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Das Bodelschwingh-Haus bietet seit 60 Jahren Haftentlassenen und Wohnungslosen eine Bleibe

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Von: Daniela Borsutzky

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Die Pädagogen Laura Schurkus und Sebastian Stockmeier leiten die Einrichtung an der Schiller- Ecke Landwehrstraße.
Die Pädagogen Laura Schurkus und Sebastian Stockmeier leiten die Einrichtung an der Schiller- Ecke Landwehrstraße. © Daniela Borsutzky

Das Bodelschwingh-Haus wird 60 Jahre alt. Das Haus leistet wichtige Arbeit für Haftentlassene und Wohnungslose. Wie es in der Einrichtung ausschaut...

LUDWIGSVORSTADT Leon, Anfang 50, gelernter Koch, sitzt im gelb-beige gestrichenen Speisesaal, der auch als Multifunktionsraum genutzt wird. Ein Blick durch die Fenster an der Schiller- Ecke Landwehrstraße zeigt das bunte Treiben im Bahnhofsviertel. Seit etwas mehr als einem Jahr wohnt Leon – der in Wirklichkeit einen anderen Namen hat, aber schon immer mal so heißen wollte – hier.

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Davor war er im Gefängnis. „Das sind zwei Welten“, sagt Leon. „Der Wechsel stellt einen vor Herausforderungen.“ Hier, an der Schillerstraße 25, im Bodelschwingh-Haus, bekommen Menschen wie Leon seit 60 Jahren Unterstützung.

Das Haus ist eine Einrichtung für Männer mit besonderen sozialen Schwierigkeiten. „Es sind vor allem Männer, die von Wohnungs- beziehungsweise Obdachlosigkeit betroffen sind oder aus der Haft entlassen wurden und Schwierigkeiten dabei haben, ihr Leben selbstständig zu bewältigen“, erklärt Sebastian Stockmeier, der das Haus zusammen mit Laura Schurkus leitet. 35 Plätze gibt es an der Schillerstraße.

60 Jahre Bodelschwingh-Haus: Ziel ist die Resozialisierung 

Maximal sieben Bewohner leben in Einzelzimmern auf einem Stockwerk wie in einer WG, sie teilen sich Küche, Bad und Wohnzimmer. Auf jedem Flur arbeitet ein Sozialpädagoge, die Türen zu ihren Büros stehen immer offen. Zwei Jahre können die Männer im Bodelschwingh-Haus bleiben.

Außerdem gibt es zwei Außengruppen mit insgesamt 15 Plätzen in Hadern und Ramersdorf, für Männer, die mehr Zeit benötigen. Das Ziel ist ihre Resozialisierung: wieder eine Wohnung und Arbeit finden, Schulden abbauen, lebenspraktische Kenntnisse erwerben und ausbauen.

Ein typischer Tagesablauf sieht bei jedem Bewohner anders aus. Leon widmet sich nach dem Aufstehen seiner Morgenhygiene, frühstückt, dann geht es Montag bis Freitag zur Weiterbildung. Gegen 17 Uhr ist er wieder im Haus und hat Freizeit. Einmal die Woche hat er Putzdienst auf der Etage, einmal wöchentlich geht er in den Chor, am Wochenende trifft er sich mit Freunden oder macht eine Fahrradtour. Wie es in Zukunft bei ihm weitergeht, weiß er noch nicht. Sein langfristiges Ziel sei es, Arbeit zu finden und dann entsprechenden Wohnraum.

60 Jahre Bodelschwingh-Haus: Der Wunsch nach Akzeptanz

Über die Dauer und Hintergründe seines Gefängnisaufenthalts möchte Leon nicht sprechen. „Sie haben ihre Strafe verbüßt. Wir konzentrieren uns in der pädagogischen Arbeit auf die Gegenwart und Zukunft“, wirft Einrichtungsleiter Sebastian Stockmeier ein. „Wir schauen nach Einzug im Bodelschwingh-Haus nicht so sehr darauf, was in der Vergangenheit war.“

Man sehe die Einrichtung als Sprungbrett. „Wegbereiter“, fügt Leon hinzu. Er sei hier sehr offen und herzlich empfangen worden, bekomme viel Unterstützung, beispielsweise bei Behördengängen. Oft habe er einfach nur das Bedürfnis zu reden und dann sei immer jemand da.

Das Bodelschwingh-Haus von außen.
Das Bodelschwingh-Haus von außen. © Daniela Borsutzky

Umgekehrt bringt sich auch Leon ein: Bei der Gestaltung des neuen Flyers der Einrichtung hat er Fotos beigesteuert, beim Layout und der inhaltlichen Konzeption unterstützt. Er habe ein Auge dafür, nicht nur, weil er selbst Betroffener ist. Im Rahmen seiner Weiterbildung lernt Leon derzeit Video-Design, künftig möchte er im Bereich „Bild und Ton“ arbeiten.

Die größte Sorge sei, am Ende der Zeit im Bodelschwingh-Haus nicht zu wissen, wohin es dann geht: „Das ist gefühlt der größte Stein. Dass man dann vielleicht kein eigenes Zimmer mehr hat, dem System ausgeliefert ist.“ Er wünscht sich Akzeptanz und keine Vorverurteilung seitens der Gesellschaft. „Ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt, sondern als Individuum wahrgenommen werden.“

Das Bodelschwingh-Haus

Im Juli 1962 wurde das Bodelschwingh-Haus an der Schillerstraße 25 eröffnet. Das Haus ist eine Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks, eine Tochtergesellschaft der Diakonie. Die Kostenübernahme für den Aufenthalt erfolgt durch den Bezirk Oberbayern. Eine Feier zum 60. Geburtstag gibt es nicht. „Das hätte viel Planung erfordert und die Pandemie-Lage war uns zu unsicher“, sagt Einrichtungsleitung Laura Schurkus. Bald steht eine Renovierung an: „Saniert werden müssen vor allem die Rohre und Leitungen, aber auch die Inneneinrichtung braucht eine Modernisierung“, sagt die Sozialpädagogin. Sie hofft, dass es im kommenden Jahr losgeht.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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