Der Glücksritter aus Ankara

München

Ethem Kocer steht auf dem Balkon seiner Wohnung im Arnulfpark. Bis zu den Gleisen, wo die Züge unablässig Richtung Hauptbahnhof stampfen, ist es nur ein Steinwurf. Ethem Kocer mag diesen Anblick. Auch er saß vor vielen Jahren einmal in einem dieser Züge. Es ist der 2. Mai 1965. Ein sonniger Frühlingstag. Drei Tage hat der damals 32-Jährige da bereits in einem stickigen Abteil verbracht. Tausende Kilometer ist der Zug aus seiner Heimat, einer kleinen Stadt bei Ankara, über windige Bahnstrecken gerumpelt. Und plötzlich steht er da, am Bahnsteig auf Gleis 11. In einer fremden Welt, mit nichts als einem grauen Anzug, einem schwarzen Koffer und 800 Mark in der Tasche. Wie hunderttausende andere hatte der heute 78-Jährige seine Heimat in der Türkei verlassen, um im fernen Deutschland sein Glück zu suchen. Möglich gemacht hatten diesen Zustrom die Anwerbeabkommen für Gastarbeiter, die die Bundesrepublik 1961 mit der Türkei – später mit diversen Anrainer-Staaten des Mittelmeers – geschlossen hatte. Von 1964 bis 1974 wuchs die Zahl der Türken in München von 7500 auf 36 000, heute leben 43 110 an der Isar (siehe Kasten). Doch der massive Zustrom der Arbeitsmigranten stellte die Behörden in der Landeshauptstadt schnell vor Probleme. Also wurde der Bunker unter dem Bahnhof kurzerhand zur Wartehalle ausgebaut. Tausende Gastarbeiter warteten hier auf ihren Weg ins Glück, bekamen eine warme Mahlzeit und harrten oft tagelang aus, ehe sie registriert und an Arbeitgeber weitergeleitet wurden. Ethem Kocer bleibt all dies erspart. „Ein Freund von mir hat hier in München studiert“, sagt der 78-Jährige. Bei ihm kommt der junge Mann unter. Dass es der Beginn eines neuen Lebens sein würde, ahnt der gelernte Maßschneider nicht. Nach Deutschland gehen, Geld verdienen, in der Heimat wieder eine Existenz aufbauen: Mit diesem Plan war der 32-Jährige wie all die anderen Gastarbeiter nach München gekommen. Doch das Schicksal hat anderes mit ihm vor. Bereits einen Tag nach seiner Ankunft lernt der junge Mann ein Mädchen kennen. Eine Deutsche. Es ist seine zukünftige Frau. Schnell lernt Kocer Deutsch, und nach vier Monaten als Putzkraft in den Münchner Trambahnen kann er auch wieder als Schneider arbeiten. Und nach wenigen Jahren macht er sein eigenes Geschäft in der Klenzestraße auf. „Da bin ich endgültig in Deutschland angekommen.“ Tobias Gehre

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