev. „Genauso ist das im Alltag. Meine Nachbarn wissen auch nicht, dass ich ein Rom bin“, so der 33-jährige Sendlinger. „Dabei müssen wir diese Geschichten viel mehr erzählen, damit man eine andere Vorstellung von uns bekommt, als die gängigen, negativen Vorurteile.“ 

Diese positiven Geschichten zu erzählen, hat sich Ganev mit Eva Weinmann und Marleen Hausner vorgenommen. „Rom­Anity“ nennt sich ihre Initiative, deren Name bewusst „Roma“ und „Humanity“ (Menschheit) kombiniert, weil der Mensch im Fokus steht. 

Radoslav Ganev wohnt in Sendling.

Auf einem Online-Portal sollen dafür Portraits von Angehörigen einer der unbeliebtesten Minderheiten in Deutschland sowie deren Ansichten zu Kunst, Kultur oder Gesellschaft veröffentlicht werden. 

„Im Moment konzentrieren wir uns dabei nur auf München“, so Ganev. In der Landeshauptstadt leben seiner Schätzung nach dauerhaft zwischen 800 und 2000 Sinti und Roma. 

„Daneben gibt es natürlich auch viele Armutszuwanderer und Billiglohnarbeiter, die einen entsprechenden Hintergrund haben“, weiß der „Rom­Anity“-Gründer, der im Sozialdienst für Flüchtlinge bei der Inneren Mission arbeitet. 

Gegründet wurde die Initiative mithilfe des Münchner Vereins „Lichterkette“, inzwischen fördert sie auch der Bezirksausschuss Feldmoching-Hasenbergl­. Ihre Internetseite ist am 2. August – dem Gedenktag des Genozids an den Roma und Sinti während des Zweiten Weltkriegs – online gegangen. 

Eltern hatten sich immer darum bemüht, ihre Herkunft zu verschleiern

Passend dazu erzählen in den ersten drei Geschichten Münchner Roma und Sinti, wie der Holocaust ihre Familie betroffen hat – und ihr Leben noch heute beeinflusst. Die Protagonisten dafür hat das Projekt „Drom“ der Diakonie Hasenbergl vermittelt. 

„Ohne deren jahrelange Arbeit wäre es für uns schwer geworden. Es gibt da einfach eine Hemmschwelle, weil bei vielen Roma und Sinti über so etwas nicht geredet wird“, erklärt Ganev. 

Der Sendlinger, der mit acht Jahren von Bulgarien nach Deutschland kam, hat selbst ein jahrelanges Versteckspiel hinter sich. Seine Eltern hatten sich immer darum bemüht, ihre Herkunft zu verschleiern: 

„Wir lebten niemals in einer Roma-Siedlung, meine Mutter hat uns bewusst die Sprache der Roma nicht gelehrt“, erzählt der 33-Jährige. So sollte er als der Mensch angesehen werden, der er ist – und nicht nur als Rom. 

Mit „RomAnity“ will Ganev beweisen, dass es anders gehen muss: „Wir müssen uns zeigen, sonst brauchen wir uns nicht zu wundern, dass immer die gleichen Vorurteile kommen.“ 

„Mein Großvater hat mich stark gemacht“

Vanessa „Puppa“ Meinhardt (28) aus München erzählt: „Mein Großvater war der einzige in meiner Familie mit einem Tattoo. Auch wenn es nicht so auffällig war wie die, die ich schön fand, war es irgendwie cool. Nur wollte oder konnte er mir nie wirklich sagen, warum er eins hatte. Als Kind fragte ich ihn einige Male nach dem Ursprung. Dann murmelte er immer etwas von einem Lager, was ich nicht verstand. Erst in der Schule sollte ich erfahren, woher mein Opa seinen ‚Körperschmuck‘ hatte. Da erzählte er als Zeitzeuge der Klasse, was er im Konzentrationslager erlebt hat. Wie es war, einem beim Essen vor Erschöpfung Verstorbenem das Brot zu nehmen, um selbst nicht zu verhungern oder wie schwer es war zu zählen, während man ausgepeitscht wurde, um sich nicht zu verzählen, weil dann die Folter von vorne begann. Seine Geschichte hat mich stark gemacht. Egal in welch scheinbar ausweglosen Situationen ich mich befunden habe, dachte ich an meinen Opa. Er hat viel Schlimmeres durchgestanden, überlebt und dennoch ein zufriedenes Leben führen können. Daran erinnert mich auch dieses Bild auf dem er angelehnt am Wohnwagen sein Tattoo zeigt. Sein zu dürfen, wer man ist – dafür setze ich mich heute ein und deswegen ist es mir wichtig diese Geschichte zu erzählen.“

„Puppas“ ganze Erzählung sowie weitere Berichte gibt es unter www.romanity.de.

Städtische Aktion startet erst im Herbst

Auch die Fachstelle für Demokratie der Stadt München will in diesem Jahr auf die Situation der Roma und Sinti in der Landeshauptstadt aufmerksam machen. Geplant ist eine Postkarten­- und Plakat-­Kampagne bei der acht Münchner vorgestellt werden. 

2018 gab es so eine Aktion bereits für Muslime in München. „Die Kampagne ‚Ich bin Münchner – Ich bin Muslim‘ wird nun auf eine weitere gesellschaftliche Gruppe übertragen, die vielfach sehr eindimensional wahrgenommen und häufig mit Vorurteilen belegt wird“, so Leiterin Miriam Heigl. 

Ursprünglich sollte die Aktion ebenfalls zum Roma-Gedenktag am 2. August starten. Corona-bedingt ist der Beginn nun auf den Herbst 2020 verschoben worden.

rea

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