„Es ist jedes Mal spannend"

Der Gott Kairos aus der Münchner Hölle – In dieser Kunstgießerei entstehen seit mehr als hundert Jahren Skulpturen aus Bronze

Bronzezeit im Westend: Kunstgießer Robert Niedermeier sieht im Schmelzofen nach, ob das Metall schon flüssig ist.
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Bronzezeit im Westend: Kunstgießer Robert Niedermeier sieht im Schmelzofen nach, ob das Metall schon flüssig ist.

In der Kunstgießerei  im Westend entstehen seit mehr als hundert Jahren Bronze-Skulpturen. Die Entstehung des Gottes Kairos und der Redewendung „die Gelegenheit beim Schopf packen“.

  • In der Kunstgießerei Niedermeier im Westend entstehen seit über hundert Jahren Bronze-Skulpturen.
  • Die Entstehung des griechischen Gottes Kairos aus einem Schmelzofen in München.
  • Die Herkunft der Redewendung „die Gelegenheit beim Schopf packen“.

Kairos, der griechische Gott der günstigen Gelegenheit (s. unten), wird dieser Tage im Münchner Westend geboren. In einer großen, grauen Halle, im Hinterhof am Gollierplatz 8. Dort riecht es nach heißgelaufenen Bremsen, auf Boden und Oberflächen haftet rot-brauner Natursand, Metall schlägt unaufhörlich aufeinander. 

Der jüngste Sohn des Zeus kommt aus der Hölle auf die Welt: Aus einem im Boden eingelassenen Schmelzofen, der gut 1300 Grad heiß ist. Kairos Schöpfer ist Kunstgießer Robert Niedermeier. Der 67-Jährige ist seit 2003 Chef des inhabergeführten Meisterbetriebs mit einer über hundertjährigen Tradition. 

Sigi Sommer, der bronzene Spaziergänger am Roseneck, wurde hier gegossen. 

Und Anfang der 70er-Jahre, als Niedermeier noch im väterlichen Betrieb beschäftigt war, entstand hier im Westend die „Große Kugelkaryatide“ – besser bekannt als „The Sphere“: Ein zwei Tonnen schwerer Globus, der zwischen den Türmen des World Trade Centers in New York aufgestellt wurde. 

Ein Gott ensteht aus der Münchner Hölle

Niedermeier prüft, ob die Bronze im Schmelzofen schon flüssig genug ist. Mit einem Besenstiel klopft er fest gegen die Wand. „Betriebskommunikation“, erklärt der Meister. Sogleich sieht man den Kopf eines Mitarbeiters von der Galerie nach unten blicken. „Fertig machen zum Gießen“, sagt Niedermeier. Er und drei Mitarbeiter legen schweigend weitere Schutzkleidung an. Dann wird gewartet, beinahe andächtig, auf den richtigen Moment. Ruhig erteilt der Meister letzte Anweisungen – und dann wird es richtig heiß. 

Zu zweit heben sie den glühenden Grafit-Tiegel aus dem Ofen, ein dritter bedient den Kran. Dann steigen die Männer auf Leiter und Eigenkonstruktionen und gießen mithilfe des vierten Gesellen, die flüssige Bronze in die hohle Schamotteform (feuerfester Stein). Dabei muss es ruhig zugehen, denn gegossen wird vor allem nach Gehör. 

„Die Luft muss ganz aus der Form, sonst gibts Unebenheiten“, erklärt Niedermeier später. Auch wenn erst durch Niedermeiers Arbeit die fertigen Skulpturen, Reliefs oder Grabobjekte entstehen, sieht er sich keineswegs als Künstler: „Was wir machen, ist Handwerk, wir sind das ausführende Organ. Wir bekommen vom Künstler das Modell und gießen es möglichst originalgetreu in dem von ihm gewünschten Material.“ 

Die Corona-Pandemie hat seinen Betrieb bislang nicht beeinträchtigt, die Auftragslage sei wie zuvor. 

„Vielleicht weil wir ein Nischenzweig sind, ich weiß es nicht“, sagt Niedermeier. Kairos, beziehungsweise sein Torso, muss bis morgen erkalten. Dann wird er „ausgepackt“. Erst dann zeigt sich, ob der Guss erfolgreich war. „Es ist jedes Mal spannend. Aber zu 99,8 Prozent hat es bisher funktioniert“, sagt Niedermeier

Die Körperteile des Gottes müssen dann noch zusammengeschweißt werden. Die anschließende Feinarbeit am Metall, das sogenannte ziselieren, kann gut einen Monat oder länger dauern. Ob Kairos danach in den Olymp zieht, in den Garten eines Sammlers oder ganz woanders hin, das weiß Niedermeier nicht. 

Der Gott Kairos entsteht in hundert Jahre alten Kunstgießerei

In der Kunstgießerei Niedermeier am Gollierplatz 8 entstehen seit mehr als hundert Jahren Skulpturen aus Bronze.
In der Kunstgießerei Niedermeier am Gollierplatz 8 entstehen seit mehr als hundert Jahren Skulpturen aus Bronze. © dbo
Ursprünglich hieß die 1902 gegründete Gießerei "Kunstgießerei Hans Mayr". 2003 übernahm Robert Niedermeier den Betrieb.
Ursprünglich hieß die 1902 gegründete Gießerei "Kunstgießerei Hans Mayr". 2003 übernahm Robert Niedermeier den Betrieb. © dbo
Von außen sieht das Gebäude wie ein normals Wohnhaus aus. Geht man durch den Innenhof...
Von außen sieht das Gebäude wie ein normals Wohnhaus aus. Geht man durch den Innenhof... © dbo
... gelangt man in die Gießerei. Hier wird entweder im sogenannten Wachsausschmelzverfahren oder im Sandformverfahren gearbeitet. Bei ersterer Variante wird im Glühofen (li.u.) die Form ausgeschmolzen.
... gelangt man in die Gießerei. Hier wird entweder im sogenannten Wachsausschmelzverfahren oder im Sandformverfahren gearbeitet. Bei ersterer Variante wird im Glühofen (li.u.) die Form ausgeschmolzen. © dbo
Beim Wachsausschmelzverfahren wird zunächst eine Negativform des Modells angefertigt – in diesem Fall die Rückseite einer Eule aus Silikon.
Beim Wachsausschmelzverfahren wird zunächst eine Negativform des Modells angefertigt – in diesem Fall die Rückseite einer Eule aus Silikon. © dbo
In der hauseigenen Wachswerkstatt wird aus der Negtivform anschließend ein Wachsmodell angefertigt. An dieses müssen dann Gusskanäle und Nägel angebracht werden, bevor es in Schamotte eingebettet wird. Im Glühofen wird die Form ausgeschmolzen.
In der hauseigenen Wachswerkstatt wird aus der Negtivform anschließend ein Wachsmodell angefertigt. An dieses müssen dann Gusskanäle und Nägel angebracht werden, bevor es in Schamotte eingebettet wird. Im Glühofen wird die Form ausgeschmolzen. © dbo
Im Schmelzofen herrscht eine Temperatur von etwa 1300 Grad. Immer wieder prüft Robert Niedemeier ob das Metall schon flüssig ist.
Im Schmelzofen herrscht eine Temperatur von etwa 1300 Grad. Immer wieder prüft Robert Niedemeier ob das Metall schon flüssig ist. © dbo
Die angeglühten Bronzebarren werden mit dem Hammer geteilt, damit sie besser in den Schmelzofen passen.
Die angeglühten Bronzebarren werden mit dem Hammer geteilt, damit sie besser in den Schmelzofen passen. © dbo
Neben dem Wachsausschmelzverfahren gibt es auch das Sandformverfahren. Für Niedermeier ist letztere die schönere Variante: "Das ist wesentlich aufwändiger und teurer. Aber wenn ich nicht unter Druck stehe, arbeite ich lieber mit Sand."
Neben dem Wachsausschmelzverfahren gibt es auch das Sandformverfahren. Für Niedermeier ist letztere die schönere Variante: "Das ist wesentlich aufwändiger und teurer. Aber wenn ich nicht unter Druck stehe, arbeite ich lieber mit Sand." © dbo
Als es ans Gießen geht, ist höchste Konzentration gefragt: Gemeinsam wird der Grafit-Tiegel aus dem Schemlzofen gehoben.
Als es ans Gießen geht, ist höchste Konzentration gefragt: Gemeinsam wird der Grafit-Tiegel aus dem Schemlzofen gehoben. © dbo
Der Meister und zwei Gesellen bringen sich um die Form in Stellung, ein weiterer bedient den Kran.
Der Meister und zwei Gesellen bringen sich um die Form in Stellung, ein weiterer bedient den Kran. © dbo
Dann gießen sie das flüssige Metall vorsichtig in die Form aus feuerfestem Stein. Dabei muss es ruhig zugehen, denn gegossen wird vorallem nach Gehör. "Die Luft muss ganz aus der Form, sonst gibt es Unebenheiten", erklärt Niedermeier.
Dann gießen sie das flüssige Metall vorsichtig in die Form aus feuerfestem Stein. Dabei muss es ruhig zugehen, denn gegossen wird vorallem nach Gehör. "Die Luft muss ganz aus der Form, sonst gibt es Unebenheiten", erklärt Niedermeier. © dbo
Nichts geht verloren: Aus der überschüssigen Bronze im Tigel werden wieder neue Barren gegossen.
Nichts geht verloren: Aus der überschüssigen Bronze im Tigel werden wieder neue Barren gegossen. © dbo
Bis zum nächsten Tag muss das Metall in der Schamotteform erkalten. Dann wird er "ausgepackt". Erst dann zeigt sich, ob der Guss erfolgreich war. Anschließend kommt die Skulptur in die hauseigene Ziselierwerkstatt. Dort erfolgt der Feinschliff am Metall, der mehrere Wochen dauern kann.
Bis zum nächsten Tag muss das Metall in der Schamotteform erkalten. Dann wird er "ausgepackt". Erst dann zeigt sich, ob der Guss erfolgreich war. Anschließend kommt die Skulptur in die hauseigene Ziselierwerkstatt. Dort erfolgt der Feinschliff am Metall, der mehrere Wochen dauern kann. © dbo
In Robert Niedermeiers Betrieb wird hauptsächlich mit Bronze gerbeitet – aber auch mit anderen Metallen wie Silber oder Gold.
In Robert Niedermeiers Betrieb wird hauptsächlich mit Bronze gerbeitet – aber auch mit anderen Metallen wie Silber oder Gold. © dbo
Diese Tierfiguren sind Eigenkreationen von Niedermeier. Etwa 100 Stunden Arbeit stecken in einer Figur. Andere Modelle und Skulpturen durften wir bei unserem Rundgang nicht fotografieren, da das Urheberrecht beim Künstler liegt.
Diese Tierfiguren sind Eigenkreationen von Niedermeier. Etwa 100 Stunden Arbeit stecken in einer Figur. Andere Modelle und Skulpturen durften wir bei unserem Rundgang nicht fotografieren, da das Urheberrecht beim Künstler liegt. © dbo

Die Gelegenheit beim Schopf packen

Die Redewendung „die Gelegenheit beim Schopf packen“ geht vermutlich auf den griechischen Gott Kairos zurück. Bildlich wurde dieser in der Mythologie auf Zehenspitzen stehend, mit Flügeln an den Füßen, einer Haarlocke, die ihm in die Stirn fällt sowie einem kahlen Hinterkopf dargestellt. Nur wenn man also auf den rechten Augenblick vorbereitet war, konnte man den unablässig umherhuschenden Kairos beim Schopf packen und rutschte nicht am kahlen Hinterkopf ab.

Daniela Borsutzky

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